Pankraz, der Einsturz und die Zeichen an der Wand

Büchermessen wie zur Zeit die in Leipzig sind manchmal doch ziemlich anstößig. Während überall im Land über den Einsturz, quasi Untergang, des historischen Kölner Stadtarchivs mit seinen unersetzlichen Beständen geklagt und getrauert wird, plustern sich in Leipzig Tausende von Neuerscheinungen auf, und jede einzelne tut so, als sei sie vorab eine archivalische Kostbarkeit, gleichsam ein Vollersatz für die Kölner Verluste. Der Betrieb wirkt dieses Jahr geradezu obszön.

Jeder Messebesucher weiß ja, daß von den aktuell  angepriesenen Sachen höchstens – höchstens! – ein halbes Prozent einigermaßen erinnerungshaltig ist. Der Rest verfügt nicht einmal über eine wahrnehmbare Halbwertszeit, sein Verfallsdatum ist identisch mit dem Datum seines Vorgezeigtwerdens. Trotzdem beansprucht jedes Objekt ungeniert einen Rang in der nationalen  Erinnerungskultur, zumindest einen Dauerplatz in den Buchregalen, Bibliotheken und Archiven.

Zur selben Zeit verschwinden in Köln auf Nimmerwiedersehen Disputationsprotokolle von Albertus Magnus aus dem dreizehnten Jahrhundert, Original-Partituren von Jacques Offenbach, Briefe, die Karl Friedrich Schinkel in seiner Eigenschaft als preußischer Staatskommissar für Bauwesen an den Kölner Stadtrat gerichtet hat. Seinerzeit beim verheerenden Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar verkohlten Briefe von Goethe, Wieland, Herder, neben gut 50.000 Inkunabeln und Erstausgaben, von denen bis dato oft nicht einmal Nachdrucke oder Reproduktionen angefertigt worden waren.

Ein Archivar, von Pankraz gefragt, wie er denn den (geistigen wie materiellen) Wert der Anna-Amalia-Verluste im Vergleich zum entsprechenden Wert von „erfolgreichen“ Buchmessen einschätze, antwortete sarkastisch: „50.000 zu eins für Anna Amalia.“ Ähnlich würde das Urteil wohl beim Kölner Stadtarchiv ausfallen. Und dabei ist der „Zeitwert“ in beiden Fällen noch nicht einmal eingerechnet, jener Wert also, der einer literarischen oder sonstigen Hervorbringung zuwächst, je älter sie wird, je mehr Patina sie ansetzt.

Archive sind von Haus aus keine bloßen Museen oder Schatzkammern im Stile des Grünen Gewölbes in Dresden. Ihr Zeitwert ergibt sich nicht (nur) aus der künstlerischen oder literarischen Gelungenheit der von ihnen gehüteten Bestände oder gar aus deren materieller Kostbarkeit, sondern resultiert in erster Linie aus schlichter historischer Auskunftshaltigkeit. Ganz banale Dokumente, beiläufige Rechnungen etwa oder routinemäßige amtliche Verlautbarungen, können unvergleichliche Aufschlüsse über wichtige Vorgänge der Vergangenheit vermitteln – und werden deshalb gehütet wie die größten Schätze.

Moderne Methoden elektronischer, digitaler Verdoppelung und Archivierung können die Originale  nur teilweise ersetzen. Sie sind hochwillkommen und leisten der Erinnerungskultur gute Dienste, doch gerade für professionelle Historiker bleiben sie Surrogat, bloße Lesehilfe. Ihnen fehlt gewissermaßen der Duft der Erinnerung. Den Historiker interessiert nicht  nur der jeweilige Text, sondern auch und fast mehr noch der Subtext, der Kontext, der Rahmen, der Palimpsest.

Historiker und Archivare sind, wenn sie gut sind, immer Spurensucher, Fährtenleser, Deutungsspezialisten. Und sie sind „Hermeneutiker“, also Spezialisten des Verstehens und Sicheinfühlens. Sie wollen es nicht mit bloßem Hörensagen zu tun haben, sei dieses auch noch so „offiziell“, sondern mit echten „Ur-Kunden“, wie es so schön heißt. Sie hüten und interpretieren Urkunden, d.h. Mitteilungen aus der Anfangszeit, wo Identität, sozialer und nationaler Zusammenhalt gestiftet wurde.

Insofern kann man den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Zerstörung seiner Schätze, wie manche Schwarzseher es schon getan haben, durchaus auch als finsteres Menetekel lesen. Zur selben Zeit, da die herrschenden politischen Kräfte der Stadt vor aggressiven islamischen „Migranten“ im Staube liegen und ihnen riesige Moscheen errichten helfen, kommen ihren eingeborenen Archivaren die Urkunden weg. Die  urbane Identität bröckelt. Die Zeichen an der Wand werden nur deshalb nicht mehr wahrgenommen, weil die Wand selber abhanden kam.

Da kann dann wohl auch die „lit. Cologne 2009“ nicht weiterhelfen, jene „große internationale Literaturveranstaltung“, die seit einiger Zeit alljährlich just zur Zeit der Leipziger Büchermesse in Köln abrollt und sichtlich als Konkurrenz dazu gedacht ist. Sie steht dieses Jahr, wie einer der Veranstalter festgehalten hat, „ganz und gar im Zeichen der herzerwärmenden Kölner Weltoffenheit“.

„Oswald Kolle trifft Alexa Hennig von Lange“, heißt eine der Großveranstaltungen, und eine andere „Lust an sich  – Selbstbefriedigung“. Der Kabarettist Dr. med. Eckart von Hirschhausen wird zum Thema „Glücksbringer“ sprechen, es gibt ein „Solo“ von Herbert Knebel unter dem Titel „Ich glaub, ich geh kaputt“ und ein großes Poetentreffen unter dem dröhnenden Motto „Die im Dunkeln sieht man jetzt“.

Daniel Kehlmann schließlich, der glücklicherweise nicht im Dunkeln steht und den man zur Zeit trotzdem überall sieht, liest aus seinem neuen Buch „Ruhm“, einer herzbeklemmenden Parabelsammlung über das Verschwinden des modernen Individuums in der informationellen Hardware, wo die Identitäten immer öfter zu bloßer SMS gerinnen und eine ältere Dame zum Sterbehelfer in die Schweiz geschickt wird, obwohl sie gar nicht sterben will.

„Stirb schneller, Genosse!“, heißt offenbar die aktuelle Parole für Mitteleuropäer. Das paßt an sich recht gut zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Auf der Leipziger Messe hingegen scheint im Vergleich zum Vorjahr heuer noch nichts eingestürzt zu sein, wenngleich auch dort Kehlmann aus seinem „Ruhm“ vorlesen wird. Vielleicht ist das ein hoffnungsvolles Zeichen, ein Signal dafür, daß man sich auf Urkunden manchmal doch verlassen kann.

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