Triumph des Geistes

Am 18. September 1709 wurde in Lichfield Samuel Johnson geboren, dank seiner facettenreichen Ausstrahlung die vielleicht bemerkenswerteste Schriftstellerpersönlichkeit in der Geschichte Englands. Worauf basiert sein Ruhm?

Schon auf den ersten Blick wird die eindrucksvolle literarische Bilanz dieses Autors sichtbar. Als klassizistischer Dichter hat Johnson sich mit den Juvenal-Nachdichtungen „London“ (1738) und vor allem „The Vanity of Human Wishes“ (1749) in die Annalen der Literatur eingeschrieben. Die Gattung des Essays hat er mit den profunden moralischen Erörterungen in seiner Zeitschrift The Rambler (1750/52) und den entspannteren im Universal Chronicle (1758/60) unter dem Titel „The Idler“ laufenden Stücken bereichert. Seine Vielseitigkeit kam auch in der Abfassung der klassizistischen Tragödie „Irene“, der essayistisch anmutenden orientalischen Erzählung „Rasselas“ (1759), die seine Lebensphilosophie der Vergeblichkeit menschlichen Glücksstrebens narrativ einkleidet, sowie der Herausgabe von Shakespeares Dramen (1765) zum Ausdruck.

1755 war sein „Dictionary of the English Language“ erschienen, eine kulturelle Großtat ersten Ranges, mit der er sich, mittlerweile 46 Jahre alt, endlich als Autor fest etablierte. Während in Frankreich für ein vergleichbares Unternehmen eine Vielzahl von Akademiemitgliedern beschäftigt  war, verfaßte Johnson in jahrelanger, mühevoller Kärrnerarbeit, allein auf sich gestellt, das maßgebliche Wörterbuch der englischen Sprache, die Grundlage auch noch für das „Oxford English Dictionary“. Daß Becky Sharp, die kapriziöse Hauptfigur in Thackerays Roman „Vanity Fair“ (1848), bei der Abfahrt von der ihr verhaßten Akademie Miss Pinkertons ihr Abschiedsgeschenk, Johnsons „Dictionary“, mit einer grandiosen Trotzgebärde aus der Kutsche schleudert, unterstreicht nur dessen weite Verbreitung.

Dauerhafte Präsenz im kulturellen Gedächtnis

In seinem letzten bedeutenden Werk, den Literaturkritik und Biographie organisch verbindenden „Lives of the English Poets“ (1781), setzte er durch die Behandlung von Autoren wie Milton, Dryden, Swift und Pope neue Maßstäbe für literarische Wertung. Die generische Reichweite seiner literarischen Tätigkeit war zuvor noch durch die Veröffentlichung seiner historisch-anthropologisch ausgerichteten Reisebeschreibung „A Journey to the Western Islands of Scotland“ (1775) dokumentiert worden; die Exkursion zu den Hebriden hatte er mit seinem jüngeren Freund James Boswell unternommen.

Dieser Schotte, in mancher Hinsicht, auch in der Bereitschaft zur Selbstentäußerung, Johnsons Eckermann, gibt das entscheidende Stichwort für diesen Geburtstagsessay, denn ohne dessen „Life of Samuel Johnson“ (1791), die größte Biographie zumindest der englischen Literatur, wäre Johnsons dauerhafte Präsenz im kulturellen Gedächtnis der Nation nicht möglich geworden. Erst Boswells monumentale Lebensbeschreibung hat Johnson den Langzeitruhm verschafft, den seine Werke allein wohl nicht hätten begründen können. Als satirischer Dichter beispielsweise wird er von Pope, als Essayist von Addison deutlich übertroffen. Erst durch Boswells lebensvolles, ganzheitliches Porträt hat Johnson in seiner geistigen Statur und menschlichen Vielschichtigkeit bleibende Konturen im Bewußtsein seiner Landsleute angenommen. Dabei hat der Johnson verehrende Boswell seinen Gegenstand zwar episch erhöht, sich aber zugleich mit liebevoller Aufmerksamkeit in kleinste Details versenkt. Insgesamt umgibt Boswell Johnson trotz Wahrnehmung seiner Schwächen mit einem gewissen Heiligenschein.

