Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Markenzeichen Patriotismus

Vaterlandsverrat, Spionageverdacht, Vorwürfe des Drogenmißbrauchs, Hetzkampagnen, Privatdetektive, undurchsichtige Finanzen, anonyme Drohbriefe, nicht zu vergessen Cindy Crawford und Tom Cruise – was sich im letzten halben Jahr in Auckland abspielte, bot alle Elemente eines packenden Hollywood-Drehbuchs. Zwei Wochen nach dem letzten Rennen ist das Drama „America’s Cup“ für Neuseeland noch lange nicht vorbei, auch wenn sich viele Einheimische mit einem Seufzer der Erleichterung endlich wieder ihrer (nach „Coronation Street“) zweitliebsten englischen Seifenoper zuwenden: Die tägliche Berichterstattung vom Hauraki-Golf hatte die Spannung am Persischen Golf aus den Nachrichtensendungen und dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt. Zur Entwöhnung konnte der neuseeländische Fernsehzuschauer in epischer Breite den Abtransport der Trophäe und ihren Empfang in der Schweiz verfolgen, die „nicht einmal eine Küste hat“, wie ein entsetzter Blick in den Weltatlas bestätigte. Inzwischen ist aus dem ältesten internationalen Sportwettkampf (Die Trophäe gibt es seit 1851) längst ein Wettlauf der Sponsoren geworden. Unterhalb der Fünfzig-Millionen-US-Dollar-Grenze sind derlei Ehrungen heute kaum noch zu haben. Die neun Boote, die seit letztem Oktober im Louis Vuitton Cup um das Recht stritten, in einer Stichrunde gegen den Titelverteidiger antreten zu dürfen, dürften sich in Aucklands American Express Viaduct Harbour zu Hause gefühlt haben. Nur die neuseeländische Mannschaft verschmäht alle wohlklingenden Markennamen und heißt im bunten Reigen von Oracle BMW, OneWorld Challenge, Prada, Masacalzone Latino eben ganz hausbacken „Team New Zealand“, dessen Gründer Sir Peter Blake galt als Nationalheld, seit seine Mannschaft den Pokal 1995 auf Anhieb aus San Diego nach Neuseeland holte. Als er Anfang Dezember 2001 auf dem Amazonas von brasilianischen Flußpiraten ermordet wurde, erkor man den sechsmaligen Weltumsegler schnell zum Schutzheiligen des Kiwi way of life, der Liebe zum Abenteuer und zur Natur. Um so mehr wurde Skipper Russell Coutts und seinem Taktiker Brad Butterworth verübelt, das Vermächtnis dieses Märtyrers beschmutzt zu haben. In der neuseeländischen Presse wurden beide wahlweise als „Überläufer“ und „Deserteure“ bezeichnet, seit sie sich wenige Wochen nach der erfolgreichen Titelverteidigung im März 2000 von Pharmamillionär Ernesto Bertarelli für dessen neugegründetes Syndikat Alinghi abwerben ließen. Die Stichrunde des America’s Cup, die am 15. Februar begann, stand von Anfang an unter einem schlechten Stern: Mal mit Windflauten, mal mit starken Böen und hohem Wellengang machte das Wetter den Organisatoren immer wieder einen Strich durch die Rechnung, und Neptun schien seinem Inselvolk am wenigsten gewogen. Da halfen auch die roten Socken, Sir Peters legendärer Talisman, nichts. Bald verließen die ersten Ratten das sinkende Schiff, und die Schlagzeilen nahmen sich plötzlich gar nicht mehr loyal aus: „Alinghi versus a dinghy“, titelte die Wellingtoner Dominion Post am 1. März, nachdem dem neuseeländischen Boot der Mast abgebrochen war. Am nächsten Renntag kam das Aus für den „Kahn“, dessen Baupläne einst ein eifersüchtiger gehütetes Staatsgeheimnis waren als Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Nach fünf von neun Rennen stand es 5:0 für die Alinghi-Besatzung. Coutts hatte den Titel zum dritten Mal verteidigt, Neuseeland „gegen sich selbst verloren“, wie eine australische Tageszeitung schadenfroh konstatierte. In Wirklichkeit sind neuseeländische Herzen längst nicht so schwarz, wie die „Black Hearts“-Plakataktion vermuten ließ, mit der ein paar übereifrige Patrioten das Schweizer Syndikat zu verunglimpfen suchten. Fairneß und sportliches Verhalten stehen hoch im Kurs, die marktwirtschaftlichen Werte der globalen Leistungsgesellschaft nicht minder. Bei einer Anfang Februar im Auftrag der Tageszeitung New Zealand Herald durchgeführten Umfrage sagten 77,8 Prozent der Befragten, als professionelle Sportler hätten Coutts und Butterworth „ein Recht, das lukrativste Angebot anzunehmen“. 32 Prozent der Neuseeländer fühlten sich „verraten“, während 58,4 Prozent diese Frage verneinten. Selbst ein waghalsiger Tourist, der zuletzt einsam wandernd in einem Alinghi-T-Shirt am westlichsten Zipfel der Südinsel, gesichtet wurde, dürfte inzwischen unversehrt nach Hause zurückgekehrt sein.

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