Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Der Niedergang des Memories

Im vergangenen Jahr luden uns Nachbarn zu einem Adventskaffee ein. Nach Plätzchen und Plausch führte man die Wohnung vor, eigenhändig renoviert das meiste. Die Nachbarn sind tüchtige Leute, sie Hausfrau mit großem Obst- und Gemüsegarten, er landwirtschaftlicher Arbeiter. Der besondere Stolz beider vereinigte sich auf die beiden Kinderzimmer der zweijährigen Tochter und des vierjährigen Sohnes. Kunststoffpaneele an den Wänden, alles in Eigenarbeit auf das knapp hundertjährige Gebälk und die Lehmwände des Hauses angebracht. Was unsere eigenen Kinder am meisten beeindruckte, ja zu ungläubigem Erstaunen und hektischer Aktivität hinriß, war das gewaltige Spielzeugarsenal, das ordentlich in den Regalen und Schränken aufgeschichtet war und nun von zehn Kinderhänden aktiviert wurde. Es glitzerte und flimmerte, und da war nichts, was nicht bei Berührung lautstark mit den Kindern kommunizieren wollte. Die Puppen riefen beim Hochnehmen Mama, Papa oder ein eindringlich metallenes Wäähwääh, das Stoffhündchen wackelte mit Schwanz und Ohren, die Kuh mit dem Euter, und die Zweijährige hockte in einem „Multiplaycenter“, einer Art kunststoffenen Thron, der wackeln und singen konnte und links und rechts verschiedene Rassel- und Bimmelvorrichtungen aufwies. Es gab diverse Spielzeug-Handies, eine sprechende Eisenbahn mit monströsen Mitreisenden und ein Pipi-Töpfchen, das singen konnte. Von den Power-Rangers, den fiesen Digimons und einigen weiteren schreckenerregenden Kampfgefährten im Jungenzimmer hielten sich unsere Kinder respektvoll zurück. Es sind recht liebenswürdige Nachbarskinder, ein wenig still und zurückgezogen, mitunter fast apathisch wirkend die Kleine, wild und ausgelassen der Ältere. Jungs seien halt unruhiger, seufzte die Mutter entschuldigend und mit Blick auf unsere staunend verstummte Weiberschar, Ihrer sei eben ein bißchen ein Problemfall. Er leide unter Migräne, sei seit frühster Kindheit in nervenärztlicher Behandlung, auch sei ADHS, Hyperaktivität – welches Kind hat das heute nicht? – diagnostiziert worden. Er tobte durchs Zimmer, rüttelte dabei immer wieder wild an einer Tür, die ihm aber verboten schien. Vielleicht war dort ja der Minifernseher versteckt, den, das hatten die Nachbarn zuvor vertraulich verraten, der „Große“ unter dem Weihnachtsbaum finden sollte? Auf mein Nachfragen später, die Kinder waren ins Nebenzimmer abgerückt, reagierte die Hausherrin sehr verlegen, ihr Mann öffnete dann aber die Tür und zeigte auf eine riesige Wurstkammer, enorme Fleischstücke und eine Vielzahl an Wurstringen und -ketten aus der letzten Hausschlachtung hingen von der Decke in dem Raum und verströmten einen herrlichen Geruch. Da drang Geheul von nebenan, der Bub hatte zwei Plastikgestalten, von der Mutter „Spaghettipüppchen“ genannt, zerstört. Die gehörten seiner Schwester und sind eigentlich, so die Mutter, „unkaputtbar“, weil deren Zweck sogar darin bestünde, sich Arme, Beine und Hals verdrehen zu lassen. „Wir müssen ständig Neues anschaffen“, klagte sie, „was uns der Junge kostet!“ Als der Abschied nahte, begleiteten uns Vater und Sohn, „ein kleiner Abendspaziergang muß sein,“ entschied der Nachbar. Vor halb zehn sei er selten ins Bett zu bekommen. Spaziergang: hier bedeutete das, daß der Kleine „baiken, baiken!