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Pankraz, der Apostel und die Macht der Überreste

Die Entdeckung von Knochen- und Kleiderresten im sogenannten Paulusgrab in Rom, vom Papst persönlich zum Abschluß des kirchlichen Paulusjahrs vor einigen Tagen feierlich mitgeteilt, erzeugt einerseits Skepsis, andererseits Jubel. Aber es handelt sich auf jeden Fall um eine seriöse Sensation.

 Niemand weiß, ob der Leichnam des Paulus wirklich in diesem seit dem vierten Jahrhundert bekannten Grab ruht. Es gibt keine verläßliche schriftliche Überlieferung darüber, und natürlich kennt auch niemand die DNA des Apostels, welche man bei der Untersuchung der Funde zum Vergleich heranziehen könnte.

Andererseits galt jenes Grab im Fundament der Kirche Sankt Paulus vor den Mauern seit anderthalbtausend Jahren tatsächlich völlig unbestritten als Ruhestätte des Apostels und Märtyrers Paulus, und es ist nachweislich nie geöffnet worden. Wer anders als der „zweite Mann und Generalsekretär der Christenheit“ sollte denn darin liegen? Eine der wertvollsten Reliquien der Weltgeschichte, sagt der Papst, tritt ans Licht der Öffentlichkeit und ins Leben der Gläubigen.

Eingefleischte Lutheraner oder überzeugte Aufklärer läßt die Nachricht freilich ziemlich kalt, löst bei ihnen allenfalls verächtliches Schulterzucken aus. Gott ist für sie eine rein geistige Angelegenheit, Reliquienverehrung,  also Anbetung körperlicher Überreste, halten sie entweder für Götzendienst oder für Dummheit. Nichtsdestoweniger spielten Reliquien immer eine eminente Rolle, und sie spielen sie heute noch, übrigens nicht nur in genuin religiösen Zusammenhängen. Zehntausende „aufgeklärter“ junger Leute zum Beispiel reißen sich in diesen Tagen wie wild darum, einen „Überrest“ des verstorbenen Popstars Michael Jackson zu ergattern, eine Locke von ihm, eine abgetragene „Underwear“, eine leere Pillenflasche: Reliquienkult.

Reliquien sind keine schlichten Erinnerungssymbole, sondern sie müssen „echt“ sein, darauf kommt alles an. Jackson muß die besagte „Underwear“ auch wirklich getragen haben, es muß ein Zertifikat darüber geben, sonst hat alles keinen Sinn. Ist die „Echtheit“ aber irgendwie beglaubigt, steigt der Wert einer Reliquie gewöhnlich ins schier Unermeßliche, sowohl im Spirituellen als auch im Geschäftlichen. Man kann sie anbeten und um Beistand in allen Lebenslagen anflehen, und man kann sie genausogut auf eine Auktion geben und versteigern lassen. Gott und Geld werden eins.

Im christlichen Mittelalter wurden die erbittertsten Kämpfe um den Besitz von Reliquien ausgetragen, und es wurde mit ihnen schwunghafter Handel getrieben. Könige und Kaiser schenkten sie sich gegenseitig bei Staatsbesuchen, mächtige Handelsstädte steigerten ihren Glanz und ihre Macht, indem sie berühmte Reliquien erwarben, sie pompös einschreinten und ihren Gästen vorzeigten.

Spektakuläre Reliquiendiebstähle kamen vor und gediehen regelmäßig zu gefährlichen Staatsaffären. Erlauchteste Universitätsprofessoren stritten sich auf Colloquien um den jeweiligen Rang von Reliquien und lieferten tiefsinnige Gutachten und „garantiert wissenschaftliche“ Bewertungsmaßstäbe. Es ging nicht nur um die „Echtheit“, fast noch wichtiger war der Platz des Überrests in der offiziellen Hierarchie der Gebeine und Gewänder.

Vier große Reliquienklassen gab es. Die erste Klasse war den sogenannten „Passionsreliquien“ vorbehalten: Holzsplitter und Nägel vom Kreuz, an dem Jesus gelitten hatte, Partikel der Dornenkrone, wie sie in Notre-Dame de Paris aufbewahrt werden, das Schweißtuch der Veronika im Petersdom, das Turiner Grabtuch, der „heilige Rock“ der Maria in Trier. Auch Körperteile von Jesus kursierten zeitweilig, doch sie wurden sämtlich schnell als böse Fälschungen entlarvt, da Jesus ja nach offizieller Lehre körperlich unversehrt in den Himmel aufgefahren war.

Zur zweiten Klasse gehörten Körperteile von Heiligen und Märtyrern, Knochen, Haare, Fingernägel, Zähne. In die dritte Klasse sahen sich die „direkten Berührungsreliquien“ verwiesen, Gewänder, Waffen, Gerätschaften usw., die die Heiligen einst berührt und damit ihrerseits geheiligt hatten. Ganz zum Schluß kamen die „indirekten Berührungsreliquien“, Gegenstände, die mit Reliquien der ersten und zweiten Klasse irgendwann in Berührung gebracht worden waren und der Sage nach nun ebenfalls Segen und Wunderhaltigkeit abstrahlten.

Wie gesagt, auf viele (und gewiß nicht die schlechtesten) wirkt dieses ganze, riesig ausgedehnte  Reliquienwesen, in welcher Gestalt auch immer, doch recht anstößig und oft sogar komisch. Pankraz hat einmal in Sri Lanka an einer dröhnenden Feier zu Ehren von Buddhas linkem oberen Augenzahn teilnehmen dürfen, der dort in einem kostbaren Schrein ausgestellt war, und die Erinnerung daran ist ihm nicht angenehm. Er neigt seitdem der Meinung zu, daß die Verbildlichung von Göttern, Heiligen und Ahnen in Statuen und auf Gemälden auf jeden Fall der bessere Weg ist, sich ihnen sinnlich anzunähren und sie zu lieben und zu verehren.

Allerdings fehlt dann jener direkte körperliche Bezug, der offenbar nach dem Gefühl der meisten nötig ist, um definitive existentielle Bindungen herzustellen und zu verhindern, daß sie jemals ausdünnen und eines Tages gelangweilt beiseite gelegt werden. Das bloße Symbol in Form von Bild und rhetorisch beflügeltem Ritual leistet solche Annäherung anscheinend nicht. Die Locke im Medaillon, der Knochen im Reliquiar – sie sind stärker als alle Bilder, Gesänge und Predigten zusammengenommen.

„Keiner von uns lebt ja für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst“, schrieb Paulus einst nach Rom (Römer 14,7), kurz bevor er dort enthauptet und „vor den Mauern“ in die Erde versenkt wurde. Das Rom seiner Zeit ist längst vergangen, aber des Paulus Knochen treten  ans Licht und werden eingeschreint, wenn auch ohne DNA-Nachweis. Zumindest ein Rest Ungewißheit wird bleiben, so wie bei allen anderen Reliquien auch. Überreste sind niemals das Ganze.

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