Nesthocker

Kinder verlassen, so das Statistische Bundesamt, immer später das Elternhaus. Hatten im Jahr 1972 lediglich ein Fünftel der 25jährigen noch nicht den Schritt zur Gründung eines eigenen Haushaltes gewagt, so waren es 2007 bereits 29 Prozent.

Es sind gleich mehrere Vorurteile über vermeintliche gesellschaftliche Trends, die durch diese Zahlen zurechtgerückt werden. Zum einen scheinen von der angeblich gewachsenen Mobilität ausgerechnet junge Menschen ausgenommen zu sein, denen man landläufig doch am ehesten unterstellt, sie würden aufgrund ihrer Ungebundenheit keine Scheu haben, sich einen Studienplatz oder einen Job fern der Stätten ihrer Kindheit zu suchen.

Zum anderen sieht es so aus, als hätte die Auflösung der Institution Familie, die man aus den in den vergangenen Jahrzehnten markant gestiegenen Scheidungsraten folgert, die Attraktivität des Elternhauses, selbst wenn in ihm nur Mutter oder Vater verblieben sein sollten, nicht gemindert – im Gegenteil. Auch die sogenannte Individualisierung, die im Zeichen der Selbstverwirklichung zu mehr Bindungslosigkeit und einem Anwachsen von Single-Haushalten geführt haben soll, scheinen immer weniger junge Menschen mitmachen zu wollen. Und nicht zuletzt verweigern sie sich offenbar standhaft auch allen Einflüsterungen, sie sollten aufgrund der Überalterung unserer Gesellschaft und daraus für sie resultierender Belastungen in einen Generationenkonflikt eintreten.

Weniger überraschend sind hingegen die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die sich bei den hartnäckigen Nesthockern feststellen lassen. Während es bei den jungen Frauen lediglich 27 Prozent der 24jährigen noch nicht geschafft haben, auf eigenen Beinen zu stehen, wohnen 46 Prozent der gleichaltrigen Männer noch im elterlichen Heim. Bei den 30-jährigen ist das Ungleichgewicht noch größer: Hier haben 14 Prozent der Männer, aber bloß fünf Prozent der Frauen den Absprung in einen eigenen Haushalt noch nicht geschafft.

In diesen Zahlen spiegelt sich eindrucksvoll der Tausch der Geschlechterrollen wider, der in den vergangenen Jahren vollzogen wurde: Während sich junge Frauen heute durch Dynamik, Eigenverantwortung und Engagement definieren, sind ihre männlichen Altersgenossen eher durch Antriebsschwäche, mentale Beschränktheit und Anspruchsdenken gekennzeichnet. Immerhin scheinen junge Männer die Zeichen der Zeit in einem Punkt nicht zu verschlafen: Da ihre Chancen, etwas zu werden, sinken, bleiben sie lieber gleich in der Obhut des Elternhauses.

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