“ rief, ja forderte, sein winziges „Motorbike“ aus dem Schuppen holte und neben seinem Vater im Dunkeln, beleuchtet durch Minischeinwerfer, die abendliche Runde drehen durfte. Der anfängliche Unwillen in der Mimik des Nachbarn wich rasch einem gewissen Stolz. „Bis zu acht Stundenkilometer schafft er damit“, und wer weiß, vielleicht würde er es einst auf dem Gebiet ja zu etwas bringen. Dies ist kein exemplarisch erfundenes Moralstück, es ist eine tatsächlich erlebte Begebenheit, authentisch bis ins Detail. Die Vorstellung trifft auch nicht zu, daß sich im Zimmer unserer Kinder eine knapp begrenzte Menge an wohlausgewähltem Spielzeug von ausnahmslos hohem pädagogischen Wert findet. Keine Fröbelschen Steinbaukästen mit Bauanleitung in Fraktur, keine Filzwerkstatt für Waldorf-Engel und keine Märklin-Eisenbahn. Auch ließen die Kinder die selbstgefertigten holzfarbenen Bauklötze konsequent links liegen und spielten lieber mit bunten Legosteinen, was in der anthroposophischen Erziehung ein „Pfui“ hervorrufen würde, weil der Nachwuchs dabei ein falsches Bild von statischen Zusammenhängen erhält. Es gibt Dutzende von Stofftieren, die elterlicherseits regelmäßig heimlich ausgemistet werden, da ständig neue Saurier, Äffchen und Märchen Asyl suchen, von Verwandtschaft und kundenfreundlichen Banken und Supermärkten als nettgemeinte Kinderfreude hergereicht. Drei Memories in den Ravensburger-Versionen von 1971, 1978 und 1985 sowie ein neues mit „Pettersson und Findus“. Dann eine reiche Brettspielsammlung, deren Herstellung weitgehend vor einem Vierteljahrhundert datiert, vieles knallbunt und aus Plastik und von allem viel zu viel, wie es sich allabendlich beim Aufräumen des Zimmers, durch eine Unmenge an Tüchern und Decken von den Kindern in ein verzwicktes Höhlensystem verwandelt, herausstellt. Würde man die regelmäßig aus allen Ecken, aus Eisenbahnen und Teppichen hervorgesammelte Knete zu einem Haufen türmen, könnte man damit vermutlich ein Kleinkind in Originalgröße formen. Es wäre folglich unzutreffend, den eigenen Nachwuchs als vorbildlich genügsam darzustellen. Dennoch scheint er, die Spielgewohnheiten betreffend, zu einer aussterbenden Spezies zu gehören. Dies legt eine Studie der Münchener Unternehmensberatung Wieselhuber nahe, die im Januar Spielwarenindustrie und Medien vorgestellt wurde. Auf folgende Trends habe die in ihren Umsätzen stagnierende, wenn nicht rückläufige Spiele-Industrie zu reagieren, wenn sie sich nicht vorwerfen lasse wolle, bloßen Mangel zu verwalten: Kinder wirken (Fernsehwerbung!) häufiger auf die Kaufentscheidungen ihrer Eltern ein, wenden sich zunehmend früher von originärem Kinderspielzeug ab – hin zu Playstation und Computerspielen – und müssen sich dem steigendem Gruppenzwang zu sozial sichtbarem Konsum stellen: Handy, Markenfahrrad, Inline-Skates… Zudem entwickelten die Kleinen ein Bewußtsein für sogenanntes „smart-Shopping“, wobei sich ein ausgeprägtes Markenbewußtsein mit frühem Preisbewußtsein treffe. Der traditionelle Fachhandel habe seit 1997 5 Prozent an Marktanteilen abgeben müssen, zugleich sei der Umsatzanteil der sechs größten Spielzeughersteller, weitgehend der qualitätsbewußten „Traditionsunternehmen“ also, von rund 47 Prozent auf knapp 36 Prozent gesunken. Der Anteil von Videospielen am Umsatz der Spielwarenindustrie erfuhr von bereits beachtlichen 17 Prozent 1997 nun eine Steigerung auf 24 Prozent – Tendenz steigend. Hauptimporteur und schärfster Konkurrent in der Herstellung von Nicht-Markenware ist China. Die niedrigeren Produktionskosten im Ausland lassen daher gemäß der Studie keine Alternative zur Produktionsverlagerung außerhalb Deutschlands zu. Damit nicht zu verhindern sein dürfte das prognostizierte Schrumpfen der „Kernzielgruppe“ um 30 Prozent bis zum Jahr 2020. Mensch, ärger dich nicht, kann die Unternehmensberatung jedoch trösten: Immerhin befindet sich der Spieltrieb Erwachsener in einem gehörigen Aufwärtstrend.

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