Joachim Kuhs

 

Pankraz, S. Arrhenius und das Glyzin im Kometen

Sensation oder Pseudo-Sensation? Mitarbeiter der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa wollen jetzt im Schweif des Kometen Wild 2 „Spuren des Lebens“ nachgewiesen haben, nämlich die Aminosäure Glyzin. Aminosäuren sind – soweit man weiß – unabdingbare Grundbestandteile lebender Organismen, und folglich schießen nun gleich wieder viele verwegene Vermutungen ins Kraut. Die Anhänger der sogenannten Panspermien-Theorie bekommen Oberwasser, die behaupten, das Leben sei der Erde einst aus dem Weltraum „zugeweht“ worden.

Pankraz hegt, wie seine Leser wissen, grundsätzliche Skepsis gegenüber vorschnellen Theoriebildungen, besonders wenn sie im Gefolge „sensationeller Nachweise“ einherkommen. Schon der Begriff „Nachweis“ muß mißtrauisch stimmen. Er bedeutet heute in der Regel, daß ein Sachverhalt dem menschlichen Verstand und dem menschlichen Vorstellungsvermögen nicht ohne weiteres einleuchten, daß er um viele Ecken herum glaubhaft gemacht werden muß, und an jeder Ecke lauern Wissenslücken und Alternativen zuhauf.

Nicht anders verhält es sich mit dem Glyzin im Kometenschweif. Die Schweifprobe in Form von Gasen ist vor gut fünf­einhalb Jahren von einer Raumsonde der Nasa eingefangen und in einem speziellen „Kanister“ aus einer Entfernung von 320 Millionen Kilometern auf die Erde zurückgesandt worden. Was in dem Kanister, so muß man fragen, war wirklich „extraterrestrisch“, was hingegen angestammte Erdatmosphäre? Und was auf der langen Rückreise und in den vielen Forschungsjahren danach hat das Gas eventuell „angereichert“ und somit verändert? Die Nasa-Leute verlautbaren pauschal, „Isotopenanalyse“ habe ihnen Gewißheit verschafft, doch der Nährwert dieser Mitteilung ist außerordentlich dürftig.

Vorausgesetzt indes, das Glyzin ist wirklich und unbezweifelbar extraterrestrisch – was wäre damit gewonnen? Aminosäuren kommen im Weltraum vor, wie man seit langem durch die Untersuchung von Meteoriteneinschlägen weiß; mit der Frage „Leben oder nicht?“ hat das nur sehr wenig zu tun. Die Existenz von Eiweiß, Voraussetzung allen Lebens, beruht auf Aminosäureketten, aber ein Gleichheitszeichen zwischen Aminosäureketten und Eiweiß darf man deshalb noch lange nicht setzen.

Die Konkurrenten der Panspermien-Theorie, die sogenannten „Ursuppen-Theoretiker“, haben das bitter erfahren müssen. Sie sind der Meinung, das Leben stamme aus irdischen Ozeanen und alles bei seiner Entstehung sei mit „rechten“, nämlich physikalisch-chemischen Dingen zugegangen und im Laboratorium wiederholbar. So rührten sie Wasser und Fettlösungen und eben Aminosäuren zu künstlichen „Ursuppen“ zusammen, um dort die „Urzeugung“, die Entstehung des Lebens aus toter Materie, ins Werk zu setzen. Aber, ach, dieses Leben selbst, es entstand nicht.

Man schuf eine künstliche „Uratmosphäre“, aus der man elektrische Entladungen und Ultraviolettstrahlen in die Ursuppe niedergehen ließen, woraufhin sich die Aminosäuren tatsächlich „polymerisierten“, d.h. sich zu „eiweißähnlichen“ Molekülketten zusammenzuschlossen. Und es entstanden parallel dazu sogar „Vorstufen“ von Nukleinsäuren, jenen riesigen Makromolekülen, die mit Recht als weitere Bausteine des Lebens bezeichnet werden. DNS freilich, also die berühmte Desoxyribonukleinsäure, die der Speicher jeglicher Erbinformation ist, entstand nicht, sowenig wie Zellen, die Wachstum, Teilung und Wiederholung der Struktur des Muttersystems aufwiesen. Tote Materie blieb tote Materie.

Wie steht es nun aber mit der Panspermien-Theorie? Ist sie, wie einige ihrer Koryphäen bereits strahlend behaupten, eindeutiger Gewinner der aktuellen Kometenschweif-Affäre? Davon kann, findet Pankraz, im Ernst nicht die Rede sein. Aminosäuren im Weltraum sind, wie gesagt, seit langem bekannt, und sie sind äonenweit entfernt vom komplizierten Konstrukt jener „Radio-Panspermie“, wie sie 1905 der schwedische Astronom Svante Arrhenius der beeindruckten Öffentlichkeit als wohlfundierte Hypothese servierte.

Große Forscher wie Berzelius oder Pasteur, Francis Crick oder Fred Hoyle, die entschiedene Befürworter naturwissenschaftlicher Panspermientheorien waren oder sind, blieben sich der außerordentlichen Komplexität und Widerlegbarkeit ihrer Thesen stets voll bewußt. Das Spermium, der „Same des Lebens“, der da ihrer Meinung nach durch den Kosmos streunte, mußte ja all das, was die Ursuppen-Theoretiker als Resultat eines Zeitprozesses von Milliarden von Jahren begriffen (und trotzdem im Labor unbeholfen nachzuahmen suchten), schon von Anbeginn an enthalten! Eine Art Eiserne Ration und kosmisches Feldgepäck gewissermaßen. Wie kam und blieb so etwas zusammen? Und wie schützte es sich vor den Eiseskälten und Flammenwüsten des Weltalls?

Fast das Genick gebrochen hätte den Panspermikern schließlich die moderne Urknalltheorie. Die Panspermiker Fred Hoyle und Donald Barber waren von der Ewigkeit des Kosmos ausgegangen und hatten so die Frage nach dem Ursprung des Lebens elegant umschifft. Es gab diesen Ursprung gar nicht, allem Gerede der Ursuppler zum Trotz, die Panspermie gehörte einfach zum ewigen Kosmos dazu. Die Urknalltheorie nun beseitigte die Kategorie der Ewigkeit auf spektakuläre Weise. Fortan gab es für die Wissenschaft nur noch Zeit und/oder Nichts.

Aber vielleicht hatten doch die zu ihrer Zeit so geschmähten „Vitalisten“ recht, die Driesch, Haldane, Portmann e tutti quanti. Sie lehrten, daß zum Leben mehr gehört als die zufällig richtige chemische Mischung nebst Donner, Blitz und Hitzeentwicklung. Daß ein spirituelles Prinzip hinzutreten muß, „Information“. Daß die Spiritualität also nicht erst auf dem „Höchststand“ der Lebensentwicklung, im Menschen mit seinem Großhirn, zum Zuge kommt, sondern daß sie bereits am Anfang zum Zuge gekommen ist und daß das ein absolut notwendiger Zug war.

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