Symptome der Endzeit

Den Trend gesetzt hat Volker Beck, der Studienabbrecher, der aus seiner privaten Neigung einen Beruf gemacht und seine politische Karriere bei den Grünen als Schwulenlobbyist gestartet hat: Beck nannte im Herbst 2007 den Kölner Kardinal Meisner einen „Haßprediger“. Der Begriff war bis dahin für islamistische Scharfmacher reserviert gewesen, deren Predigten die Androhung physischer Gewalt insinuieren bis hin zum Mord – siehe Theo van Gogh. Ein katholischer Kirchenführer ist dazu weder willens noch in der Lage, bei Haßpredigern dagegen gehört die Bedrohungswirkung zum Kalkül – und sie haben Erfolg damit.

Das deutsche Edelfeuilleton der Frankfurter Allgemeinen (Bahners, Seidl), der Süddeutschen Zeitung (Kreye, Müller, Seibt, Steinfeld) und der Zeit (Assheuer) macht jedenfalls schon mal Männchen. Von Fundamentalisten, Haßpredigern, Heiligen Kriegern, Inquisitoren ist die Rede. Gemeint sind nicht jene, die Furcht verbreiten, sondern diejenigen, die auf ihre Ausbreitung hinweisen: die Frauen Ates, Hirsi, Kelek, die Herren Broder (der, zugegeben, einen Sonderfall darstellt), Wilders und zuletzt sogar Thilo Sarrazin.

Es gibt zweifellos Gründe, die Art und Weise der aktuellen Islam-Kritik für verfehlt zu halten. Beim Islam handelt sich um eine altehrwürdige, kraftvolle Religion, deren Vertreter aus ihrem Religions- und Weltverständnis heraus völlig logisch handeln, den Missions- und Expansionsdrang inklusive. Und ob dieser Religion – wie Seyran Ates meint – ausgerechnet eine „sexuelle Revolution“ fehlt, das kann man mit Blick auf die Hypersexualisierung bei gleichzeitigem Natalitäts-Elend in Deutschland bezweifeln. Die wirklich relevante Frage ist eine ganz andere: Es geht darum, ob man eine schleichende fremde Dominanz im eigenen Land hinnimmt oder nicht. Es geht also um Konflikt, Kampf, um Politik, und siehe da, das letzte Aufgebot des deutschen Geistes zeigt sich überfordert!

Die Wirkung ist fatal: Die tatsächlichen Haßprediger werden durch die falschen Vergleiche verharmlost und gleichsam in die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft geholt. Das vergrößert ihre Wirkungsmöglichkeiten und ermutigt sie, weil es ihnen die Schwäche der Gegenseite demonstriert. Die Kritiker dieser Entwicklung aber werden skandalisiert und, wenn nicht mundtot gemacht, so doch zur Unwirksamkeit verdammt.

Drittens schließlich: Die Begründungen, die diese wackeren Vorkämpfer der neuen, postsäkularen Religionsfreiheit liefern, sind reine Sophistik. Sie wagen es gar nicht erst, das Gewalt­element zu thematisieren, was darauf verweist, daß es sie tief beschäftigt, sie mit ihm aber nicht fertigwerden. Sie sehen sich Auge in Auge mit einem vitalen Gegner – und bekommen es mit der Angst zu tun.

Der aufgeklärte, liberale BRD-Intellektuelle liegt in den letzten Zügen, er begibt sich freiwillig seiner letzten Möglichkeiten, er wird irre an den von ihm heraufbeschworenen Folgen. Ihn zeichnet nach Arnold Gehlen „das Fehlen der direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge“ aus. Einen Installateur, der durch schlampige Arbeit eine Gasexplosion verursacht, drohen Gefängnis und Schadenersatzforderungen. Nichts davon bei den einstigen Lautsprechern der „multikulturellen Gesellschaft“. Auf ihre Halluzination heute angesprochen, verweisen sie mit überlegenem Lächeln darauf, daß dies doch ein Begriff von gestern sei, sie selber sind längst bei der „Integrations-“ oder „Aufstiegsgesellschaft“ angelangt.