Das Renommee keines englischen Autors ist so durch sein Persönlichkeitsprofil geprägt worden wie dasjenige Johnsons, der in seinem gedruckten Werk weniger markant in Erscheinung tritt als in der charismatischen Rolle des begehrten Gesprächspartners. Während für seine Schriften, etwa die Essays, ein gewichtig-pompöser stilistischer Duktus kennzeichnend ist, das berüchtigte, mit Antithesen, Parallelismen und Latinismen gespickte, von Macaulay gebrandmarkte „Johnsonese“, überzeugte er in der Unterhaltung durch eine kraftvoll-ungezwungene Ausdrucksweise.

In Boswells Biographie vollzieht der Leser Johnsons mühseligen Aufstieg vom mittellosen Grub-Street-Literaten, der lange, bittere Jahre der Armut, Enttäuschungen und Unbekanntheit durchleiden mußte, zum Literaturpapst Englands mit. Dank seiner geistigen Souveränität schälte sich Johnson, der in dem intellektuell stimulierenden London als Autodidakt eine umfassende Bildung erwarb – Adam Smith sollte später sagen, daß Johnson mehr Bücher kannte als irgendein Mensch auf der Welt –, schließlich mit zähem Selbstbehauptungswillen als eine überragende Figur der literarischen Szene heraus.

Insbesondere in dem berühmten, ein halböffentliches Forum bietenden Literary Club, aber auch in privaten Zirkeln dominierte er das gesellige Gespräch. Unterschiedliche Persönlichkeiten von nationalem Rang wie Edmund Burke, Sir Joshua Reynolds, Oliver Goldsmith, David Garrick, Charles James Fox und Joseph Banks, um nur einige wenige zu nennen, erwiesen dem überragenden Intellekt Johnsons ihre Reverenz. Nachdem die Universität Dublin ihm 1765 die Würde eines Doktors der Rechte verliehen hatte, wurde „Dr. Johnson“ zu seinem Markenzeichen.

Von Anfällen tiefer Melancholie heimgesucht

Diesem Lebensweg haftet etwas Märchenhaftes an. Und es hat etwas Rührendes, wie dieser schwerfällige und schwerblütige, von der Natur stiefmütterlich bedachte, von früh auf teils blinde und taube Engländer mit den wenig appetitlichen Eßmanieren, der sich mit rollenden Bewegungen seines Kopfes und seines großen, ungeschlachten Körpers fortbewegte, der sein Studium in Oxford wegen Armut aufgeben und sich mit Gelegenheitsbeschäftigungen durchschlagen mußte, schließlich, allen Widrigkeiten trotzend, den Thron des englischen Parnaß bestieg – ein Dichterfürst, der pietätlos bemerkte, daß bloß ein Dummkopf für anderes als Geld schreibe.

Dabei verbog sich Johnson nicht zum Opportunisten und war nie bereit, seine Selbstachtung preiszugeben; auch die ihm von Georg III. zuerkannte Pension, die seine Gegner wie John Wilkes zu mokanten Kommentaren einlud, tat dem keinen Abbruch. In geselligen, häufig im Wirtshausambiente angesiedelten Runden spielte Johnson, dessen Verhaltensspektrum von grobianischer Taktlosigkeit bis zu entwaffnender Liebenswürdigkeit reichte, den Trumpf seines mächtigen, tiefschürfenden und eigenwilligen Intellekts unter Akzentuierung seiner persönlichen Eigenarten kampfeslustig aus.

