Aufschrei des Lebendigen

Am 12. Februar gelangt die restaurierte Originalfassung des Filmklassikers „Metropolis“ (1927) gleich an zwei Orten zur Premiere: in der Alten Oper in Frankfurt am Main sowie im Friedrichstadtpalast Berlin im Rahmen der 60. Berlinale. Außerdem wird die Wiederaufführung live ans Brandenburger Tor übertragen, wo das Publikum den Film gratis auf einer Leinwand sehen kann. Und auch im Fernsehen auf Arte wird die Aufführung gezeigt.

Nach 83 Jahren läuft der Science-fiction-Klassiker wieder in voller Länge. Dazwischen liegt ein weiter (Um-)Weg, mit deutscher Historie aufs engste verknüpft. „Metropolis“, das ist auch die Geschichte einer langen Rehabilitierung.

Denn Fritz Langs Kolossalfilm, der Gelder verschlang wie heute James Camerons „Avatar“ (2009), wurde von zeitgenössischen Kritikern unterschätzt und verrissen. H. G. Wells, Autor von „Die Zeitmaschine“ und als Kino-Rezensent eine große Niete, nannte ihn „den dümmsten aller Filme“. Selbst wer wie Luis Buñuel die Bildgestaltung zu schätzen wußte, verriß den Inhalt. So floppte „Metropolis“ auch an der Kasse. Dessen Produktionsfirma, die Universum Film AG (UFA), ging an diesem Mißerfolg bankrott. Panisch versuchte man das Zweieinhalb-Stunden-Werk zu straffen, kürzte es um zahlreiche Szenen und Nebenhandlungen. Bald verschwand „Metropolis“ in den Archiven, seine Urfassung schien für immer verloren.

Nach dem Krieg beschlagnahmten russische Soldaten das Fragment aus dem Potsdamer UFA-Bunker, schickten es als Kriegsbeute nach Moskau. Dort versuchte man 1961 eine erste Rekonstruktion, bat Fritz Lang um Mithilfe. Weit kamen sie nicht. Erst in den frühen Achtzigern, als Enno Patalas vom Filmmuseum München eine Kopie erhielt, begann das Detektivspiel.

Zeitgleich startete die Wiederentdeckung des Stummfilms durch die Popkultur: Das Kraftwerk-Quartett schrieb seinen „Metropolis“-Song (1978), Giorgio Moroder kolorierte 1984 den Film, unterlegte ihn mit Musik von Freddie Mercury und Bonnie Tyler – eine Version, die Kultstatus erlangte. Auch Madonna zitierte den Klassiker im Video „Express yourself“ (1989).

In Japan inspirierte „Metropolis“ den gleichnamigen Manga (1949), später als „Robotic Angel“ (2001) verfilmt. Und vor zwei Jahren kündigte der Münchner Produzent Thomas Schühly eine weitere Verfilmung an. Parallel dazu fanden Patalas und Mitstreiter immer wieder vereinzelte Szenen-Schnipsel, aufgespürt in diversen Archiven. 2001 präsentierte der Münchner Filmhistoriker seine Rekonstruktion. Mehr schien nicht auffindbar; ganze 30 Minuten galten als unwiederbringlich verloren.

Dann geschah ein kleines Wunder: Direkt nach der 1927er Premiere hatte ein argentinischer Verleih die – noch ungekürzte – „Metropolis“-Kopie angefordert. Spätere Schnittauflagen ignorierte er standhaft. So lagerte in Buenos Aires eine Premierenkopie in voller Länge – jahrzehntelang und unbemerkt. Schließlich entdeckte die Direktorin des Museo del Cine, Paula Félix-Didier, eine 16-mm-Version des Originals. Alarmiert wurde sie durch die Klage eines Vorführers: Der hatte Jahre zuvor eine neue „Metropolis“-Kopie für seinen Cineclub verlangt. Die alte sei derart verschlissen, daß er nach zwei- bis dreistündiger Präsentation psychisch am Ende sei. Zwei bis drei Stunden? Félix-Didier ahnte Großes, und sie behielt recht: „Metropolis“ war zurückgekehrt.

Aber warum die frühe Mißachtung des Films? Zeitgenössische „Metropolis“-Verrisse zielten auf dessen Aussage und Handlung: In der Zukunftsstadt Metropolis residiert eine reiche Herrschaftsschicht in riesigen Wolkenkratzern. Deren Nachwuchs führt ein sorgenfreies Luxusleben im „Klub der Söhne“. Unten, in den Kellern, den Maschinenräumen der gigantischen Stadt, schuften die Arbeiter für deren Erhalt: ausgelaugt, kahlgeschoren, willenlose Zombies, vom endlosen Schichtdienst zerstört.

Eines Tages betritt eine junge Frau namens Maria (Brigitte Helm) unbeabsichtigt die Sphäre der Reichen. Freder (Gustav Fröhlich), Sohn des obersten Herrschers, verliebt sich, folgt ihr in die Tiefe. Dort erblickt er das Leid der Maschinensklaven. Deren einzige Hoffnung: „der Mittler“ – eine Art Messias, den Maria verkündet.

