Günter de Bruyn

Der politische Irrsinn wird subtil angedeutet

In den letzten dreißig Jahren hat der Schriftsteller Günter de Bruyn sich in historiographischen Büchern Persönlichkeiten aus der preußisch-märkischen Geschichte gewidmet. Nun veröffentlicht der inzwischen 92jährige wieder ein belletristisches Werk, einen kleinen Roman, der im Untertitel „Ein ländliches Idyll“ heißt.

Was natürlich ironisch gemeint ist. Zwar hat das nördlich von Berlin in der mecklenburgischen Pampa gelegene Wittenhagen nicht einmal 200 Einwohner, aber aus der Welt gefallen ist es trotzdem nicht. Dem Fontane-Verehrer de Bruyn muß der letzte Roman des berühmten märkischen Wanderers vor Augen gestanden haben, in dem der gleichfalls entlegene Stechlin-See auf die Katastrophen in der Welt mit dem Aufsteigen eines Wasserstrahls reagiert. Auch Wittenhagen ist das Kleine, in dem das Große sich spiegelt.

Rückzug in die innere Emigration

Die Handlung spielt in der Zeitspanne vom Herbst 2015 bis zum Sommer 2016, als Deutschland im Bann von Merkels Grenzöffnung steht. Im Mittelpunkt steht die Ost-West-Familie Leydenfrost, ehemalige kleine Gutsbesitzer, die 1945 enteignet und ausgewiesen wurden. Die meisten Angehörigen gingen in den Westen, wo manche zu Geld kamen und Karriere machten. Nur Leonhardt (Leo) blieb nahe der heimatlichen Scholle, arbeitete als Bibliothekar in Ost-Berlin, zog sich in die innere Emigration zurück, bemängelte die „triviale Ungeistigkeit“ seiner erwachsenen Töchter und brach mit seinem hochbegabten Sohn, der bei der Stasi anheuerte.

Immerhin ist aus ihm kein gewöhnlicher Lauscher und Anschwärzer geworden; er spielte in der internationalen, in der Liga von Markus Wolf und wurde nach 1989 vom westlichen Pendant mit offenen Armen empfangen.
Dank der wohlhabenden Westflüchtigen konnten die Leydenfrosts nach 1990 Teile des Familiengutes zurückkaufen, darunter einen in den 1920er Jahren errichteten Alterssitz, die „Villa“ genannt. Dort wohnen der hochbetagte, verwitwete Leo nebst Tochter und Enkel und Schwester Hedwig, „Hedy“ genannt.

Wechselfälle der Geschichte

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Hedy war Kinderärztin und später grüne Spitzenpolitikerin in Hamburg. Nach der Wiedervereinigung ist sie ins Heimatdorf zurückgekehrt, gemeinsam mit ihrer Adoptivtochter Fatima, einem bosnischen Flüchtlingsmädchen, das seit einer Kurzzeitehe mit einem sächsischen Landespolitiker Müller heißt. Die nun Dreißigjährige ist vollständig assimiliert und zitiert Goethe und Uhland aus dem Handgelenk. Hedwig sieht ihrem 90. Geburtstag entgegen. Statt Geschenke wünscht sie sich eine Spende für die Flüchtlingskinder, die in Wittenhagen erwartet werden.

Zum Dorfensemble gehört auch die aus dem Westen zugezogene freie Journalistin Grit Schmalfuß, die stets betont, daß sie auch in überregionalen Blättern publiziert. Ihr Name ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, daß sie geistig auf kleinem Fuße lebt. Ihr Dauerthema lautet nämlich: „Das mentale Nachhinken des Ostens.“ Wehmütig erinnert Leo sich an die Zeit, als Westjournalisten in die DDR kamen, um Erfahrungen zu sammeln und zuzuhören.

Überhaupt läßt de Bruyn gern die Namen sprechen. Die Brandenburger Spitzenfrau der Grünen heißt Grünlich, was neben der Partei auch auf den Betrüger, Bankrotteur und Heiratsschwindler gleichen Namens im „Buddenbrook“-Roman verweist. Und „Leydenfrost“ steht für den Stoizismus, den es braucht, um die Wechselfälle der Geschichte und den Irrsinn der Politik einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Das Dorf bleibt vom Flüchtlingsheim verschont

Für verrückt hält Leo die Gendersprache; die bundesdeutsche Verachtung des Eigenen; Merkels „Wir schaffen das“; die Unterwürfigkeit gegenüber dem Islam; die evangelische Kirche, die vom Klima statt von Gott predigt. Er sieht die Mitläufer, für die das Jahr 1989 keine „Wende“, sondern bloß eine „Fortsetzung“ bedeutete. Stoisch registriert er den Erfolg alter Seilschaften im neuen Staat, die beizeiten gelernt haben, „Ideologie, Propaganda, Moral und ähnliches Irreale von Tatsachen zu unterscheiden“. De Bruyn mußte sich diese Passagen wohl von der Seele schreiben. Man liest sie zustimmend, auch wenn sie oft wie Leitartikel anmuten.

Ergreifend sind die Abschnitte, in denen Hedwig von den Gespenstern aus der Vergangenheit, von ihren Fehlentscheidungen, heimgesucht wird. Im Überschwang der „sexuellen Befreiung“ hatte sie zweimal abgetrieben und die Liebe ihres Lebens aufgegeben. „Dem Ruhm, als emanzipiert zu gelten, hatte sie ihr Frausein geopfert und erst im Alter die angebliche Befreiung als Selbstentfremdung erkannt.“ Ihr kinderloses Leben betrachtet sie als „vergeudet“. Die Sorge um die Flüchtlingskinder soll das Versäumte kompensieren.

Wie ein innerer Wärmestrom wirken auf sie hingegen ihre lange verdrängten Jugenderinnerungen. Im Unterschied zum jüngeren, introvertierten Leo – ein Alter ego des Autors –, der den Dienst in der Hitlerjugend scheute, konnte sie den Eintritt in den BDM kaum erwarten und entwickelte Führungsqualitäten, die ihr später bei den Grünen zugute kamen. Außerdem hatte sie den schmucken Fähnleinführer Hartmut angehimmelt, der bald darauf für Führer, Volk und Vaterland fiel.

Richtiges Leben im falschen

Sie weiß nur nicht, wie sie mit der späten Einsicht umgehen soll, daß es für sie ein richtiges Leben im falschen gegeben hat. Subtil deutet de Bruyn die psychologische Grundierung des politischen Irrsinns an, der sich in der Gegenwart erst voll entfaltet.

Hedwigs 90. Geburtstag verläuft ganz anders als geplant, und Wittenhagen bleibt vom Flüchtlingsheim verschont. Vermutlich haben dabei die alten Seilschaften die Fäden gezogen, allerdings zu Zwecken, die Leo genauso wenig recht sind.

Melancholisch gestimmt legt man das von Lebensweisheit und milder Ironie gesättigte Alterswerk des Fontane-Nachfahren Günter de Bruyn aus der Hand.

JF 10/19

Günter de Bruyn in seinem Garten im brandenburgischen Görsdorf (2007) Foto: picture alliance/dpa

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