Dieses charakterologische Moment hat zu Johnsons fester Verankerung im nationalen Bewußtsein entscheidend beigetragen. Zu den Charakterzügen Johnsons, der periodisch von Anfällen tiefer Melancholie heimgesucht wurde und trotz seiner engen Bindung an die anglikanische Kirche von einem Hang zum Aberglauben nicht frei war, gehörten eine konstitutionelle Indolenz, die er immer wieder abschütteln mußte, und eine geradezu zensorische Härte sich selber gegenüber in Fragen religiöser Lebensführung. Er hatte auch eine philanthropische Ader, die sich in der Fürsorge für seinen schwarzen Diener und seiner großzügigen Hilfsbereitschaft für Arme zeigte; in seinem Haushalt hat er, der Umgang mit Menschen aus allen Klassen pflegte, bis zuletzt seltsamen, auf der Schattenseite des Lebens stehenden Gestalten Unterschlupf gewährt. Dieser Johnson bot seinen Landsleuten ein reiches Identifikationspotential. Was für ein prachtvoller uomo universale, der zu seinem Gott in lateinischen Versen betete und zugleich behauptete, das beste Kochbuch  schreiben zu können!

Schwäche für Vorurteile und Wahrheitsdrang

Zu seinen idiosynkratischen Zügen zählten seine legendären, mit kindlichem Trotz verteidigten Vorurteile, die sich gegen Schotten, Franzosen, Amerikaner und Chinesen, überhaupt gegen Ausländer, aber auch gegen Kollegen wie Fielding und Gray richteten, doch von seinen Landsleuten eher als schrullig denn verwerflich empfunden wurden. Die Zahl seiner vorurteilsbehafteten Bonmots ist Legion. So meinte er als eingefleischter Tory, daß der erste Whig der Teufel gewesen sei, und definierte in seinem Wörterbuch boshaft „oats“ als ein Getreide, welches in England meist Pferden gegeben werde, aber in Schottland die Menschen ernähre!

Trotz seiner Schwäche für Vorurteile zeigte Johnson in vielen Dingen eine Vorurteilslosigkeit, die seinen Ruf als Weisheitsapostel unterstrich. So brandmarkte er ungeachtet seines robusten Patriotismus die Behandlung insbesondere der katholischen Iren durch die britische Regierung als barbarisch. Seine geistige Unabhängigkeit, die auch sein anmaßender Gönner Lord Chesterfield in einem berühmt gewordenen Absagebrief zu spüren bekam, entfaltete sich in der Gesprächskultur des 18. Jahrhunderts gewissermaßen in lautem Denken und ging mit einer atemberaubenden intellektuellen Beweglichkeit einher, die in scharfsinnigen Erwiderungen explosionsartig hervorbrach.

Johnsons unerbittlicher Wahrheitsdrang richtete sich, ähnlich wie bei Montaigne, auf die condition humaine insgesamt. Denn Johnson, der Literatur als Kritik des Lebens verstand, war an allen Lebensproblemen interessiert. Daß er den engeren Bereich professionellen Umgangs mit Literatur weit überschritt und, Generalist des Menschlichen, die ganze Palette der Lebensfragen zum Anstoß für Reflexion nahm, hat seine Popularität mit begründet.

Nicht zuletzt bewunderten seine Landsleute an Johnsons Leben den Triumph des Geistes über einen widerspenstigen Körper, den Sieg eines genialen, unangepaßten Individualisten über gesellschaftliches Dekorum und bequemes Denken. Johnson, von Carlyle liebevoll-nachsichtig „the John Bull of Spiritual Europe“ genannt, wird im nationalen Bewußtsein trotz Traditionsverlustes fortleben, aber auch der Wissenschaft wird sein vielseitiges literarisches Werk nicht abhanden kommen.

Prof. Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock ist Emeritus für Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen. In der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über Adam Smith (JF 21/09).

Foto: Samuel Johnson (1873): Schwerfällig und schwerblütig, von früh auf teils blind und taub

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles