Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Selektive Retrospektive

In diesem Jahr feiert die Bundesrepublik Deutschland ihr sechzigjähriges Bestehen, zwanzig Jahre ist es her, daß die Mauer fiel. Grund genug für das Bonner Haus der Geschichte, eine Stiftung des Bundes, den Reigen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu beginnen. Unter dem Titel „Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole“ werden Herkunft und Entwicklung von Fahne, Hymne und Staatswappen beleuchtet. Ganz zu Recht wies der Präsident der Stiftung, Walter Hütter, bei seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß eine solche Retrospektive in den 1980er  Jahren wohl als „ewiggestrig“ abgetan worden wäre. Nun war Bundespräsident Horst Köhler persönlich zur Eröffnung gekommen. In einem bei Fontane beginnenden historischen Rückblick betonte Köhler, daß im Deutschen Reich der Preuße immer in erster Linie Preuße, der Rheinländer hingegen Rheinländer geblieben sei. Nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs seien Nationalsymbole in Deutschland wenig gefragt gewesen. Die Identifikation habe vielmehr über die Deutsche Mark und das Wirtschaftswunder stattgefunden. Auch der Nationalfeiertag am 17. Juni sei von den allermeisten in erster Linie als „Bundesausflugstag“ verstanden worden. Die alljährlich am 3. Oktober gefeierten Feste hätten da schon ein anderes Gewicht. Schwarz-Rot-Gold, so Köhler, sei für ihn persönlich das Symbol des in Freiheit vereinten Deutschland, wobei er den Eindruck habe, daß die Fahne nicht länger nur Staatssymbol sei, sondern tatsächlich auch den Bürgern gehöre. Mit einem „Sagen wir aus ganzem Herzen: Ja zu Deutschland“ schloß er seine Rede. Ein Rundgang durch die Ausstellung befriedigt allerdings nicht die von Köhler erweckten Erwartungen. Es ist wenig nachvollziehbar, warum die Retrospektive erst mit der Weimarer Republik beginnt. Zuerst wird also ausgerechnet jene Phase dargestellt, in der es parallel zwei offizielle Fahnen gegeben hat: Schwarz-Rot-Gold als Nationalflagge, Schwarz-Weiß-Rot als Handelsflagge. Die Herkunft der Farben zu erläutern, ist hierüber leider vergessen worden. Es folgt ein sehr monumental dargestelltes Drittes Reich, bei dem man von einem über zwei Meter großen Ölschinken mit der Person des „Führers“ fast erschlagen wird. Daneben prangt der Reichsadler mit Eichenkranz und Hakenkreuz, in einer kleinen Vitrine auch ein wenig Kitsch des Dritten Reiches, Tortelettförmchen mit eingelassenem Hakenkreuz in der Mitte und Knöpfe mit dem Konterfei Hitlers, die im Dunkeln leuchten. Filmausschnitte zeigen zuerst die Fahnenweihe auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1937, später dann die Moskauer Siegesparade 1945, bei der ebenjene Fahnen in den Staub geworfen werden. Die Entwicklung der Nationalsymbole in den beiden deutschen Staaten nach 1945 ist nicht immer nachvollziehbar, manchmal auch zu detailverliebt dargestellt. So ist der Wiederaufbau der Paulskirche tatsächlich nur von wenigen Deutschen als großes Ereignis wahrgenommen worden, daran ändert auch die Tatsache nichts, daß selbst die Stadt Cochem sich, wie das ausgelegte Spendenbuch bezeugt, daran mit der Lieferung von hundert Weinflaschen beteiligt hat. Zur Entstehung der Hymne in der DDR wüßte man gerne mehr, insbesondere auch über die Diskussion, die in den 1970er Jahren zu einem Streichen des Textes führte. Die Heino-Schallplatte mit dem „Lied der Deutschen“ in allen drei Strophen aus dem Jahr 1978 ist zwar mit einem entsprechenden Bild des Sängers und des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, ausgestellt, der die Verteilung der Platte übernehmen wollte. Keine Erwähnung findet hingegen die unverhoffte Aufwertung des Deutschlandliedes, als es ab Mitte der Achtziger bei Sendeschluß im Fernsehen abgespielt wurde. Die ausgestellten Modelle des Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert für die Bundeshauptstadt am Rhein sollen belegen, daß Bonn von vorneherein nur als Provisorium geplant war. Warum dann aber ausgerechnet ab Mitte der 1980er Jahre, kurz vor dem Fall der Mauer, hier diese rege Bautätigkeit einsetzte, warum dann 1987 Erich Honecker in Bonn zum ersten Mal ganz offiziell empfangen wurde, wie ein Filmausschnitt zeigt, diese Erklärungen bleibt die Ausstellung schuldig. Ein Brandenburger Tor trennt beim weiteren Rundgang symbolisch Ost und West; dennoch gibt es auch gemeinsame Traditionslinien. So wird der 8. Mai, der Tag des Kriegsendes, in der DDR schon seit Staatsgründung als „Tag der Befreiung“ gefeiert; in der Bundesrepublik dauert es bis 1985, bis auch hier dieser Tag vereinnahmt wird. Nicht nur die Weizsäcker- Rede markiert diese Wende, sondern auch Straßenumbenennungen, wie die ausgelegten Schilder belegen. Die von Köhler genannten Symbole der frühen Bundesrepublik, D-Mark und Wirtschaftswunder, werden in der Ausstellung völlig ausgeblendet, der von ihm ganz zu Recht empfundene unverbrämte Umgang mit unseren Nationalsymbolen seit dem Mauerfall fehlt leider ganz. Denn kaum ist der Besucher bei den Bildern vom Grenzfall 1989 angekommen, steht er unvermittelt in einem ganz in Schwarz-Rot-Gold getränktem Raum und damit am Ende der Ausstellung. Die selektive Retrospektive wird dem Thema nicht gerecht, sie hinterläßt lediglich Fragezeichen. Die Ausstellung ist bis zum 13. April im Bonner Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14, täglich außer montags von 9 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Telefon: 0228 / 91 65-0 Das Begleitbuch zur Ausstellung kostet im Museum 19,90 Euro.

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