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Deutschlandfunk
 

Rutsch nach Rot-Grün

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Zentrale des Deutschlandfunks: Der Vorkämpfer westlicher Freiheiten ist nach links gerutscht Foto: Wikimedia/Elke Wetzig

Am Neujahrstag 1962, um 16 Uhr, ertönte zum ersten Mal der Satz: „Hier ist der Deutschlandfunk.“ Kurz nach dem Mauerbau war der Sender ins Leben gerufen worden, als „akustische Brücke zwischen den Menschen in Deutschland“ – so der Gründungsintendant Gerhard Starke. Die technische Strahlkraft war bescheiden, ein Mittelwellensender in Mainflingen und ein alter Langwellensender in Hamburg hatten zusammen gerade mal vierzig Kilowatt. 

Dafür war seine politische Bedeutung kaum zu ermessen. Mit dem Ausbau der Technik erreichte der Deutschlandfunk die Menschen im „Tal der Ahnungslosen“, als das der Raum Dresden seinerzeit spöttisch bezeichnet wurde, und hielt nicht nur die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung wach, sondern informierte über die Vorgänge in Deutschland und Europa. Diese Sachlichkeit und Fairneß waren es, die den Ruf des Senders ausmachten und ihn zur Institution in Deutschland werden ließen. 

Dieser Ruf ist heute wenn nicht gefährdet, so doch angekratzt. Die erste Zäsur erfolgte mit der Fusion von Deutschlandfunk und Deutschlandradio (wiederum eine Fusion aus RIAS und Deutschlandsender) zum dritten Standbein des öffentlich-rechtlichen Hörfunks Mitte der neunziger Jahre. Seither hat der Sender zwei Funkhäuser, das Funkhaus Köln (Deutschlandfunk) und das Funkhaus Berlin (Deutschlandradio Berlin) mit je einem eigenen Programm, wobei die Schwerpunkte deutlich erkennbar sind. 

Entwicklung verläuft parallel zum Parteiengefüge

Der Deutschlandfunk ist das politische Informationsprogramm, das Berliner Haus hat den Anspruch, ein eher kulturell geprägtes Programm zu bieten. Seit zwei Jahren gesellt sich noch eine drittes Programm „Deutschlandradio Wissen“ dazu, das sich vor allem an junge Hörer wendet und aktuelle Themen mit einem Hauch Wissenschaftlichkeit versieht. Mit der Fusion in den neunziger Jahren kamen andere Köpfe in die Redaktionen, Köpfe, die zum Teil anders sozialisiert waren oder die von den Parteien in die Redaktion eingeführt, um nicht zu sagen eingeschleust wurden, um die öffentlich-rechtliche Ausgewogenheit im Sinne der Parteien zu garantieren oder auszubauen. 

Seit der Fusionsphase rückt der Sender also parallel zum Parteiengefüge nach links, besser: Er wird rot-grün. Das entspricht der Neigung von zwei Drittel der Journalisten in Deutschland. Personelle Institutionen der ersten und zweiten Stunde – nach dem Fall der Mauer – wie Karl Wilhelm Fricke oder Rupert Neudeck sind Vergangenheit. Andere Originale werden verdrängt oder sind nur noch selten zu hören, zum Beispiel der gesellschaftspolitisch versierte Publizist Jürgen Liminski. 

Überhaupt macht sich der schleichende Rutsch nach links weniger bemerkbar durch das, was gesendet wird als durch das, was man nicht hört oder in der Chefredaktion und bei den Abteilungsleitern nicht hören will. Hier verhält sich der Sender wie die politische Klasse in Berlin: Der Schatten des demographischen Niedergangs über Wirtschaft und Gesellschaft wird weitgehend ausgeblendet, Familienpolitik findet kaum statt, auch die kulturellen Probleme der Asyl- und Einwanderungspolitik bleiben unterbelichtet, dafür wird stundenlang und immer wieder über die Endlagerung von Atommüll, über den Atomausstieg, über den Terror von rechts berichtet (der von links oder vom Islam ausgehende wird dagegen eher relativiert). Gerne wird auch die Kirche in die Pfanne gehauen, insbesondere die katholische, und das vor allem in der täglichen Sendung „Kirche und Gesellschaft“ um halb zehn. 

