Im Netz der Netze

ie wohlfeilen Communicationsmittel fördern den jungen Weisen in reißender Geschwindigkeit durch alle Lande: er ist durch den Vatican gestrichen, nun ward er Kunstkenner; er hat den Tunnel angesehn, seitdem versteht er sich auf Mechanik. Benjamin Constant sprach ein paar höfliche Worte – der Politiker war ausgebrütet. Bescheidenheit, Gehorsam, Unterordnung, Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmärchen, Großmutterschwächen. Überall und nirgends zu Hause, kehrt er zurück ins Vaterland, ein Riese an Sicherheit, der aber bei jedem Schritte ausgleitet.“ Wenn man sich in diesen Sätzen den Namen Benjamin Constant etwa durch Tony Blair ersetzt denkt, könnte man sie beinahe für eine – freilich etwas altväterlich-larmoyante Charakterisierung eines jugendlichen Internet-Surfers des Jahres 1999 halten; nicht unbedingt würde man hingegen vermuten, daß diese Kritik der wohlfeilen Communicationsmittel, die Karl Immermann in seinem Roman „Die Epigonen“ vornimmt, aus dem Jahre 1836 stammt. Heutige Zeitgeistdiagnosen klingen zuweilen ganz ähnlich: Nach Ansicht von Horst Opaschowski, dem Leiter des BAT-Freizeitforschungsinstituts, surft die Generation @ (schon wieder eine neue Generation!) in 90 Sekunden um die Welt, telefoniert in allen Lebenslagen, zappt wie im Fernsehen durch das Leben, steht ständig unter Strom ( HYPERLINK “ http://www.bat.de/navigation/index04.html “ http://www.bat.de/navigation/index04.html ). Die Jünger von Bill Gates und Walt Disney wüchsen in einer unwirklichen virtuellen Kultur auf, in der man ständig von einem Angebot zum nächsten wechseln, mit allen möglichen Leuten chatten, Kontakte jederzeit knüpfen und wieder beenden könne, so daß man bindungsunfähig und haltlos würde und letztlich nur noch aus zweiter Hand lebe. Ein sehr euphorisches Bild der bereits im Kindergartenalter zappenden und surfenden neuen Generation zeichnet hingegen Don Tapscott in seiner Studie „Growing up digital“ ( HYPERLINK “ http://www.growingupdigital.com “ http://www.growingupdigital.com ): Die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen mache sie zu den künftigen Lehrern im Klassenzimmer des Lebens. Sie hätten einen starken Unabhängigkeitsdrang, seien emotional und intellektuell besonders offen, würden kritisch denken, weil ihnen alle Informationen offenstünden und sie daher nicht jeder Quelle trauten. Auch käme die Persönlichkeit des einzelnen im Web besser zur Geltung, wie Tapscott ernstlich behauptet, denn, so die Zeitschrift Internet World (9/99): Es ist nicht wichtig, ob der Gesprächspartner schwarz oder weiß, dick oder dünn ist – es zählt, was er zu sagen hat. Hurra, möchte man rufen, endlich herrscht Gleichheit, wenigstens virtuell unter allen miteinander chattenden Persönlichkeiten. Dieser Utopie des globalen Dorfes steht jedoch die Prognose einer informellen Zweiklassengesellschaft, nicht nur zwischen reichen und armen Ländern, sondern auch innerhalb eines Landes, gegenüber. Daß das Internet eine digitale Revolution ausgelöst hat, die erst am Anfang steht und die sowohl technisch als auch intellektuell noch gar nicht verdaute industrielle Revolution an Bedeutung noch weit übertreffen wird, ist allgemein bekannt und bedarf keiner Diskussion. Vollkommen unklar ist allerdings, welche kulturellen und lebensweltlichen Auswirkungen die Vernetzung und Digitalisierung im einzelnen haben wird. Die Erfahrung mit anderen Revolutionen politischer, geistiger und technisch-industrieller Art zeigt allerdings, daß meist etwas ganz anderes, ja in der Regel geradezu das Gegenteil dessen eintritt, was ursprünglich beabsichtigt war: Die Renaissance war nicht die Wiedergeburt der Antike, sondern die Geburt der Neuzeit, die Reformation stellte nicht das Urchristentum wieder her, sondern leitete den Niedergang des Christentums ein, die Französische Revolution brachte nicht das Volk, sondern die Bourgeoisie an die Macht, ebenso wie die sozialistischen Revolutionen und Umstürze die Arbeiterklasse nicht befreiten, sondern ihre (und nicht nur ihre) Unterdrückung durch totalitäre Parteiapparate bewirkten. Ökonomischer Liberalismus fördert anstelle der Freiheit aller