Das Sandmännchen wird 60 Foto: picture alliance/Julian Stähle/dpa-Zentralbild/ZB
60 Jahre Sandmännchen

Ritual vor dem Zubettgehen

Der Sputnikschock des Westens war nichts gegen jenen, den die Verantwortlichen des Senders Freies Berlin am 21. November 1959 durchlitten. Im DDR-Fernsehen wurde angekündigt, daß am nächsten Tag die erste Folge eines Abendgrußes für Kinder mit einer Gutenachtgeschichte ausgestrahlt werden sollte. Ein klarer Fall von Ideenklau, wie später Ost-Fernsehchef Walter Heynowski einräumte. Der hatte in einer westdeutschen Fernsehzeitschrift gelesen, daß der SFB ab 1. Dezember ein „Sandmännchen: ein Gute-Nacht-Gruß für die Kinder“ im Fernsehen senden würde.

Für Genosse Heynowski und die SED-Führung war das in zweifacher Hinsicht nicht hinnehmbar. Zum einen erfreuten sich die seit Oktober 1958 im Deutschen Fernsehfunk (DFF) gesendeten Abendgrüße auch in West-Berlin wachsender Beliebtheit – „große politische Wirkung durch Emotionen“, hatte Heynowski notiert.

Zum anderen war die Initiatorin des Fernseh-Sandmännchens des „Klassenfeindes“ ausgerechnet Ilse Obrig, die in die Westsektoren geflüchtete Erfinderin der Gutenacht-Kindersendung „Abendlied“ des Berliner Rundfunks. Recherchen ergaben, daß Obrig zusammen mit Puppengestalterin Johanna Schüppel eine kleine Handpuppe als Sandmännchen entworfen hatte.

Der nette Blickfang des Arbeiter- und Bauernstaates

Die Genossen im Osten steuerten in ungeahntem Tempo gegen. Regisseur, Puppen- und Szenenbildner Gerhard Behrendt wurde beauftragt, schnellstens eine Sandmännchen-Puppe zu entwerfen und eine Szenerie zu erstellen. Dem Komponisten Wolfgang Richter wurde der von Walter Krumbach stammende Text des künftigen und noch heute verwendeten Sandmannliedes der Legende nach am Telefon diktiert, und er schuf an einem Abend in drei Stunden die eingängige Melodie zu „Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit“.

Neun Tage vor dem Sendetermin in West-Berlin winkte das Ost-Sandmännchen den Kindern zu. Es war ein Punktsieg im Kampf um die Herzen des Nachwuchs. Denn auch in vielen West-Berliner Haushalten und im Zonenrandgebiet wurde bald allabendlich auf DFF umgeschaltet, wenn „Unser Sandmännchen“ ausgestrahlt wurde.

Der Spitzbartträger war der nette Blickfang des Arbeiter- und Bauernstaates. Die als „staatsfeindlich“ eingestufte Klaus-Renft-Combo spottete nicht umsonst in einem Song „Kinder, ich bin nicht der Sandmann, der in die Heia euch singt, spuckt euren Schnuller getrost wieder aus, wenn dieses Lied hier erklingt“.

Die Sendung wurde zum allabendlichen familiären Ritual. Das Sandmännchen überlebte sogar den Zusammenbruch des SED-Staates, der die 24 Zentimeter große Figur drei Jahrzehnte lang geradezu fürstlich mit einem Fuhrpark von knapp 300 Fahrzeugen ausgestattet hatte. Das Sandmännchen durfte all das, von dem auch erwachsene DDR-Bürger nur träumen konnten: mit einem Heißluftballon fliegen, das sozialistische Tropenparadies Kuba und afrikanische Länder besuchen, mit dem sowjetischen Mobil Lunachod den Mond erkunden.

Eine Million Zuschauer täglich

Und da das Sandmännchen zu seinem eigentlichen Job, den Kindern Sand in die Augen zu streuen, immer etwas zu früh erschien („es ist noch nicht soweit“), schaute er sich gemeinsam mit den besuchten Kindern einen kurzen Animationsfilm an.

Kultcharakter bekamen schnell Herr Fuchs und Frau Elster (immer sonntags auf Sendung) und Schnatterinchen und Pittiplatsch (sonnabends). Als die SED-Führung bemerkte, daß der kleine Kobold mit frecher Punkfrisur und losem Mundwerk – ausgerechnet am 17. Juni 1962 wurde „Pitti“ erstmals präsentiert – eigentlich nicht in die heile Sandmännchenwelt paßte und ihn nach zwei Folgen aus dem Programm nahm, war es bereits zu spät.

Die Zahl der Protestbriefe sorgte für ein Einlenken. Pittiplatsch ging, wenngleich etwas leiser, Heiligabend 1962 wieder auf Sendung und entging später zur Freude seiner kleinen Zuschauer auch seiner Delegierung nach Moskau.

Proteste gab es auch, als das Sandmännchen im Zuge der Wiedervereinigung 1990 – das westdeutsche Pendant war bereits im März 1989 eingestellt worden – aus dem Fernsehprogramm verschwinden sollte. Die Fernsehgewaltigen gaben nach, und so fliegen der kleinen Figur mit der Zipfelmütze noch heute die Herzen der Kinder zu.

Eine Million Drei- bis Sechsjährige sind es, die jeden Abend mit Eltern oder Großeltern vor den Bildschirmen sitzen, um den Abendgruß zu sehen und sich anschließend Schlafsand in die Augen streuen zu lassen.

JF 48/19

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