Joachim Kuhs
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Medien
 

Machtkampf entschieden

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Wolfram Weimer: Seine Zeit beim „Focus“ dauerte gerade mal ein Jahr Foto: Burda Media

Wozu das alles, fragen sich jetzt viele in der Focus-Redaktion. Wozu wurde extra Wolfram Weimer angeheuert? Wozu wurde das Nachrichtenmagazin komplett umgekrempelt? 

Bei der Blattkritik am Dienstagvormittag um zehn Uhr wurde bekanntgegeben, daß Wolfram Weimer den Verlag wieder verläßt. Nach nur einem Jahr. Rausschmiß oder freiwilliger Abgang? Aus der Vorstandsetage des Magazins heißt es, Weimer habe die Reißleine gezogen, weil er sich nicht habe durchsetzen können. 

Der Focus scheint wieder dort angekommen, wo er vor zwölf Monaten gestartet ist. Damals war nach erheblichem Auflagerückgang der Gründer Helmut Markwort, der noch in diesem Jahr 75 Jahre alt wird, verdienstvoll verabschiedet worden. Die Spitze des Burda-Verlags traute seinem verbliebenen Co-Chefredakteur Uli Baur eine dringend nötige Kehrtwende aber nicht zu.

Konservative Einstellung paßt nicht zur Grundausrichtung des Verlages

Daher wurde Weimer auf die Kommandobrücke geholt. Der heute 46jährige paßte mit seiner konservativen Einstellung gut zur Grundausrichtung des Verlages. Und weltanschaulich funkt er mit Markwort auf einer Wellenlänge. Wenn man den verbliebenen Lesern den nötigen Wandel schon zumuten mußte, dann sollte wenigstens politisch eine gewisse Kontinuität erkennbar bleiben.

Während unter Markwort die konservative Seele nur im „Tagebuch“ gestreichelt wurde, dehnte Weimer seine politisch unkorrekte Linie auf das gesamte Blatt aus. Daß Focus ein Konzept für eine Partei rechts der CDU oder eine fiktive Rede Erich Honeckers zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung veröffentlichte, machte das Blatt für jene interessant, die den politischen und publizistischen Einheitsbrei nicht mehr ertragen konnten. 

Weimer öffnete das Magazin für neue Leser – für sogenannte Nichtleser, die aus Frust gar nicht mehr zum Kiosk gehen. Während die Mitbewerber Stern und Spiegel Auflage verlieren, konnte das Blatt zwei Quartale in Folge zulegen. Die positiven Zahlen (zuletzt 578.000 verkaufte Exemplare) waren ein Silberstreif für Burdas Flaggschiff, doch der Streit in der Chefetage überlagerte alles.

Weimer soll bereits eine neue Aufgabe haben

Vor einer Woche berichtete die Süddeutsche Zeitung, daß Weimer und Baur mehrfach aneinandergeraten seien. Auf einer Redaktionskonferenz vor drei Wochen habe es einen Eklat gegeben. Zuvor hatte Baur Weimers Urlaub genutzt, um ein unpolitisches Sommer-Sonne-Strand-Heft nach seinem Gusto zu produzieren, weswegen Weimer der Kamm mächtig angeschwollen sein soll. 

Jetzt hat er den Rückzug angetreten. Künftig werde Weimer als Berater für den Verlag tätig sein, heißt es. Typische Formulierungen, hinter denen solche Trennungen gerne versteckt werden. Wie die JUNGE FREIHEIT in Erfahrung bringen konnte, hat Weimer in Wahrheit bereits eine neue Tätigkeit gefunden, die er zum Jahreswechsel antreten wird.  

Daß Baur nun alleiniger Chefredakteur wird, hat er ausschließlich seinem Mentor Markwort zu verdanken. Die Frage ist: Hat Baur den Esprit, das Blatt mit geistreichen Themen zu füllen? Der 55jährige Porsche-Fahrer ist ein „Bauchrechter“, der die linke Dominanz beklagt, aber unfähig ist, ihr etwas Intelligentes entgegenzusetzen. Es sagt eine Menge über die Bedeutung Baurs, daß er der einzige Chefredakteur eines großen deutschen Blattes ist, über den es keinen Wikipedia-Eintrag gibt.

Baur war Weimer intellektuell unterlegen. Er ist ein Journalist der alten Schule, der den aktuellen Teil des Magazins mit Geschichten rund um Blau-, Rotlicht und ein wenig Stammtisch füllt. Garniert wird dies mit Service-Geschichten über die besten Handys, Versicherungen oder Kliniken. Genau dahin will Baur das Magazin zurückführen – zu einer Ratgeber-Zeitschrift mit bedingtem politischen Anspruch. 

Blattlinie wurde von beiden Seiten ideologisch überhöht

Andererseits wird er nicht alles umwerfen, was sein Co-Chef an Neuigkeiten eingeführt hat. Denn letztlich war es primär ein unversöhnlicher Streit zwischen zwei Alphatieren. Die Blattlinie spielte auch eine Rolle, wurde aber von beiden Seiten ideologisch überhöht. Auch Baur weiß, daß er sein Blatt nicht nur mit Verbrauchergeschichten vollmachen kann, die sich die Leser heutzutage vorwiegend aus dem Internet holen.

Dieses Konzept, für das auch Markwort stand, führte bereits nahe an den Abgrund. Am Kiosk verkaufte Focus vor Weimer deutlich weniger als 100.000 Exemplare. Die sehr bescheidene Marke, die in früheren Zeiten kein Problem darstellte, schien in weiter Ferne. Erst Weimer, der zwischenzeitlich auch die Welt auf Vordermann gebracht hatte, schaffte die Wende. Die Auflage hatte sich gegen den Trend stabilisiert. Das Magazin war auch bei Anzeigenkunden wieder ein wenig interessanter geworden. 

Denn Weimer hatte eine klare Perspektive, die an den eigentlichen Ursprung des Focus zurückführen sollte; nämlich in unmittelbaren Wettbewerb mit dem Spiegel zu treten. Dafür hätte das Magazin politische Relevanz benötigt. Gleichzeitig kämpfte er aber mit eigenen Unzulänglichkeiten: Weimer ist ein Künstlertyp, der auch mal nach Hause fuhr, wenn er keine Lust mehr hatte. „Es war eine gute Atmosphäre“, sagt ein Untergebener, aber sie habe auch etwas von Schlamperei gehabt. Weimer hatte nicht das Sitzfleisch und die Beharrlichkeit, um so ein großes Magazin wie den Focus zu führen. Sein Konkurrent Baur offenbar schon.

JF 31-32/11

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