die Bildung immer riesigerer Konzerne, und der Industrialisierung gelang es nicht, Wohlstand und Freizeit für alle zu ermöglichen. Wenn man diesen Trend ein wenig fortschreibt, läßt dies auch für die digitale Revolution nichts Gutes erwarten: Der Boom der Kommunikationsmedien, die totale Kommunikation aller mit allen, würde dann womöglich den Niedergang und Verlust der Kommunikationsfähigkeit überhaupt bewirken. Jedoch die Geschichte kennt keine, auch keine negative, Logik; und da wir nicht einmal rückblickend – und gewiß nicht nur aufgrund zu vieler oder zu weniger Daten – einen einzigen, objektiven Verlauf wenigstens der wichtigsten historischen Ereignisse rekonstruieren können, sind wir für die Zukunft erst recht auf Spekulationen angewiesen. Mögliche psychische und soziale Veränderungen durch das Internet wurden bereits angedeutet. Seinem praktischen Nutzen – wenn man zu einer sinnvollen Datenauswahl befähigt ist – steht die Gefahr der Orientierungslosigkeit, des stumpfen Hedonismus und eines neuerlichen Nihilismusschubes entgegen. Die Kluft zwischen den Generationen könnte möglicherweise noch größer werden und die Infantilisierung der Spaßgesellschaft weiter voranschreiten. Schon jetzt haben wir die merkwürdige, vielleicht mit Ausnahme gewisser Phasen der spätrömischen Kaiserzeit einmalige historische Situation, daß die Jungen und nicht mehr die Alten den Ton angeben, daß sich weiteste Bereiche der öffentlichen Kultur, Werbung und Wirtschaft an den angeblichen Bedürfnissen und Meinungen der Jugend orientieren, weil ihr nicht nur Kaufkraft und -willigkeit, sondern auch eine Art kultureller Führerschaft zugesprochen wird. Diese Entwicklung ist um so eigentümlicher, als sie bekanntlich mit der demographischen Vergreisung der Bevölkerung in der westlichen Welt einhergeht. Die Kluft zwischen Alt und Jung könnte möglicherweise nicht nur durch Unterschiede in der Medienakzeptanz und dem Informationsthesaurus bedingt sein, sondern es könnten ihr auch neuronale Differenzen zugrundeliegen: Da die Reizwahrnehmung bei der Nutzung digitaler Medien eher bildlich als sprachlich geprägt ist, werden auch die Verbindungen im Gehirn anders geschaltet. Diese Prägung findet bereits im Kindesalter statt (Internet World 9/99). Freilich hätte eine Entschärfung der mit dem Sola-scriptura-Prinzip des Protestantismus auf die Spitze getriebenen abendländischen Schriftkultur nicht nur negative Aspekte; jedoch stellt sich die Frage, ob der ihr inhärente Verlust an bildlicher Wirklichkeit ausgerechnet durch virtuelle Realitäten und künstliche Flimmerwelten ausgeglichen werden kann. Immerhin hat die Schriftkultur durch ihren logisch-deduktiven Charakter, der formal Richtiges von Falschem scheidet, ihre Linearität und Narrativität, die gewöhnlich ein Telos hat, ihre Orientierung an einem vorhandenen oder erst zu entwerfenden Gegenstand sowie durch ihre nach Wesentlichkeit und Unwesentlichkeit ordnende und hierarchisierende Funktion gewaltige intellektuelle und ästhetische Leistungen vollbracht. Wer einmal ein Buch von Kant, Hegel oder Heidegger in der Hand gehabt hat, wird einsehen, daß nicht alles ohne riesige Verluste in Piktogramme übersetzt werden und daß die Schrift nicht überall zur bloßen Bildunterschrift oder zum kurzen Befehl, worauf etwa zu klicken sei, degradiert werden kann. Man wird einwenden, daß die Digitalisierung nicht alles in Bildchen und Comics transformiere, daß sich auch im Internet über Heidegger chatten lasse und daß auch früher schon nicht jeder Heidegger gelesen hätte und auch nicht hätte lesen müssen, daß vielmehr auch weiterhin jeder lesen oder nicht lesen könne, was er wolle und daß die visualisierte Kommunikationsform des Internet vielen Menschen enorme Vereinfachungen bringe. Die neuen Medien verbieten schließlich niemandem das Lesen oder Schreiben, und ihre Nutzung oder Nichtnutzung steht jedem frei. So richtig dies alles im Prinzip ist, so sehr widerspricht einer solchen allzusehr vom Handwerklichen her geprägten Betrachtung der Technik deren Eigendynamik. Offensichtlich ist die Technik nicht, wie etwa Carl Schmitt in seinem fundamentalen Werk über den „Begriff des