Das zweite Defizit nach Gehlen: Es fehlen ihnen die Kenntnisse aus erster Hand, die man nur durch tatsächliche Erfahrung erhält. Wenn eigene Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, wird das Erfahrungsdefizit oft ausgeglichen und kehrt neues Verantwortungsgefühl ein – doch wenn nicht, dann eben nicht. Aus der Verantwortungs- und Erfahrungslosigkeit resultiert die Neigung zur prinzipiell kritischen Haltung gegenüber den Institutionen, daraus ziehen sie ihren öffentlichen und den Selbstwert: Die heutigen Stellungnahmen zum Islam sind auch ein Echo früherer Unverantwortlichkeiten in Staatsbürgerschafts- und Ausländerfragen.

In all dem spiegelt sich auch der Satrapenstatus der Bundesrepublik, die weder über die politische Macht noch die moralische Kraft verfügt, das Eigene zu bestimmen und nach außen die Grenzen des Tolerablen zu ziehen. Dazu paßt die Theorie des kommunikativen Handelns, deren Praxis die Aggressionen nicht zum Verschwinden brachte, sondern auf den inneren Feind lenkte, der „rechts“ steht und schwach ist. Unter der Bekundung eigener Gewaltlosigkeit wird die moralische, soziale und psychische Vernichtung des Feindes in Gang gesetzt.

Als historisches Vorbild unübertroffen ist der Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, der im Ancien Regime entstand. Die Grausamkeit, die alles beherrscht, ist die der Worte und des Weibes. Das geht gut, solange diese Spielregeln unwiderlegbar und in Kraft sind, doch wenige Jahre nach Erscheinen des Buches klopften der dritte und vierte Stand an die Tür und rollten die Aristokratenköpfe. Die Ausmerzung der männlich-soldatischen Lebenshaltung und die Denunziation von Soldatentum, Tapferkeit, Mut, Selbstopfer, die Verweiblichung bzw. Verschwulung des Mannes und der männlichen Kategorien hatten den Blick für die Realitäten getrübt und rächten sich bitter.

Jetzt bricht gleichfalls eine andere Wirklichkeit mit atavistischer Kraft in den diskursiven Alltag ein. Und schon stellt sich heraus, daß es mit all den hehren Werten, mit Freiheit, Aufklärung usw. so ernst gar nicht gemeint war. Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, trompetet, er wolle sein Leben daran setzen, daß die Muslima in Deutschland ihr Kopftuch frei tragen kann – wohlwissend, daß sein gebotenes Opfer nicht abgerufen wird und überhaupt nicht nötig ist. Er probiert nur präventiv eine neue Rolle. Weil ihr die Majestät der Todesgefahr fehlt, handelt es sich um übelste Theaterschmiere.

Unter anthropologischen Gesichtspunkt sichert die Frau, die sich neuer Dominanz unterstellt, ihre Brut, sie erfüllt damit ihren gattungsmäßigen Auftrag. Der schwache Mann dagegen, der öffentlich von seinesgleichen dominiert wird – und sei es dadurch, daß er sich vorab bei antizipierten Siegern anbiedert –, wirkt trotz Feminismus und Gender Studies nur verächtlich: ein verfehltes Wesen. Desto heftiger brechen Selbstekel und natürliche Aggression sich Bahn in einem diabolischen Impuls, der sich gegen „weiche“ Ziele wie
Geert Wilders und andere richtet. Es fällt immer schwerer, darin etwas anderes zu sehen als die Symptome einer Endzeit, die fällig ist.

Foto: Türkische Frauen mit Kindern in Berlin: Mit atavistischer Kraft bricht eine andere Wirklichkeit in den diskursiven Alltag ein

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