Broder
Henryk M. Broder in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin Foto: Nikolaus Becker
Broder in der Bibliothek des Konservatismus

„Die Rechten sind das CO2 der Politik“

Kennen Sie die „nackte Parkplatz-Nonne“, fragt der Publizist Henryk M. Broder, während seine Augen belustigt glänzen. Falls nicht, rät er, sich den Auftritt im Internet anzuschauen. „Sie werden nicht enttäuscht sein.“

Der Polemiker und Kolumnist Henryk Broder liest in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin aus seinem Buch „Wer, wenn nicht ich“ (Jetzt im JF-Buchdienst bestellen) vor. Er habe nach einem „größenwahnsinnigen Titel“ gesucht, verrät der Schriftsteller. Passend dazu ist auf dem T-Shirt unter seinem offenen Hemd die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika zu sehen. Wahrscheinlich hätte nicht einmal der amerikanische Präsident einen selbstbewußteren Titel für ein Buch finden können.

Seine erste Idee, das Werk mit „maxima moralia“ als Persiflage zu des Philosophen Theodor Adornos „minima moralia“ zu betiteln, habe er verwerfen müssen. Die Überschrift war bereits vergriffen. Und trotzdem: ARD, ZDF, RTL und alle Multiplikatoren des Tagesgeschehens in Deutschland lieferten genug Protagonisten aus Politik und Gesellschaft, die ihrem Selbstverständnis nach maximal moralisch handeln wollten.

„Wer von Heiko Maas lernt, lernt Demokratie“

Bei der „nackten Parkplatz-Nonne“ handelt es sich übrigens um eine Schauspielerin (Nonne im TV), die sich „spontan“ auf einem Parkplatz in Bayern entkleidete und an einem Auto lehnend die Hüften schwang. Als zwei Zivilpolizisten sie daraufhin anzeigten, empörte sich die Frau. Wer wolle denn in einer so verspießten Gesellschaft leben, in der das öffentliche Nacktsein „aus Spaß“ zu einem Gerichtstermin führe? Nach Meinung Broders habe die Schauspielerin die Auszeichnung „Heldin des Alltags“ verdient.

Außenminister Heiko Maas (SPD) sehe das allerdings anders. Der habe diesen Preis im Zuge seines Projekts „Donnerstage für die Demokratie“ ins Leben gerufen, um im „Land der Zeichensetzung“, wie Broder es formuliert, öffentlich wirksam dem Rechtsextremismus Paroli zu bieten. Als Kandidaten habe Maas unter anderem die Bewohner der sächsischen Stadt Ostritz benannt, die anläßlich einer rechtsradikalen Versammlung in ihrer Gegend „den Nazis das Bier weggekauft“ hätten. „So funktioniert Antifaschismus heute“, witzelt Broder. „Man muß sich fragen, ob der Holocaust hätte verhindert werden können, wenn die Juden beizeiten Kampftrinker geworden wären.“

Ob der Außenminister eine Antwort darauf wisse? Immerhin habe dieser Auschwitz als Grund für seinen Weg in die Politik angegeben. „Über eine Million Ermordete atmen auf. Ihr Leiden war nicht umsonst“, spottet der Autor nicht ohne Bitterkeit. Wer so etwas sage, müsse entweder „grenzenlos naiv oder ein ausgekochter Zyniker sein, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht“. Dennoch quittiert er Maas’ Bemühen um den Rechtstaat so: „Wer von Heiko Maas lernt, lernt Demokratie.“

Klimabewegung ist Einfallstor eines neuen Totalitarismus

Doch neben Maas böten ihm auch zivilgesellschaftlich Engagierte genügend Stoff zum Nachdenken. Faszinierend sei beispielsweise die „etwas ältere und attraktivere Version Greta Thunbergs“: Luisa Neubauer, ein „Produkt der deutschen Bildungskatastrophe“. Eines ihrer Ziele sei die „zero-carbon-Gesellschaft“. Was das heißen solle, wisse er auch nicht genau. Glaube man aber Wikipedia, mache Kohlenstoff (carbon) eine Grundlage des Lebens auf Erden aus. Wolle die „Klimaaktivistin“ also kein Leben auf Erden?

Für die Klimabewegung spiegle sich der verteufelte Kohlenstoff auch in der Politik wider. „Die Rechten sind das CO2 der Politik.“ Irgendwann werde Neubauer ohnehin ihr Hobby zum Beruf machen und zu den Grünen oder zu Greenpeace gehen, prognostiziert Broder. Sie könne es kaum erwarten, in den „Kreis der Entscheidungsträger“ aufgenommen zu werden.

Kürzlich habe sie einen „reellen Preis für die Klimazerstörung“ gefordert. Ob der Staat, die Steuerzahler oder der Verbraucher dafür in die Tasche greifen müßten, sei eine „Gestaltungsfrage“, so Neubauer. Während Broder das Wort „Gestaltungsfrage“ extra betont in die Länge zieht, scheint schon der Sinn des Begriffs verloren zu gehen. Der 73jährige startet einen Nachhilfe-Exkurs für Neubauer, wie der Staat sein Geld generiere: durch Steuern. Wer den Klimapreis zahle, sei damit klar.

Die Klimabewegung fungiere als „Einfallstor für einen neuen Totalitarismus, der das Leben bestimmen wird, wie keiner davor“. Er verwahre sich aber dagegen, den Begriff Faschismus auf die „Fridays For Future“-Gruppe anzuwenden. Denn mit Faschismus verbinde man Hitler und Blondie und Eva und alles, was dazugehöre. Diese Faschisten kämen aber nicht wieder, denn „niemand ist in der Lage, ein KZ klimaneutral zu errichten“. Eine gute Sache habe die Ideologie von „Neubauer und ihren hüpfenden Fruchtzwergen“ jedoch. Dieser Totalitarismus schleiche sich nicht an, „er will ins Rampenlicht“.

Keine Panik: Nicht nur Deutschland hat „einen an der Klatsche“

Broder wechselt in den Buchausschnitten zwischen Zeitgeist- und Zeitgeschehen, das er meist ironisch, witzelnd, bisweilen aber auch bitter und ernst vorträgt. Dabei bleibt er in der Analyse spitzfindig und pointiert.

Manchmal frage er sich und werde gefragt, warum er sich das alles antue. Eine Antwort darauf gebe es nicht, außer daß die Menschen, über die er schreibe, sich ihre Bewertung hart erarbeitet hätten. Darüber hinaus verschaffe er sich so eine Unterhaltung. Zum Beispiel, wenn ihn der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel anriefe „und fragt, ob ich jemanden für ihn beleidigen kann“, schmunzelt Broder.

Steinhöfel ist Rechtsanwalt mit Ausrichtung auf Wettbewerbs- und Medienrecht und vertrat bereits mehrere Prominente vor Gericht. Seinen Mandanten Broder verteidigte Steinhöfel zuletzt gegen eine Anklage der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, der Broder prognostiziert haben soll, „einen an der Klatsche“ zu haben.

Ein italienischer Zuhörer fragt, ob die Deutschen den Drang, die Welt verbessern zu müssen, je besiegen könnten. Broder beschwichtigt: „Den Hang zum Illusionismus gibt es nicht nur hier.“ Schweden sei beispielsweise noch verrückter als Deutschland. „Und das ganz ohne Nationalsozialismus.“

Henryk M. Broder in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin Foto: Nikolaus Becker

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