Interviews mit islamkritischen Experten sind dagegen höchst selten. Auch über dem „arabischen Frühling“ lag in der Kommentierung noch lange der Zauber von Tausendundeiner Nacht und auch heute wird so lange differenziert, bis die Muslimbrüder eigentlich eine demokratische Kraft sind. Daraus spricht nicht nur die Naivität der Gutmenschen, sondern mehr noch die Besserwisserei der Mainstream-Journalisten. Vom Mut vergangener Tage, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, ist nicht mehr viel zu hören.

Ministerpräsidenten kämpfen um Frequenzen

Dennoch ist der Deutschlandfunk, der früher auch als „FAZ des Hörfunks“ bezeichnet wurde und der heute eher der Süddeutschen oder Frankfurter Rundschau gleicht, eine Institution geblieben. Das liegt vor allem an der Programmstruktur. Die Sendung „Informationen am Morgen“ (von fünf bis neun Uhr) setzt nach wie vor Akzente im politischen Diskurs. Sie ist eine Referenz und das erst recht, seit man die Interviews im Internet nachhören und nachlesen kann. 

Mehr als eine halbe Million Hörer verzeichnet die Statistik in den Spitzenzeiten zwischen viertel vor sieben und halb neun. Aber auch die Viertelmillion während der Sendung „Informationen am Mittag“, in der oft die rauhe Stimme von Gerd Breker zu hören ist, kommt auf ihre Kosten. Und die Sendung „Journal vor Mitternacht“ (23.10 bis 0 Uhr), die mit der Deutschlandhymne und der Europa-Hymne den Tag abschließt, hat ihre treuen Hörer. Die Programmstruktur ist ein Kind des inzwischen verstorbenen Intendanten Edmund Gruber (CDU). 

Das Verdienst seines Nachfolgers Ernst Elitz (SPD) war es, für das Deutschlandradio viele UKW-Frequenzen gesammelt zu haben – kein einfaches Unterfangen bei den auf ihre Rundfunkhoheit (sprich: ihre Einflußmöglichkeiten) bedachten Ministerpräsidenten der Länder. In Bayern etwa ist der Deutschlandfunk nur schwach zu empfangen, in Sachsen und Norddeutschland hat er dagegen eine erstaunliche Reichweite. 

Für Willi Steul (CDU), den neuen Intendanten, der das Handwerk kennt – er war Korrespondent in Athen, Genf und Bonn, bevor er Chefredakteur beim Deutschlandradio Berlin und dann Funkhausdirektor des SWR wurde –, steht eine weitere Zäsur in der Geschichte von Deutschlandfunk und Deutschlandradio an. Er muß die Anstalt in das digitale Internet-Zeitalter führen und das möglichst ohne weitere Kosten. Die Anstalt lebt derzeit von rund 220 Millionen Euro Rundfunkgebühren pro Jahr. 

Steul hat nun ein Strategiepapier entwickelt, das derzeit in Köln und Berlin diskutiert wird – natürlich kontrovers. Das wird Auswirkungen auf das Programm haben. Insofern wird auch der neue Programmdirektor Andreas-Peter Weber (SPD) ein Wort mitreden. Die beiden verstehen sich dem Vernehmen nach gut. Für den Sender kann diese „große Koalition“ ein Glücksfall werden – wenn sie die Herausforderungen klassischer journalistischer Arbeit annimmt, also sich weniger an Mainstream und Parteienfunk orientiert, sondern an Sachlichkeit, Fairneß und den Werten der Bürgergesellschaft. So wie die Hörer es eigentlich vom Deutschlandfunk gewohnt sind.

JF 52/11

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