Geist ist geil!

Eine Kreativpause ist der angebliche Grund, weshalb Harald Schmidt seine Late-Night-Show zum Jahresende vorläufig einstellen wird. „Kreativpause“ gehört zu den „Unwörtern“ deutschen Zungenschlags, die eher virtuell als tatsächlich vorhanden sind. Das Wort wird genutzt, um Nichtstun und verlorene Zeiträume in ein positives Licht zu kehren. Mit anderen Worten: Es gibt keine Pause im Sinne des nach frischer Schöpferkraft duftenden angelsächsischen Wortes „Recreation“, sondern es handelt sich um eine vorgeschobene Ausrede für ein ungeplantes, jähes Ende der „Harald Schmidt Show“. Oder ist das angekündigte Ende am Ende doch nur ein geschickt eingefädelter Trick, um bei größtmöglicher Quote den Fortgang zu verkünden? Aber bleiben wir beim angekündigten Ende: Nein, Comedy ist bei Schmidt nicht gleich Comedy. Es ist für ihn mehr das Stilmittel der Sendung, nicht der eigentliche Inhalt. Viel wichtiger gebärte sich der bildungsbürgerliche Aspekt, der sich von der scharfzüngig kommentierten Tagespolitik bis hin zur Rezitation von Klassikern erstreckte. Comedy, Zoten et cetera wurden immer mehr zu einem Goldrahmen, der dazu verlockte, in den Spiegel des Weltenlaufes zu blicken. Ähnlich wie bei Karl Marxens feuervergoldetem Spruch in der Eingangshalle der Humboldt-Universität in Berlin „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, …“ ist es das Verdienst von Harald Schmidt, uns vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, von Loddar Matthäus über aktuelle Nachrichten bis hin zu geschichtlichen Ereignissen die Weltgeschehnisse auf amüsante Weise aufzuarbeiten, zu interpretieren und in einem neuen, oft klareren, oft entlarvenderen Blickwinkel zu zeigen. Selbst schwerste Kost konnte er auf leicht verdauliche Art servieren. Seine Themen und Pointen waren anderntags landauf, landab Gesprächs- und manchmal auch Zündstoff – vom Pausenhof zur Fabrikhalle, von der Mensa bis zum Manager-Meeting. Allabendlich sich wiederholende Rituale, welche wie Treppengeländer oder Leitplanken eine orientierende und schützende Funktion boten. Ein paar Eingangswitze im Stehen, der Gang an den Schreibtisch, Einspieler, ein bis zwei Talkgäste, denen er durchaus persönliche Sätze entlocken konnte. Einige Rituale gingen mit der Zeit ein, man erinnere sich an „Die dicken Kinder von Landau“, an den Briefträger „Letter-Man“, an „Ich sage Ja zum deutschen Wasser …“. Zum Schluß hat Harald Schmidt ein Beziehungsnetz zu einigen Mitarbeitern gespannt, die als Nebendarsteller in diversen Rollen fungierten. Erinnert sei an den fast immer sprachlosen Bandleader Helmut Zerlett oder seine „rechte Hand“ Redaktionschef Manuel Andrack. Die Show diente aber nicht nur dem Publikum, sie hatte auch einen Selbstzweck. Für den bekennenden Hypochonder Harald Schmidt war jede Sendung eine Art Psychotherapie oder Psychohygiene. Der in Neu-Ulm geborene, in Nürtingen aufgewachsene Theater- und Kabarettschauspieler, von Provinzialismus und katholisch-kirchlichem Engagement geprägt, haderte offenbar immer mit Beschränkung, Zurückhaltung, Schüchternheit, Duldsamkeit und Unterforderung, entwickelte einen entsprechend kompensierenden Geltungsdrang sowie eine zynische Verachtung derjenigen, die mit schnellen Spurts die ersten Zielgeraden des Lebens meisterten, während Harald längeren Atem