Markus Krall Freiheit oder Untergang
Egon Bahr
Egon Bahr Foto: picture alliance/Eventpress

 

Solitär der Unabhängigkeit

„Wider den Strich gedacht“ hat Wolf Jobst Siedler seinen Rückblick im achtzigsten Lebensjahr genannt, um zu prüfen, ob es ihm gelungen ist, „einen Standort außerhalb der Debatten einzunehmen“. Die Auswahl von Aufsätzen und der Briefwechsel mit Trägern bekannter Namen zeugt von dem Mut eines Menschen, der sich unerschütterlich sicher fühlt im Besitz der gewonnenen Standpunkte.

Er dachte Deutschland und Europa von der Mitte her; und das war Berlin. Kein Angebot, weder einer anderen Stadt noch die wiederholten Versuche, ihn für das Amt eines Senators zu gewinnen, konnte ihn locken. Er wollte sich nicht einengen lassen durch politische Gremien, die Weisungsbefugnis eines Vorgesetzten oder den Druck von Wahlen. Er kannte die Quelle seiner Stärke: die Unabhängigkeit seines Denkens. Sie verlangte auch den selbst erkannten Verzicht auf Handeln, eine Achtung gebietende Bescheidenheit.

Ich habe ihn beneidet, als ich ihn das erste Mal in seinem Haus besucht habe, in dem er geboren war. Es wirkte wie eine eng gewordene kostbare Sammlung, in der sich die ganze Breite des Kunstverständnisses seines Besitzers spiegelte, und ich bewunderte ihn, daß er darin blieb, unanfällig gegen die Mode des allgemein wachsenden Wohlstandes. Ich fühlte mich ihm nahe, weil ich auch wider den Strich dachte, aber beim Handeln in unvermeidbare Abhängigkeiten geriet.

Auseinandersetzung zwischen Geist und Kommerz

Siedler sah gerade während der äußersten Bedrohung in dem verwüsteten Berlin die nationale Bedeutung, das Zentrum der deutschen Entwicklung. Ihre Idee, fast ein Mythos aus der Vergangenheit, hielt sie am Leben. Nach dem Fall der Mauer kritisierte er um so schärfer den geschichtslosen Umgang mit ihrer Freiheit. Statt sich von Stadtplanern und Architekten beraten zu lassen, ging das Stadtparlament ganz unverhohlen an das Tafelsilber, das „Eingemachte‘‘, und benutzte Grund und Boden als Notgroschen im Interesse von Investoren. In dieser Auseinandersetzung zwischen Geist und Kommerz bezog er einen fortschrittlichen Standpunkt. Das war nicht der Grund, daß dieser Konservative in der SPD mehr Freunde fand als in anderen Parteien.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist Berlin Grenzstadt, so nahe an der slawischen Welt wie Bonn an der romanischen, diagnostizierte er und erinnerte mit Vergnügen daran, daß für die Hohenzollern Berlin immer das Zentrum der deutschen Dinge gewesen ist. Westdeutschland und Ostdeutschland waren stets verschiedene Welten, lange bevor es den Sozialismus gab. Es hatte schon seinen Sinn, daß man von den drei Zonen sprach, in die Deutschland eingeteilt sei, dem Weinland im Westen, dem Bierland in der Mitte und dem Schnapsland im Osten. Jenseits der deutschen Grenzen kam dann in Polen wie in Rußland der Wodka.

Erinnerung an Deutschlands Osten

Deutschland ist mit dem letzten Krieg tatsächlich ein paar hundert Kilometer nach Westen versetzt worden. „Moskau hat das Gesicht Deutschlands gewaltsam nach Westen gedreht, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“ Wer den größten Verlust daraus hat, müsse sich erst noch zeigen.

Die Sprache Schlesiens und Ostpreußens sei in Vergessenheit geraten, während die atlantische Zivilisation nun auch vom Osten Besitz ergreift. Den Jeans-Shop gibt es im Schatten der Zwiebeltürme und in Kiew steht man vor McDonald’s. Dabei ist Deutschland im Osten verlorengegangen. Siedler nennt es „eine tragische Geschichte“ und will „das düstere Wort den Menschen vorbehalten“, die ein Land verlassen mußten, in das sie 700 Jahre zuvor gekommen waren.

Einige Autoren von Rückblicken finden, daß Siedlers Texte eine Melancholie durchzieht. Ich finde das nicht. Er stellt fest, daß eine Epoche unwiederbringlich zu Ende gegangen ist. In seinem Selbstverständnis konstatiert er nur eine geschichtliche Tatsache und bedauert den deutschen Mangel an Geschichtsbewußtsein. Im übrigen sieht er zuletzt „mit Heiterkeit auf all das, was heutzutage gefördert wird und verwundere mich, daß die Zeit so extrem vorangeschritten ist“.

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Prof. Dr. h.c. Egon Bahr, SPD-Politiker, war von 1960 bis 1966 Sprecher des Berliner Senats unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und in dessen Zeit als Bundeskanzler (1969–1974) einer der Mitgestalter der deutschen Ostpolitik. Später war er Bundesminister und Bundestagsabgeordneter sowie von 1976 bis 1981 Bundesgeschäftsführer der SPD.

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