Meister der Entstellung

Die Nachwelt flicht dem Mimen bekanntlich keine Kränze, doch daß Zeitgenossen einem, der eben ein für allemal von Bühne und Bildschirm abgetreten ist, sogar manchen Brocken Dreck nachwerfen, das schockiert. Zumal, wenn dieser Mime fast drei Jahrzehnte lang ein Millionenpublikum vor den Fernseher gelockt, unterhalten und erheitert hat und dafür unter anderem mit einer Goldenen Kamera, einem Goldenen Löwen und einer goldenen Schallplatte geehrt und belohnt wurde. So Diether Krebs, der in der vergangenen Woche mit erst 52 Jahren an Krebs gestorben ist. So manches Blatt „würdigte“ neben seiner Arbeit in unangemessener Ausführlichkeit auch seine menschlichen Schwächen. Die seriöse Welt zum Beispiel zerrte ans Licht, was sie bei Politikern gern diskreter behandelt. Genüßlich verbreitete sie sich über einige dunkle Stunden im Leben des verstorbenen Schauspielers. Und die in Berlin erscheinende Polit-Gazette Junge Welt hielt es für angebracht, seinem Nachruf die Feststellung „Lachen ist doch nicht so gesund“ voranzustellen. Vielleicht liegt es daran, daß man leicht auf jemanden schießt, der sich selbst immer zur Zielscheibe der Belustigung gemacht hat. Selbst in Talk-Shows, wo der ebenso nachdenkliche wie fixe, der ebenso intelligente wie selbstkritische Künstler Gelegenheit zur persönlichen Richtigstellung gehabt hätte, spielte er die Rolle des Blödels und bekannte sich vor johlendem Publikum zu Alkoholsucht und Flachsinn. Mindestens drei Generationen haben über die schrillen und dämlichen, die häßlichen und verkorksten, die hemmungslosen und unappetitlichen Typen gelacht, die der Mann aus dem Ruhrpott so kompromißlos verkörpert hat, und keine hielt Diether Krebs für einen von gestern. Ob man zu denen gehört, die sich angesichts eines vertrauten Milieus wiehernd auf die Schenkel klopfen oder zu jenen, denen das allzu Proletarische eher fremd und befremdlich ist, jeder mußte die Wandlungsfähigkeit, Vielseitigkeit und den Mut des Schauspielers bewundern. Diether Krebs hat sich mit seinen Fernsehrollen, durch die er der breiten Masse bekannt geworden ist, meist an der Oberfläche bewegt. Klamaukige Maskeraden, angeklebte Bärte, wüste falsche Zähne, entstellende Brillen, bieder Handgestricktes und Spießersandalen nicht gescheut, ja das alles sogar mit diabolischem Vergnügen als Stilmittel eingesetzt. Geradezu lustvoll hat er den Proleten verkörpert und damit den Bürger herausgefordert. Vielleicht hat man ihn in den deutschen Blättern so lieblos verabschiedet, weil er uns dazu verführt hat, unter Niveau zu lachen und es verschmähte, sich durch gelegentliche Abstecher zum ernsten Theater vor den Kritikern wieder reinzuwaschen. Die Bretter, die (für ihn keineswegs) die Welt bedeuten, erklimmt der Junge aus kleinen Verhältnissen, weil er „etwas Besonderes sein will“. Seine späteren Bühnenerfolge hätten es durchaus erlaubt, nachträglich erhabenere Gründe für die Berufswahl vorzutäuschen. Aber Theatralik und Schönfärberei sind seine Sache nicht. Auch die Eltern, die in Essen ein kleines Schreibwarengeschäft betreiben, lassen den Sohn seinen eigenen Weg gehen. Der führt ihn nach Abitur und ersten Theatererfahrungen auf der Schulbühne geradewegs an die renommierte Essener Folkwangschule. Hier erwirbt sich der Hochtalentierte sein schauspielerisches Rüstzeug. Es folgt eine makellose Karriere. So verpflichtet das angesehene Oberhausener Schauspiel den „auffallend begabten und professionellen“ 23jährigen Neuling. Film- und Fernsehen melden sich und setzen den damals noch schlaksigen jungen Mann als Charakterdarsteller ein; 1976 arbeitet er unter der Regie von Peter Zadek in Bochum. Sein komisches Talent entdeckt er in Rudis Tagesshow. Richtig berühmt aber macht ihn die Serie „Ein Herz und eine Seele“. Sie spiegelt in komischer Verzerrung das trostlose Leben einer