Schon bald erkennt Freder, daß er dieser ersehnte „Mittler“ ist. Eine Ahnung, die sich im Finale des Films bestätigt: Freder vermittelt zwischen seinem Vater (Alfred Abel), Herrscher und Hirn von Metropolis, und dem Arbeiterführer Grot (Heinrich George). Es folgt der Sinnspruch: „Mittler zwischen Hirn und Händen muß das Herz sein“. Keine Porno-Szene hätte derart Skandal gemacht wie dieser Satz, der bei „Umgehung aller Tarifverträge“ (Bela Balasz) die Klassenversöhnung herbeiführte.

Wo bleibt die Ratio? fragte der Kritikerchor. Auch Fritz Lang distanzierte sich kurz nach Fertigstellung von seinem Meisterwerk – wegen dieses Satzes. Die Herz-Lösung sei zu einfach, gestand er selbstkritisch, es gehe um ein soziales Problem. Erst in den letzten Lebensjahren änderte er diese Einschätzung. Von der Woodstock-Jugend tief beeindruckt, erklärte der alte Regisseur: Wenn man junge Menschen nach dem Gegenprinzip zum Maschinen- und Computer-Establishment frage, laute deren Antwort – das Herz. Das habe ihn schließlich zur Neubewertung seines Schlußsatzes geführt. So kam die Jugend- und Popkultur dem Film erneut zu Hilfe.

Ohnehin, das Vertrauen der Kritik in die Lösungskraft der Ratio erwies sich selbst als irrational. Schließlich ist aus ihr kein wirkliches Argument gegen Ausbeutung, Sklaverei und soziale Ungerechtigkeit abzuleiten. Wer ausplündert, handelt nicht „irrational“, sondern „herzlos“. Mitgefühl ist durch Rationalität nicht ersetzbar, das gilt auch für Politik. Totalitäre Versuche, die Verteilungsfrage rein „rational“ zu lösen, endeten nicht in Gerechtigkeit, sondern im Massenmord.

Was die Handlung des Films betrifft, ist deren einstige Ablehnung nicht minder erstaunlich. Gewiß, die Drehbuchautorin Thea von Harbou hat des öfteren Trash produziert, aber hier nicht! Mit „Metropolis“ kreierte sie einen überschäumenden Mythen-Cocktail, antizipierte Postmoderne: Da gibt es Doktor Frankenstein (der Erfinder Rotwang schafft einen künstlichen Menschen), gemixt mit dem romantischen Doppelgängermotiv (der künstliche Mensch ist das „böse“ Duplikat von Maria), und die Verbrennung Jeanne d’Arcs (die „böse“ Maria zettelt eine Revolte an und endet auf dem Scheiterhaufen).

Die Figur des Freder vereint zahlreiche Bildnisse eines Erlösers: Wie beim jungen Buddha zerbricht seine Luxuswelt durch ersten Kontakt mit dem Leid, wie der gekreuzigte Christus hängt er an den Zeigern der Maschinenuhr, und wie der Messias führt er das Zeitalter der Gerechtigkeit herbei. Und der Turmbau zu Babel dient als Gleichnis auf die Errichtung künftiger Metropolen. All das verschmilzt im Film bruchlos zur Synthese.

Bleibt noch die Frage: Was hat die Restaurierung dem Film gebracht? Nun, „Metropolis“ ist durch die wiedergefundenen 30 Minuten kein „neuer Film“ geworden. Wer die Patalas-Rekonstruktion kannte, hatte bereits weitreichend Ahnung vom Original. Und doch: Viele Einzeleinstellungen, jetzt wieder in die Szenen integriert, lassen deren Verlauf organischer, weniger abrupt erscheinen – und sei es nur das Lippenschminken einer Gespielin im „Klub der Söhne“. Vor allem gewinnt die Figur „des Schlanken“ (Fritz Rasp) an Profil. Im Fragment nur eine Randfigur, kommt der Agent der Macht, als Vorwegnahme aller Gestapo-, Tscheka- und Stasi-Metastasen, nun voll zur Geltung: Sein Erpressungsterror gegenüber dem gekündigten Diener Josophat (Theodor Loos) klärt manche Sprünge im Handlungsverlauf.

„Metropolis“, der schon Sci-fi-Visionen von Ernst Jüngers „Arbeiter“ (1932) bis Terry Gilliams „Brazil“ (1983) beeinflußt hat, steht auch für die Zukunft der globalisierten Welt, deren Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnet, der – wie im Film – die Überflutung droht, wo die Wissenschaft den Traum von künstlicher Intelligenz und Menschheit träumt und alle Heilslehren sich zu einem Aufschrei des Lebendigen verdichten.

Lesen Sie zu „Metropolis“ auch den Beitrag auf Seite 14

Weitere Informationen: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Murnaustraße 6, 65189 Wiesbaden, Telefon: 06 11 / 9 77 08 21, Internet: www.murnau-stiftung.de

Die Ausstellung in der Deutschen Kinemathek, Berlin, wird bis zum 25. April gezeigt.

Foto: Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) erschafft den Maschinenmenschen (Brigitte Helm), Filmszene aus „Metropolis“, 1927

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