Amerikas Lieblingsklischee

Er war so groß wie das Land selber, so groß wie der ganze Traum. Nichts und niemand wird ihn je ersetzen“: Lange bevor er selber einen Ehrenplatz im popkulturellen Pantheon beanspruchen durfte, erzählte Bruce Springsteen bei Konzerten gerne, wie er einst als übermütiger Jüngling den Zaun überwand, mit dem Elvis’ „Memphis-Mafia“ Graceland vor Neugierigen und Schaulustigen schützte, um seinem Idol persönlich Tribut zu zollen. Elvis war nicht zu Hause, die Erstürmung seiner Festung vergebliche Liebesmüh.

Auch Bob Dylan hat nicht vergessen, was er dem Pionier des Rock’n’Roll-Rebellentums verdankt: „Als ich Elvis‘ Stimme zum ersten Mal hörte, wußte ich einfach, daß ich niemals für irgendeinen Chef arbeiten würde.“

Die Nachricht von seinem frühen und würdelosen Tod traf vor 32 Jahren die weltweite Fangemeinde mindestens genauso hart wie jüngst die Kunde von Michael Jacksons Ableben. Die frohe Botschaft von seiner Unsterblichkeit gehört seither zu den Lieblingsklischees der Populärkultur. Unverkennbar leibhaftig geistert er durch zahllose Filme, während seine Imitatoren regelmäßig die Wallfahrtsstätten des Überflusses made in U.S.A. von Las Vegas bis Daytona Beach heimsuchen und im Internet Rezepte für die „Elvis-Diät“ kursieren: groteske Kalorienbomben wie das fritierte Erdnußbutter-Bananen-Sandwich, das er als kleine Zwischenmahlzeit zu genießen pflegte. So ist der stimmgewaltige King of Rock’n’Roll zu einer Art ikonischer Karikatur seiner selbst verkommen, die – fettleibig und aufgedunsen im Glitzeranzug – alles verkörpert, was zu grell, zu falsch, zuviel ist am American way of life. In Erinnerung bleiben vor allem die reichlich albernen Filme, der bizarre Lebensstil, Drogensucht und Waffenfimmel.

Dabei war Elvis Aaron Presley zunächst und vor allem eins: der wichtigste amerikanische Unterhaltungsmusiker des 20. Jahrhunderts – nicht der beste, auch nicht der erste, der den Blues beschleunigte und mit Country-Elementen versetzte (dieses Verdienst dürfte Bill Haley gebühren), nicht der originellste (sein Material schrieben andere), und beileibe nicht der beständigste (die beinahe schmerzliche Wucht seiner frühen Singles für Sun und RCA vermochte er nie wieder zu übertreffen), wohl aber derjenige, der den stärksten Einfluß auf die Entwicklung der Rock- und Pop-Geschichte nahm. Wenn – wie Muddy Waters, der es wissen mußte, sagte – der Blues ein Kind gebar, das Rock‘n‘Roll hieß, dann schwang Elvis am Wochenbett die Hüften.

„Ohne Elvis hätte es keine Beatles gegeben“, bekannte John Lennon mit ungewohnter Bescheidenheit, und Paul McCartney erinnert sich: „Er war der Guru, auf den wir gewartet hatten. Der Messias war gekommen.“ Das galt natürlich nicht nur für die Beatles, sondern mindestens genauso für andere Bands, die im Zuge der British invasion der sechziger Jahre den uramerikanischen R&B nach Amerika zurückbringen, die Blumenkinder-Generation befruchten und die Wurzeln einer authentischen Gegen- und Protestkultur aus ihrem von Sklaverei, Rassismus und Segregation vergifteten Nährboden graben sollten. 

Doch Elvis wollte kein Kurator des Kulturerbes sein, sondern als Schnulzensänger wie sein Vorbild Dean Martin bei einem Massenpublikum Anklang finden, und sein Manager, der notorisch umtriebige „Colonel“ Tom Parker, bestärkte ihn in diesem Traum. Daß es beiden gemeinsam gelang, ihn zu verwirklichen, darin liegt die eigentliche Tragödie. Als einer der ersten Superstars im heutigen Sinn fiel Elvis dem Kult um das eigene Image zum Opfer.

Der Sohn eines Fabrik- und Gelegenheitsarbeiters mit Knasterfahrung aus Tupelo/Mississippi war der Inbegriff dessen, was die Amerikaner uncharmant als white trash bezeichnen. Die Familie zog nach Memphis, wo der Jugendliche sich auf der falschen Seite der Rassenlinie, nämlich in schwarzen Kirchen und Kaschemmen herumtrieb, bis ihm die dort gesungene Gospel- und Blues-Musik ins Blut überging.