kleinbürgerlichen Familie, nimmt deren abstruses Denken, tumben Vorurteile, spießiges Mißtrauen, falschen Stolz, und politische Einäugigkeit aufs Korn und entlarvt das treusorgende, prinzipientreue Familienoberhaupt als wahres Ekel und kaltschnäuzigen Macho. Wenn diese Reihe inzwischen auch zur Kultserie avanciert ist und mit großem Erfolg in den dritten Programmen läuft, so dürften sich die Lacher von heute doch erheblich von denen der 70er Jahre unterscheiden. Damals war der politische Schlagabtausch zwischen dem beschränkten, aber selbstgefälligen Ekel Alfred und seinem nölig-aufmüpfigen Schwiegersohn, einem generationskonformen Sozi, die Attraktion. Wie feindlich sich die beiden politischen Lager gegenüberstanden und mit welcher Schadenfreude jeder Tritt gegen das Schienbein des Gegners vom Publikum quittiert wurde, ist heute, da sich die Parteien längst in der Mitte getroffen haben, überhaupt nicht mehr vorstellbar. Trotzdem wird auch heute noch über die Teztlaffs gelacht und zwar vorzugsweise über proletarische Geschmacklosigkeiten, mit denen Ekel Alfred seine Familie und das Publikum erfreut, eine Humor-Kategorie, die inzwischen ja ge-radezu in Mode gekommen ist und auf fast allen TV-Kanälen Furore macht. Gelacht wird auch über die verlogene Moral des Alten, die brutal entlarvt wird. Diether Krebs spielt in diesem Familienquartett einen Vertreter der vermeintlich aufgeklärten, geläuterten „Nach-68er-Generation“. Wo der Alte noch laut tönend hehre Werte beschwört, die ihm aber in Wahrheit gar nichts bedeuten, hat der Junge überhaupt keine mehr. Nichts hat er gelernt, sondern sich lediglich dem Zeitgeist angepaßt – und der ist nun mal gerade liberal. Deshalb bleibt bei Tetzlaffs alles beim Alten. Den „Sozi“ in der Tetzlaffschen Familienrunde gab Diether Krebs mit Herz und Seele und erwies sich dabei den Theatergrößen Heinz Schubert und Elisabeth Wiedmann als vollkommen ebenbürtig. Dennoch war es Diether Krebs, der die Serie auf der Höhe ihres Erfolges abbrach. Die SPD hatte sich wiederholt darüber beschwert, daß die ständigen Angriffe von Ekel Alfred ihr Image beschädigten. Das wollte Diether Krebs – auch privat gewiß kein CDU-Freund – auf keinen Fall. Andererseits wollte er auch keine politische Entschärfung der Serie. Konsequent wie er war, gab es für ihn in dieser Situation nur eins: den Ausstieg. In bester Erinnerung ist Diether Krebs auch als Fernseh-Kommissar Herle in der Serie SOKO 5113. Rund hundert Mal hat er ihn gespielt. Mit der Curry-Wurst in der Hand, die inzwischen angefutterte Wampe immer frisch voraus, war er der erste Vertreter der Gattung „Schlamper-Polizist“ mit flapsigen Ruhrpottsprüchen und von keinerlei Manieren getrübter Urwüchsigkeit. Mit dem Öko-Opfer „Martin“, einem domestizierten Wesen, dem jegliche Männlichkeit abhanden gekommen war, gelang Diether Krebs ein Plattenerfolg („Ich bin der Ma’tin, ne…“) und eine weitere Steigerung bei der Darstellung immer grotesker werdenden Negativ-Charaktere. In der viele Jahre lang erfolgreichen Comedy-Show „Sketch-up“ spielte er nicht nur mit der Möglichkeit, abstoßend auszusehen, systematisch schuf er eine ganze Palette unappetitlicher, absurder Typen, und entwickelte sich – einmalig im deutschen Showgeschäft – zum wahren Meister der Entstellung. Zwei Schauspielerinnen hatten den Mut und das komödiantische Talent, in entsprechenden Rollen neben ihm zu bestehen: Beatrice Richter und Iris Berben. Nicht nur sie hat Diether Krebs besonders geschätzt. Nach eigenem Bekunden arbeitete er überhaupt lieber mit Frauen, weil die „weniger profilierungssüchtig sind als Männer.“ Eine unliebsame Eigenschaft, die man ihm selbst gewiß nicht vorwerfen konnte. Diether Krebs ist bis zuletzt ehrlich und unverstellt geblieben und hat nichts beschönigt. Am wenigsten sich selbst.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load