Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Kompromißlos authentisch

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber mit Pferdeleibern im heftigen Kampf gegeneinander; Schröder packt Stoiber an der Krawatte, versetzt ihm einen Kinnhaken, während Stoiber ein wenig kraftlos mit den Fäusten fuchtelt. Wildheit und primitive Kraft im Machtkampf. Darunter im Text: „Heute fanden Wahlen statt. Schröder gewann.“ An Regen erinnernde Tropfen, die eigentlich Schlaufen einer georgischen Schrift darstellen, tragen die deutschen Farben. Die sich prügelnden Politiker sind nach dem Wahlkampfergebnis einfach und schnöde durchgestrichen. Der Text erläutert: „Wir fuhren zur Familie Becker nach Ragow. Gegenüber vom Haus bauen sie einen Pferdestall.“ Also auch auf den Pferdestall von Beckers spielen die Kentauren an und nicht etwa auf die Weisheit, die sich wohl mit diesen mythischen Mischwesen, ganz sicher aber nicht mit den Politikern verbindet. Klein im Hintergrund sieht man Beckers Haus. Besucher benötigen Souveränität und Zeit Das Blatt ist eines von insgesamt 265, die das Leben des georgischen Malers und Grafikers Zurab Sumbadze aus dem Jahre 2002 aufzeichnen. Jeder der farbigen, teils aquarellierten oder mit Pastell oder Tempera versehenen Zeichnungen sind tagebuchartige kurze Notizen in englisch und georgisch beigegeben. Wir begegnen einer unglaublichen, oft ausgesprochen skurrilen Bildphantasie. Diese wird durch die verschiedensten Ereignisse des Tages oder auch nur durch Einfälle oder Gedanken, die für ihn gerade zu dem Zeitpunkt eine Rolle spielten, ungebremst von jeglichem Anpassungsbestreben an die florierende Kunstszene, ausgelöst. Sumbadze ist kompromißlos authentisch. Das ist selten. Sein Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Tbilissi – Schwerpunkte: Grafik und Illustration – bescherte ihm eine solide und klassische Ausbildung. Nicht nur das fällt ins Auge, sondern auch, daß wir einen begabten Zeichner vor uns haben. Für die Ausstellung benötigt man eine gewisse Souveränität gegenüber gängigen Meinungen und viel Zeit. Die Ausstellung ist bis zum 22. Februar in der Galerie im Körnerpark, Schierker Str. 8, in Berlin-Neukölln zu sehen. Täglich außer montags 10 bis 18 Uhr. Telefon: 030 / 68 09 28 76

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