beweisen mußte, bis er die Schnellschießer überrunden konnte. Seit Ende der achtziger Jahre kämpfte er sich über das WDR mit „Pssst“ und „Maz ab“ und der legendären „Schmidteinander“-Sendung hinauf in die ARD, um schließlich seit dem 5. Dezember 1995 das deutsche Late-Night-Show-Zeitalter einzuläuten. Während seinen Vorbildern keine „Kreativpausen“ aufgezwungen werden, müssen wir offenbar damit leben, daß mit der „Harald-Schmidt-Show“ nicht irgendeine x-beliebige Eintagsfliegen-Comedy-Sendung abhanden kommt, sondern ein Stück deutscher Kulturgeschichte. Denn seine Pointen waren intellektuelle Seitenhiebe auf Gesellschaft, Politik und Geschichte und vermieden meist den Geruch billigen Parfüms. „Dirty Harry“ durchbrach gerne mit spitzbübischem Lächeln Tabus, man denke an Witzeleien über das Dritte Reich oder über Ausländer. Schmidt bediente sich bekannter Stereotypen, vom klauenden Polen (LKW „Polski“) bis hin zum östlichen „Aufhol-Deutschen“. Diese Witze waren aber nicht bösartig, sondern sind zum Mitlachen der Betroffenen geeignet, selbst wenn man vor dem Lachen erst einmal den Atem anhalten muß. Er ist damit einer der Vorreiter, die sich gegen den Ansturm der political correctness zur Wehr setzen, mithin ein Kämpfer gegen das „Gutmenschentum“. Der selbstverschuldete Niedergang deutscher Leistungsfähigkeit offenbarte sich bei den letzten olympischen Spielen, deren Häufung von 3. und 4. Plätzen der deutschen Olympia-Mannschaft Schmidt zur Bemerkung veranlaßte: „Bronze – das Gold der Deutschen!“, die eine jahrzehntelange Fehlentwicklung in Deutschland auf allen Ebenen beschrieb. Dieser hintergründige Intellekt ist es, der zur Verleihung des Adolf-Grimme-Preises führte. Seine Witze selbst werden zwar zumeist von einem Witzeschreiber-Team hinter den Kulissen gefertigt, aber sein Genius ist die Virtuosität, mit der Schmidt seinen jahrzehntelang angesammelten und trainierten Schauspiel- und Allgemeinwissensfundus aktiviert, und in Kombination mit seiner Schlagfertigkeit und Improvisationskunst Pointen treffsicher platzieren kann. Der spröde Charmeur. Der Zyniker. Der typisch-deutsch-Oberlehrerhafte. Der Verona-Feldbusch-speichelgesättigt-auf-den-Mund-Küsser. Von 1995 bis 2003 hat uns „Schmidt-Schnauze“ begleitet, er hat uns in gewisser Weise den „grauen Alltag“ mit Pfeffer gewürzt. Nachdem am 8. Dezember die Absetzung der Schmidt-Show bekannt wurde, rasselte der Börsenkurs der ProSiebenSat1 Media AG um 3,3 Prozent herunter. Indikator für eine Fehlentscheidung. Am letzten Donnerstag demonstrierten gar 400 Menschen auf dem Münchner Odeonsplatz für die Fortsetzung. Sogar der politblasse Franz Maget (Vater des bayerischen „Projekt 18“ der SPD) entblödete sich nicht, den Bayerischen Rundfunk dazu aufzufordern, die Sendung samt Harald nach München zu holen. Nun, dann sollen sie halt kommen, die renditeträchtigeren Sendungen des ehemaligen „Es juckelt in der Lederhose“-Senders. „Sat1 – Endstation Babystrich“ oder ähnliches ist ab Januar als Ersatz für Schmidt vorgesehen. Schade, daß die Rendite über den Intellekt triumphieren wird. Aber vielleicht findet sich ein anderer Sender, der den wahren Wert der Sendung zu schätzen weiß. Ein Sender, der nicht sagt „Geiz ist geil“, sondern ein Sender, der sagt: „Geist ist geiler!“

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