Politische“n behauptet, weltanschaulich, geistig und politisch neutral und daher für die verschiedensten Zwecke instrumentalisierbar, sondern sie beeinflußt ihrerseits Weltanschauung, Geist und Politik. Ihr entspricht eine spezifisch wissenschaftlich-technische Weltauffassung, so wie mit dem Internet vermutlich eine bestimmte Wahrnehmungsweise korrespondieren wird, und kann daher nicht ohne eine Art Rückkoppelungseffekt bei dem, der sich ihrer bedient, eingesetzt werden. Ein besseres Argument gegen den Kulturpessimismus würde deshalb darin bestehen, die revolutionäre Bedeutung der Technik und damit auch des Internet, gerade auch für den kulturellen Bereich emphatisch zu betonen – anstatt auf praktische Bereiche zu beschränken. Schließlich haben sich viele künstlerische und kulturelle Avantgarden des 20. Jahrhunderts intensiv mit der Technik auseinandergesetzt, technische Ästhetiken und technisch-kulturelle Entwürfe vorgelegt, und auch im Bereich der Informationstechnologie ist eine Art multimedialer Kunst im Entstehen begriffen, die freilich noch in den Kinderschuhen steckt. Ob man unter solchen Paradigmen allerdings überhaupt noch von Kultur sprechen oder nicht vielmehr den von ihr strikt zu trennenden Begriff der Zivilisation vorziehen sollte, ob eine solche Unterscheidung, ähnlich der von Gemeinschaft und Gesellschaft, Person und Individuum etc., sinnvoll und durchführbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Was wir für den psychischen, sozialen und kognitiven Bereich festgestellt haben, gilt sicher auch für den politischen, juristischen und ökonomischen. Auch hier werden im allgemeinen zwei Szenarien entworfen: Entweder fördert die technologisch-kommunikative Eigendynamik die weitere Globalisierung und führt womöglich gar zur Entstehung des berühmten globalen Dorfes mit einer globalen Regierung, oder verschiedene regionale Machtblöcke werden sich die technischen Innovationen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Maße zunutze machen, entweder aufgrund unterschiedlicher kultureller Voraussetzungen oder aufgrund ungleichmäßig verteilter Mittel. Denkbar wäre allerdings auch, daß es die Globalisierung als einheitlichen weltpolitischen Prozeß gar nicht gibt, daß sie vielmehr nur auf bestimmten Gebieten, etwa dem ökonomischen, technologischen oder auf dem der Popularkultur, voranschreitet, während sie im eigentlich politischen Bereich rückläufig ist. Gegenwärtig scheint es so am ehesten auszusehen: ein er allgemein zivilisatorischen (das Wort hier nicht im Gegensatz zu „kulturell“ verstanden) Globalisierung steht trotz der Vormachtstellung der USA eine zentrifugale Tendenz in politisch-militärischer Hinsicht entgegen. Das globale Dorf wird wohl eine Utopie ehemaliger Linker bleiben, die ihr Mekka von Rußland, China, Kuba oder Vietnam an die amerikanische Ostküste verlegt haben und jetzt von der Globalisierung erwarten, was der Marxismus nicht herbeiführen konnte. Politische Einheiten entstehen aber nicht allein durch erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten, sondern durch inneren kulturellen Zusammenhalt und äußeren Druck. Letzterer müßte gewissermaßen aus dem Weltraum erfolgen, damit die Menschheit einen Anlaß hätte, sich zu einer einheitlichen politischen Ordnung zusammenzuschließen. Kommunikationsmedien sind der Politik zwar unabdingbar, wie das Beispiel des römischen Imperiums zeigt, das nicht zuletzt deshalb unterging, weil seine Ausdehnung mit damaligen Mittel kommunikatorisch nicht mehr zu bewältigen war, jedoch kann ein Wuchern der Kommunikation das Politische geradezu aushebeln. Dies zeigt sich etwa an den üblichen pseudopolitischen Medienshows wie Wahlkämpfen und außerparlamentarischen Aktionen (als ob die Politik im Parlament stattfände!) und vor allem daran, wie Politik und Justiz den Entwicklungen im Internet hinterherlaufen. Nicht allein die immer schnellere Kommunikation mit allen und über alles ist das Wesentliche, sondern das Nachdenken zuvor, worüber und mit wem man kommuniziert. Baal Müller , 29, ist Literaturwissenschaftler und Philosoph. Er lebt in München.

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