Nekrophil

Nachdem Hollywood die Figur des Serienkillers durch „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) und zahlreiche Nachfolger wiederbelebt hatte, drehte Regisseur Jörg Buttgereit einen Antifilm zu dieser Welle, „Schramm“ (1994), der die Dramaturgie ins Gegenteil verkehrte. Der Serienkiller ist entdämonisiert, verliert an Faszination, die Handlung wird aus seiner Perspektive erzählt, man versucht, den Charakter transparent zu machen, und verzichtet auf den klassischen Krimi-Spannungsbogen.

Ein solches Serienkiller-Porträt liefert auch Rouven Blankenfelds „lieben“ (2006), eine Produktion der Kunsthochschule für Medien Köln. Darin vegetiert der nekrophile Serienmörder Boris (Karsten Dahlem) in einer apokalyptischen Betonwüste, die nebst grauer Häßlichkeit auch unerträgliche Einsamkeit produziert. Eine lebensfeindliche Kulisse, in der Boris nachts seinen makabren Obsessionen nachgeht, während er tagsüber am Fließband steht.

Dort selektiert er unbrauchbare Pfandflaschen, so kaputt und „unbrauchbar“ wie seine Opfer nach Maßstäben der Gesellschaft: Drogensüchtige, Stricherinnen, Lebensmüde. Nebenbei besucht Boris – nicht aus Zuneigung, eher aus schlechtem Gewissen – seinen Vater, der in einer Klinik verendet. Schließlich begegnet er einer Frau mittleren Alters, die bei ihm Trost wegen ihrer verschwundenen Tochter sucht. Was sie (noch) nicht weiß: Diese Tochter ist tot, sie war eins von Boris’ Opfern.

Regisseur Blankenfeld zeigt ein Universum weggeworfener Existenzen. Weggeworfen nicht nur physisch, durch Krankheit und Mord, sondern auch existenziell. Wo Beziehung nur nach vorheriger Auslöschung des Gegenübers möglich scheint. Wenn Boris still neben seinem Opfer liegt, zeigen manchmal nur die Würgemale am Hals, daß die „Partnerin“ tot ist.

Nein, der Film hält keine „Entschuldigung“ für den Killer bereit, romantisiert nicht, sondern vermittelt eine Beklemmung, die an Caspar Noés „Irreversibel“ (2002) oder Matthias Glasners „Der freie Wille“ (2006) reicht und beim Publikum pure Ratlosigkeit hinterläßt. Weder Verurteilung noch Heroisierung ist möglich, alles scheint einem unausweichlichen Kausalgesetz zu folgen. Dies aufzuheben, dazu ist selbst Gott, zu dem Boris betet, nicht willens oder in der Lage.

Als Extras bietet die DVD unter anderem Blankenfelds frühen Kurzfilm „Stadt der Umkehr“ sowie ein Interview mit dem Regisseur. Blankenfeld definiert darin Kino als „emotionale Keule“. Das glaubt man ihm nach diesem Film sofort.          

DVD: lieben, Epix Media, Berlin 2009, Laufzeit: ca. 90 Minuten

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