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Gunter Gabriel zum Siebzigsten
 

Durch Wohnzimmer und Schrebergärten

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Die Gitarre sitzt: Hau rein, Alter Foto: Kassandro/Wikimedia Lizenz: bit.ly/GGiwp9

Vorab eine Warnung: Der folgende Text enthält Wörter, die möglicherweise anstößig sind und normalerweise in einer seriösen Zeitung nichts verloren haben. Der Beitrag ist demnach nicht unbedingt empfehlenswert – außer für eingefleischte Fans von Gunter Gabriel. Denn um ihn geht es, den einzig(un)artigen, einzig wahren, einzigen deutschen Countrysänger, der an diesem Montag siebzig Jahre alt wird.

Allein daß er dieses Alter erreicht hat, ist Grund genug für eine Hervorhebung, angesichts seines zeitweiligen Konsums von täglich achtzig Zigaretten sowie Fernet Branca plus der „Drei-Liter-Flasche Retsina“. Ein Verbrauch, der weder an Figur noch an der Stimme spurlos vorbeigegangen ist.

Westfälischer Dickschädel

Gunter Gabriel, der westfälische Dickschädel aus Bünde, geboren „grad mitten im Krieg im Sommer ’42, die Erde war rot, die Sonne war tot“, wie er es in seinem Lied vom einfachen Mann („Mit dem Hammer in der Hand“) selbst beschrieben hat. Der gescheiterte Volksschüler, Abendschulabiturient und Ex-Maschinenbaustudent, der seinen ersten Hit 1974 mit der Trucker-Hymne vom „30-Tonner Diesel“ landet.

Der zum prägenden Protagonisten – neben Tom Astor und der Band Truck Stop – des deutschsprachigen Country wurde und dem es schließlich gelungen ist, seinem Idol – dem US-Star Johnny Cash – nahe zu kommen. 2003, kurz vor Cashs Tod, nimmt Gabriel in dessen Studio in Tennessee ein Album mit Liedern des großen Countrymusikers in deutscher Übersetzung auf, samt einem Intro Cashs.

Von den Feuilletons verlacht

Gunter Gabriel, dem heute selbst die Feuilletons konzedieren, er sei Musiker und Schauspieler, wo es doch lange Zeit bei den Gebildeten unter seinen Verächtern zum guten Ton gehörte, ihn peinlich oder lächerlich zu finden. Dessen Vita wie geschaffen ist für einen Barden des einfachen Volkes, für das ewige Lied von der Sehnsucht nach Aufstieg und der ständigen Furcht vor dem Absturz, von harter und zu schlecht bezahlter Arbeit, von denen, die die Drecksarbeit verrichten und die von den Sesselpupsern  übergangen werden („Intercity Linie Nummer 4“, „Hey Boß, ich brauch mehr Geld“).

Im Alter von vier Jahren verliert er die Mutter, vom Vater fühlt er sich ungeliebt, es gibt häufig Schläge. Der Alte machte ihn, so wird es Gabriel mal in einem Interview sagen, dafür verantwortlich, daß er sich kein Reihenhaus habe leisten können. „Ich habe meinen Vater gehaßt. Ich wollte nie wie er werden, und doch habe ich ihn später nachgemacht“, so sein Resümee. Gabriel macht mit Musik richtig Kohle, schreibt Texte und komponiert für andere, von Wencke Myhre über Juliane Werding und Rex Gildo bis zu den Zillertaler Schürzenjägern.

Radikal-Liberaler bis zum Anschlag

Gunter Gabriel, der Millionenverdiener, Millionenverschenker, Millionenversenker. Getreu seinen Versen: „Papa trinkt Bier, Mama ist krank und kein Pfennig auf der Bank“. Der sich aus der „Scheiße“ (Gabriel) nach oben gerackert hat, um in die Scheiße zurückzufallen – und wieder heraus. Weil er gegen seine Schulden durch Deutschlands Wohnzimmer und Schrebergärten tourt, für 1.000 Euro pro Gig.

Gunter Gabriel, der Hausboot-Anarch, ein Mann zwischen den Stühlen, sowohl als Künstler als auch politisch, Schlagersänger, Texter und Komponist auf der einen, sozialkritischer Country-Musiker auf der anderen. Den Bürgerlichen zu unbürgerlich, zu aufmüpfig, zu prollig, zu ordinär und zu sehr gegen Autoritäten. Den Linken zu wenig links, zu patriotisch („Schwarz wie die Kohlen im Revier / rot wie die Lippen der Mädchen hier. / Gold wie der Weizen und das Bier / das sind die Farben, / die Farben von dir“). Eigentlich ein radikal Liberaler bis zum Anschlag. Nicht ohne Grund hat ihn Henryk M. Broder in einer der besten Folgen seiner „Deutschland-Safari“ für genau diese Einstellung mit einem Besuch gewürdigt.

Gitarre in Schwarz-Rot-Gold

Zu Gabriels Widersprüchlichkeiten gehört, daß er einerseits „keine Achtung vor Leuten in Uniform hat“, Ordnungshüter schon mal als „Wichser“ beleidigt, andererseits ein Lied („Es steht ein Haus im Kosovo“) den Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz widmet; der während eines Auftritts bei der Vorstellung seines Schlagzeugers nicht unerwähnt läßt, der sei auf dem Balkan stationiert gewesen, und da habe er ihn während einer Truppenbetreuung kennengelernt.  

Gunter Gabriel, der seine schnodderigen Sprüche daherknödelt, der schenkelklopfende Kumpeltyp, der sich manchmal nicht entscheiden kann zwischen Großkotz und Knuddelbär. Der vulgär von „Fickerei“ redet, um dann zu verlangen, Männer sollten Frauen wie Prinzessinnen behandeln und sich ruhig mal um sie prügeln. Der auf dem T-Shirt eines Fans schon mal mit „Gunter – für Deutschland“ unterschreibt, schließlich hat er ja auch eine Gitarre in Schwarz-Rot-Gold. Was bleibt ihm am Schluß noch zu sagen? Ad multos annos? Wohl kaum. Einfach nur: „Hau rein, Alter!“

JF 24/12

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