Pankraz, G. Casanova und die vergifteten Papiere

Allmählich nähert man sich dem Kern der Sache, zumindest im Rhetorischen. Jene „schlechten Papiere“, die die Finanzkrise ausgelöst haben, heißen jetzt allgemein (und sogar im Berliner Finanzministerium) „vergiftete Papiere“, auch „toxische Papiere“, was dasselbe bedeutet. Sie sind nicht nur nichts wert (obwohl sie angeblich Billionensummen repräsentieren), sondern durch und durch gifthaltig. Wer sie hütet, schwebt dauernd in Lebensgefahr. Wer sie einst zusammengemixt hat, war nichts als ein gewöhnlicher Giftmischer.

Es handelt sich um unbe­dienbare amerikanische Hypothekenbriefe und Schuldverschreibungen, die von schlauen Bankern mit anderen, einigermaßen bedienbaren, Krediten vermischt und, von Hochglanzprospekten ummantelt, als „Derivate“ in die Weltwirtschaft eingespeist wurden. Nicht zuletzt die staatlichen deutschen Landesbanken haben sie mit Begeisterung gekauft und sitzen nun auf ihnen wie im Märchen die Prinzessin auf der Erbse.

Pankraz versteht immer noch nicht, warum man diesen Giftmüll nicht endlich energisch entsorgt („abschreibt“, wie der Branchenausdruck dafür lautet), warum man statt dessen extra neue Banken, sogenannte „Bad Banks“,  gründen will, um sie zu hüten, gar zu „pflegen“ und eines fernen Tages doch wieder Geschäfte mit ihnen zu machen. Das ist geradezu aberwitzig. Ebenso gut könnte man im Nahrungsgewerbe, statt eßbare Champignons zu züchten, hochgiftige Knollenblätterpilze einsammeln und so lange „pflegen“, bis auch sie halbwegs eßbar geworden sind.

Sicherlich, Gift ist nicht gleich Gift, es kommt  bekanntlich immer auf die Dosierung an. Auch ist nicht jeder, der mit Giften umgeht, ein Vergifter, so wie nicht jeder, der mit Heilmitteln umgeht, ein großer Arzt ist. Man kann sogar wie einst der flotte Casanova in seinen Memoiren  die Behauptung wagen: „Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen eines Toren ist Gift.“

Doch diejenigen, die derzeit so eifrig über toxische Papiere und „Bad Banks“ dozieren, sind faktisch identisch mit denen, die erst vor kurzem das Gift zurechtgekocht und über der Welt ausgegossen haben. Und das Ausmaß der Vergiftung, das sie zu verantworten haben, ist so gewaltig, daß keine Dosierungsweisheit etwas dagegen ausrichten kann. Hier kann es nur noch darum gehen, die schiere Masse des Giftes so schnell und so gründlich wie möglich aus der Welt zu schaffen.

Oder sollen wir uns etwa an die ständige Giftpräsenz gewöhnen? Dafür gibt es im organischen Leben ja Vorbilder, Vergiftungsgrade in der Pflanzen- und Tierwelt, welche ein Biotop an den Rand des Untergangs führen, wo es gerade noch existieren kann. Einige wenige Nutznießer sind verantwortlich dafür, sie allein steigern dadurch ihr Lebensniveau, während die übrigen mehr oder weniger vor sich hinsiechen.

Lange Lebensdauer haben solche Biotope in der Regel allerdings nicht. Sie sind anfällig für jederlei harmlose Krankheit, kleinste Veränderungen der Umwelt und alle möglichen äußeren Feinde. Vergiftungen lassen sich immer nur momentan und im einzelnen ertragen, in Masse und als Dauerzustand werden sie zu Epidemien mit verheerenden sozialen Folgen. Das gilt für Alkoholexzesse nicht weniger als für die Endlagerung von toxischen Papieren.

Was diese betrifft, so sorgt sie keineswegs für Beruhigung und Konsolidierung der Finanzmärkte, im Gegenteil, ihr Effekt ist Mißtrauen und Hysterie. Der Staat kann die Papiere angesichts der mit ihnen verbundenen gigantischen Summen nicht aufkaufen, es sei denn, er kaufte die betreffenden Banken gleich mit. Er kann nur für sie „bürgen“, d. h. für sie im Ernstfall geradestehen. Aber wie sähe so ein Ernstfall konkret aus?

Jeder weiß doch: Die eingelagerten Billionen sind definitiv nichts mehr wert, und eine auf sie bezogene Bürgschaft ist ebenfalls nichts wert. Es ist ein Gespensterspiel um Nullen. Jede konkrete Einforderung realer Werte würde sofort zu erbittertem Streit darüber führen, wer denn nun wirklich zahlen muß und ob er denn überhaupt zahlen kann. Nichts ist gelöst, alles wird nur immer wieder aufgeschoben.

Vor dem Staat richtet sich unabwendbar eine Alternative auf. Entweder er verstaatlicht die Banken, die unter der Last ihrer toxischen Papiere plattgedrückt sind, und verrät damit seine Verpflichtung als Hüter der freien Marktwirtschaft, entartet zum quasi kommunistischen Leviathan – oder er verweigert sich dem Projekt Endlager, zwingt die Banken, ihre toxischen Bestände endlich offenzulegen und abzuschreiben. Natürlich würde manche bekannte Bank darüber zusammenbrechen.

Dennoch, die zweite Alternative wäre nicht nur die ehrlichere, reinlichere, „systemgemäße“, sie wäre auch, in Ansehung der absehbaren sozialen Folgen, die humanere. Lieber ein Ende (der Vergiftung) mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Mit ziemlicher Sicherheit brächte eine generelle Abschreibung für viele kleine Angestellte existentielle Beschwerlichkeiten, eventuellen Jobverlust, Einschränkungen, Identitätskrise. Aber die langfristigen Folgen einer Endlagerung wären zweifellos schlimmer, für oben wie für unten, für das Ganze wie für den einzelnen, für den Staat wie für die Wirtschaft.

Das englische Wort „bad“ bedeutet nicht nur schlecht, böse, schlimm, es bedeutet auch, speziell im amerikanischen Wortgebrauch, gemeingefährlich, absolut giftig, jeden menschlichen Zusammenhalt gefährdend. Auf die „Bad Bank“ trifft solche Verschärfung voll zu. Sie ist das aufgeschobene Böse, von dem Lessing einmal (in der „Emilia Galotti“) gesagt hat, es sei das eigentliche, nämlich das immerwährende, zäh verharrende Böse, gegen das sich schwer etwas unternehmen lasse.

Leider werden die Berliner Politiker sich wohl trotzdem für dieses aufgeschobene Böse entscheiden, zumindest so lange,  bis der Wahlkampf absolviert ist. Wenn’s ums Obenbleiben geht, leistet der Knollenblätterpilz entschieden bessere Dienste als der Champignon.

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