Tanz der Kontinente

Ein breites Interesse an Geologie ist in Deutschland kaum auszumachen. Das mag vielleicht einesteils damit zu tun haben, daß der Bergbau fast keine gesellschaftliche Rolle mehr spielt und andererseits in Mitteleuropa geologische Aktivitäten wie Vulkanismus und Erdbeben kaum zu spüren sind.

Sicherlich hat es aber auch damit zu tun, daß kaum populäre geologische Darstellungen deutscher Autoren existieren und die Fülle anglo-amerikanischer Schriften nur selten ins Deutsche übertragen und publiziert wird. Ted Nields Buch über „Superkontinente“ könnte der durchaus spannenden Geschichte der inneren Aktivitäten unseres Planeten eine neue Popularität verleihen. Für den Autor sind Naturkatastrophen wie insbesondere Tsunamis Mikrosignale eines ungeheuren geologischen Zyklus von auseinanderbrechenden und sich wieder zusammenfügenden gewaltigen Kontinentalmassen.

Jeder hat wahrscheinlich in der Schule einst vom Gondwanaland gehört, jener gewaltigen Landmasse auf der Südhalbkugel. Doch Gondwana entstand vor etwa 250 Millionen Jahren beim Auseinanderbrechen von Pangäa, einem die ganze Erde umspannenden Riesenkontinent. Der Wissenschaftsjournalist Nield entwickelt auf der Basis aktueller Forschungen britischer Geologen das zyklische Modell der Bildung und des Zerfalls von Superkontinenten – ein Modell, das noch nicht lange existiert und bisher nie populär dargestellt wurde. So werden in 250 Millionen Jahren die jetzigen Kontinente wieder zu einem solchen Superkontinent vereinigt sein, der schon einen Namen erhalten hat: Novopangäa.

Auch die alte Pangäa bildete sich aus den Bruchstücken eines noch älteren Superkontinents, Pannotia, der sich selber vor 760 Millionen Jahren aus den Fragmenten eines Vorgängerkontinents namens Rodinia zusammenfügte. Nield prägt den Begriff vom Tanz der Kontinente – mit seiner Zeitspanne von jeweils einer halben Milliarde Jahren der längste aller bekannten Naturzyklen.

Nields ungemein packende Darstellung dieses, wie er es nennt, „Blicks durch das andere Ende des Fernrohrs“ sollte wenigstens in Teilen Pflicht im Geographie-Unterricht werden. Denn wer den Superkontinent-Zyklus begreift, gewinnt mehr Verständnis über die Plattentektonik. So hätte beispielsweise ein frühzeitig installiertes Meßsystem den untermeerischen Ruck zwischen zwei sich bewegenden Platten nachweisen und vor dem Tsunami von Weihnachten 2004 rechtzeitig warnen können.

Ted Nield: Superkontinente. Verlag Antje Kunstmann, München 2008, gebunden, 287 Seiten, 19,90 Euro

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