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Kositza

Es gehört zu den unappetitlichen Dingen der gegenwärtigen Geschichtsschreibung, daß menschliche Schicksale der Kriegs- und Nachkriegszeit gemäß ihrer politischen Nützlichkeit bewertet werden. Wie das bleierne Schweigen zeigt, mit dem man hierzulange auf den jüngsten Fund eines Massakers an Deutschen im heutigen Polen reagiert (die JF berichtete mehrfach), ist dabei die Erinnerung an eine bestimmte Gruppe von Opfern gänzlich unerwünscht. Die Ausrottung und Vertreibung der Deutschen jenseits der Oder-Neiße-Linie gehört zu den Dingen, über die zu sprechen immer noch geradezu anstößig erscheint.

Diesen ideologischen Überbau, der eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eigentlich nicht zuläßt, unterläuft die amerikanische Soziologin Brigitte Neary mit ihrem Buch „Frauen und Vertreibung“. Denn jenseits politischer Zuordnungen mit der entsprechenden moralischen Beurteilung überläßt sie den Opfern den Raum. Sich selbst zurücknehmend stellt die deutschstämmige Professorin der Universität von South Carolina in einem „oral history“-Projekt das Menschenschicksal in den Vordergrund. Fünfzehn Betroffene, die damals noch Mädchen oder junge Frauen in den Zwanzigern waren, breiten vor dem Zuhörer in kurzen, narrativen Sätzen Erlebtes aus, ohne um Aufmerksamkeit oder gar Mitleid zu bitten.

So erfährt man Lebenssituationen aus Ostpreußen, Schlesien, Siebenbürgen oder anderen deutschen Siedlungsgebieten Osteuropas: Berichte, die aufzeigen, wie grotesk und eigentlich menschenverachtend die Behauptung ist, durch solche Erinnerungen würden nationalsozialistische Verbrechen relativiert. Denn eine solche Argumentation kann sich nur durch einen stupiden Kollektivismus rechtfertigen, der den Totalitarismen der Vergangenheit in Wirklichkeit nicht so fern ist.

Diese verengte Sicht hebt Nea­ry dadurch auf, daß sie den individuellen Menschen sprechen läßt, der nicht vom Kollektiv aufgesogen wird, sondern in seinem Einzelschicksal ein Opfer des Totalitarismus – auch des nationalsozialistischen – als solchen ist. Mit großem Erfolg hat die russische Historikerin Irina Scherbakowa ähnliche Projekte mit Schülern durchgeführt, als dies die politischen Verhältnisse in Rußland noch zuließen (JF 46/06). Sollte derartiges an deutschen Schulen einmal möglich sein, dann werden bis dahin die Aufzeichnungen Nea­rys und anderer wohl die einzigen Zeugen sein.

Brigitte Neary (Hrsg): Frauen und Vertreibung. Zeitzeuginnen berichten. Ares Verlag, Graz, 2008, gebunden, 160 Seiten, 19,90 Euro

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