Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Gegen weitere Verblödung

Es wird nicht alles schlechter! Das Fernsehprogramm für Kinder zum Beispiel. Aus der Tristesse von glotzenden Manga-Gesichtern unzähliger Fernost-Zeichentrickfilme, den augenschmerzenden Pastellangriffen kitschiger Disneyfilme und den vorwiegend deutschen Langweilerproduktionen mit moralischen oder immer öfter auch politisch korrekten Zeigefingern ragt wie ein Fels in der Brandung „Galileo“ hervor. Dabei wird dieses Magazin gar nicht kindgerecht am Nachmittag oder an „elternfreien“ Morgenstunden am Samstag ausgestrahlt, wenn die Erziehungsberechtigten um der verlängerten Nachtruhe willen gern ein Auge beim Fernsehkonsum zudrücken. „Galileo“ kommt wochentags um kurz vor halb acht auf Pro Sieben und ist zu dieser Hauptsendezeit auch eher auf das konsumfreudige Publikum zwischen 18 und 49 zugeschnitten, welches alternativ zum Sendeangebot nicht schon vor der Tagesschau das Gehirn auf den „GZSZ“-Modus herunterfahren möchte. Doch das Format, welches erstmals am 30. November 1998 auf Sendung ging, konnte selbst das ganz junge Publikum erobern und dem traditionellen Sandmännchen vielfach jede Autorität rauben, die lieben Kleinen schon vor sieben ins Bett zu schicken. Noch vor dreißig Jahren saßen Vier- bis Zehnjährige tagtäglich tumb vor Straßenszenen gerade vor dem Verfall stehender Mittelstandsbezirke in US-Städten, wo Gordon und Bob inmitten von Mülltonnen (da war Oskar drin), noch graffitifreien Ziegelmauern und dem letzten noch hier lebenden Ellis-Island-Einwanderer in seinem Kiosk (Mr. Huber) mit Plüschmonstern plauschten. Allenfalls wöchentlich riß die „Maus“ in ihrer Sendung das aufgeweckte Kind aus dem längst belächelten ABC-Aufzählen von Grobi oder Schlemihl oder dem noch blöderen 1,2,3 des „Graf Zahl“, um in Produktionsabläufe alltäglicher Erzeugnisse einzuführen. 2004 und um mehrere Schrecken aus Pisa-Studien reicher, übernimmt die Rolle der Maus der arabischstämmige Moderator Aiman Abdallah im Vorabendprogramm. In der Wissenssendung des 1965 in Bad Kreuznach Geborenen reiht sich – unterbrochen von zwei Werbeblöcken – Fabrikbesichtigung an Fabrikbesichtigung. So erfährt man, wie ein Konzertflügel entsteht, welcher Aufwand hinter einem 120-Tonnen-Schiffsdiesel steckt, wie Eiersalat gemacht wird oder welchen Hintergrund bestimmte Sprichwörter haben. Bereits 2001 wurde das laut Forsa-Umfrage bekannteste und beliebteste Wissensmagazin für diese Aufklärungsleistung im deutschen Fernsehen mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Im Berliner Kindergarten „Heilige Maria Magdalena“ geben sich die Kindergärtnerinnen erfreut, daß bereits die Kleinsten kurz nach dem Spracherwerb am nächsten Tag aufgeregt berichten, wie der Schwertransport mit Kraftwerksteilen quer durch Stadt und Land bewerkstelligt wurde. Käpt’n Blaubär oder andere Figuren aus der „Sendung mit der Maus“ scheinen dabei nicht vermißt zu werden. So wird schon früh das Interesse für Technik geweckt, um den Ingenieur-nachwuchs in unserem Hochtechnologiestandort Deutschland sicherzustellen. Als sei es eine Dauerwerbesendung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, hebt „Galileo“ mit seinen Beiträgen auch immer wieder die Leistungsfähigkeit von Fabriken zwischen Emden und Zittau hervor. In der Rubrik „Made in Germany“ werden Produkte wie Süßer Senf, Brausepulver, Bierschinken und Matjes-Filets beschrieben oder deutsche Marken wie Adidas, Porsche, Trigema, Rotkäppchen, Fischer-Dübel oder Würth-Schrauben vorgestellt. Der Erfolg mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 12,6 Prozent in der „werberelevanten“ Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren und einem Anteil von 6,8 Prozent insgesamt, was immerhin an jedem vorabendlichen Werktag 1,4 Millionen Zuschauern entspricht, kann sich für Pro Sieben und „Galileo“-Chefredakteur Guido Bolten sehen lassen – insbesondere mit Blick auf die Mitbewerber, denen gerade in der schwierigen Stunde vor dem Hauptabend keine wirklich erfolgreiche Profilierung gelingt. Jetzt wurde „Galileo“ zum 1.500. Mal ausgestrahlt. Dem Magazin, welches Unterhaltung, Technik, Natur und Wissen derart geschickt verknüpft, dürften noch mehrere tausend Sendungen zu wünschen sein. Dem Trend zur allgemeinen medialen Verblödung konnte diese Sendung bisher wenigstens ein kleines bißchen entgegensetzen.

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