In Memphis produzierte auch Sam Phillips – mit ebensoviel musikalischem wie geschäftlichem Spürsinn – seit 1952 Künstler wie B. B. King, Howlin’ Wolf oder Ike Turner und wußte genau, was ihm und seiner Plattenfirma Sun Records  zum kommerziellen Glück fehlte: ein Weißer, der „schwarz“ singen konnte. Im Juli 1954 fanden beide zueinander, und der musikalische Autodidakt, der seine Brötchen als Lkw-Fahrer verdiente, feierte erste kleinere Erfolge mit einer Einspielung von Arthur Crudups „That’s All Right (Mama)“, der ersten von insgesamt fünf Singles für Sun, sowie Bühnen-, Radio- und Fernsehauftritten bei Lokalsendern.

Der nationale Durchbruch erfolgte indes erst, nachdem Parker und Phillips Elvis’ Plattenvertrag im November 1955 für die damals unerhörte Summe von 40.000 Dollar an den Marktriesen RCA verkauften – eine Fehlinvestition, wie es zunächst scheinen mußte. Denn während sich die Karten für Elvis’ US-weites Fernsehdebüt am 25. Januar 1956 in New York nicht verschenken ließen – eine Eisbahn in der Nähe des Studios übte weit größere Anziehungskraft auf das jugendliche Zielpublikum aus –, vollbrachte ein anderer Sun-Musiker das Kunststück, die R&B-, Country- und Pop-Verkaufscharts gleichzeitig zu stürmen, nämlich Carl Perkins mit „Blue Suede Shoes“. 

Dann erschien jene Single, die Elvis mit über einer Million verkaufter Exemplare innerhalb von drei Monaten erstmals an die Spitze der Hitparaden katapultierte und auf der anderen Seite des Großen Teichs einschlug wie eine Offenbarung: „Heartbreak Hotel“, so der legendäre Radiomoderator John Peel, dessen Musiksendungen ihrerseits die musikalischen Vorlieben zahlloser Hörer weit über seine  britische Heimat hinaus prägten, „hatte dieselbe Wirkung auf mich, als wäre ein nackter Außerirdischer zur Tür hereingekommen und hätte angekündigt, für den Rest seines bzw. ihres Lebens bei mir bleiben zu wollen“. Für europäische Ohren ganz ungewohnt, drängte sich die Gitarre in den Vordergrund – „vorher hörte man nur Big Bands, korrekte Gesangstechnik, während Elvis jemand war, mit dem sich ein Durchschnittskerl wie ich identifizieren konnte“, so Peeles Landsmann Marty Wilde über das im März 1956 erschienene Album „Elvis Presley“, die lohnendste Anschaffung, die er je gemacht habe.

Zwischen 1955 und 1958 verfünfzigfachte der Markt für Transistorradios sein Volumen, und Elvis wurde zum Markenzeichen einer Jugendkultur mit hoher Kaufkraft, erwachendem Konsumbewußtsein, eigenem Lebensgefühl und Modegeschmack, die bei der älteren Generation auf Unverständnis und hysterische Ablehnung stieß. Selbst das FBI klassifizierte seinen „bekleideten Striptease“, seine „sexuelle Selbstbefriedigung auf der Bühne“ als „eindeutige Gefahr für die Sicherheit der USA“. Als ihm vor einem Konzert in Florida im August 1956 richterlich untersagt wurde, die Hüften zu bewegen, beschränkte Elvis sich auf ein ironisches Wackeln mit dem kleinen Finger – und brachte die Menge trotzdem in Wallung.

Der Mythos war geboren und nahm bald – von Colonel Parker eifersüchtig kultiviert, kontrolliert und kommerzialisiert – ein Eigenleben an. Er verfolgte Elvis nach Hollywood, wo er als zweiter James Dean oder Marlon Brando zu reüssieren hoffte und statt dessen mit musikalischen Possen Reklame für seine Platten machen durfte; nach Bad Nauheim, wo er 1959 als wohl einziger Gefreiter der U. S. Army regelmäßige Autogrammstunden abhielt, ein 14jähriges Schulmädchen namens Priscilla Beaulieu kennen- und die Vorzüge von Amphetaminen schätzen lernte; und lag später wie ein Schatten über allen Versuchen, seine Karriere mit Live-Auftritten wiederzubeleben. Am 16. August 1977, so will es die offizielle Chronik, holte der Mythos den Mann auf einer Toilette in seinem Kitschpalast Graceland ein. Insgeheim wissen wir es natürlich besser: An diesem Freitag wird Elvis 75. Hoch soll er leben!

Foto: Elvis in dem Film „Jailhouse Rock“ (1957):  Ein zweiter James Dean oder Marlon Brando wurde er nie

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