Joachim Kuhs

 

Kinderschaukeln im Orkan

Helmut Krausser ist ein Vielschreiber. Romane, Kurzgeschichten, Tagebücher, Bühnenwerke und Libretti, gar ein Kinderbuch hat er veröffentlicht. Nahezu alle seiner zweieinhalb Dutzend Bücher, teils wahre Mammutwerke, sind auf und ab besprochen und gewürdigt worden, einige – etwa „Fette Welt“ – wurden erfolgreich verfilmt. Genau zwanzig Jahre nach Kraussers Debüt „Könige überm Ozean“ ist der Kindler in neuer Auflage erschienen, das maßgebliche Literaturlexikon – ohne Krausser. Wie’s kommt, weiß man nicht. Krausser nach Noten (ach ja: musizieren tat der Künstler auch) zu werten, das hieße, die volle Bandbreite nutzen zu müssen. Ein eigenartiger Schüler! Insofern überrascht jedes Buch neu. Schund oder Glanz?

Sein neuester Titel „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ evoziert gleich mehrfach das Deutschland-Thema: zunächst aufgrund des Gleichklangs mit dem Beginn des Deutschlandlieds. Zum anderen farblich: Schwarzrotgolden (ergänzt durch Weiß) präsentiert sich der Umschlag. Und greift die markante Schrifttype nicht überdeutlich die CDU-Wahlwerbung auf?

Thematisch fokussiert sich der Inhalt auf Berliner Lebensschicksale, auch Bielefeld, ausgerechnet – man denke an die von dort ausstrahlende Universität und ihre soziologische Fakultät! –, liefert Handlungsstränge, die ebenfalls in der Hauptstadt enden.

Ein Deutschlandroman also, und eine weitere Assoziation tut sich auf: „Deutschland 09“ hieß der Episodenfilm des vergangenen Frühjahrs. Renommierter Regisseure lieferten darin ihren Beitrag „zur Lage der Nation“ ab. Viel Mist darunter, etwas Mittelmaß, zwei, drei hervorragende Beiträge.

In Kraussers episodischem Roman ist es ähnlich, unterm Strich jedoch besser. Kraussers Sicht auf seine Leute ist kalt, zynisch, misantroph. Der Faktor „Mitleid“ aus dem Titel fehlt, er kommt allenfalls als Ingredienz der Erbärmlichkeit vor.

Der erste Teil umfaßt drei „Weihnachtsgeschichten“ sowie einundzwanzig Kapitel unter der Überschrift „Mai“, der zweite Teil führt die disparaten Lebenswege zusammen. Wir lernen in Sequenzen den Call-Boy Vincent kennen, der in seiner Wohnung eine junge Einbrecherin überwältigt. Einen aufgrund Rufmords suspendierten Lateinlehrer, der eine dicke, schwarze Bardame kennenlernt und sie Lektionen römischer Geschichte lehrt. Das ungleiche Ehepaar Julia und Uwe mit Wellness-Passion; sie wird ihm während des gemeinsamen Kochens (hinreißend beschrieben, es gibt Sushi) den Laufpaß geben. Des weiteren treten auf: ein krimineller Punker, Dr. Stern samt Frau und Geliebter (die entsprechenden Szenen wirken gelegentlich, als hätte FAZ-Kolumnist Georg M. Oswald sie geschrieben), die kleine Möchtegernschlampe Swentja, eine epilepsiegeplagte Primaballerina, ein junger Radikalchrist sowie zwei zweifelhaft mustergültige Migranten namens Ümal und Mahmud.

Den Protagonisten ist mehr oder weniger gemein, daß sie von sexuellen Obsessionen getrieben sind und daß ihnen Geld und Sex als einzige Gegenmittel zur trostlos-einsamen Existenz erscheinen. Geld und Sex: Für Kraussers Figuren ist beides eins, von „Metaphysik des Sexus“ (Julius Evola) keine Spur. Der weibliche Körper ist als raffinierter hard body begehrenswert, Männlichkeit materialisiert sich dort, wo es sich um das „haptisch begeisternde Mittelteil eines wirklich gutaussehenden Mulatten“ handelt.

Natürlich überstrapaziert Krausser seinen Menschenekel. Das macht die Lektüre gelegentlich zur Qual. Die Darstellung des christlichen Hinterweltlers Johnny/Johannes, der sich zum eigenen Leidwesen ständig „unten übergeben“ muß, ist eine der mißlungenen Grotesken, eine wohlfeile Überzeichnung.

Ferner wäre anzumerken: Es gibt keine halbmulattenähnliche Restbräune des Sommers, die bis Weihnachten überdauern würde, und auch keine leeren Kinderschaukeln, die im Wind baumeln – dann müßte schon Orkan herrschen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob geboten ist, interpretatorisch allzu tief einzusteigen.

Wie bei Michel Houellebecq, mit dem Krausser gelegentlich verglichen wurde (es gibt zahlreiche germanistische Arbeiten zu Krausser), bleibt unklar, ob wir es mit ernstzunehmender Weltschmerzliteratur oder pornoeskem Kitsch zu tun haben. Immerhin, eine Gegenwelt, ein Utopia, scheint vorzuliegen. Nicht von ungefähr spielt wie stets bei Krausser die Hochantike, spielen Wörter wie „Gott“, „König“, „Aura“ eine – wenn auch verborgene – Rolle.

Die Rezeption von Kraussers neuem Roman ist erwähnenswert: Zum einen wären da die Kundenrezensionen auf amazon.de, die das Buch großteils loben. Aber wie! Von „locker-flockiger Sprache“ ist die Rede, von „saukomischen Formulierungen“ und davon, daß bei der Lektüre „ein Glücksgefühl das nächste jagt“, oder die stupende Frage in verherrlichender Absicht: „Wer oder was hat ihm diese Inspiration eingegeben?“ Herrje, solche Gut-Leser wünscht man keinem! Wäre dies das anvisierte Publikum des 45jährigen Schriftstellers?

Daneben hat Tilman Krause eine lobende Rezension (unter anderem) in der Welt verfaßt, die – warum auch immer, vermutlich durch redaktionellen Lapsus – folgende Wendung beinhaltete: „Bildungsbürger bepöbeln Migranten einfach so aus Spaß“. Das entbehrt zwar gänzlich der literarischen Grundlage. Wer hat je zuvor wie Krausser hier den alltäglichen Vorgang in ein Bild gefaßt, wie ein junger Türke „mit gespitztem Mund einen Schwall gesammelter Spucke zu Boden fallen“ läßt? Und doch vermochte allein dieser Satz in den Kommentarspalten der Zeitung ein wahres Feuerwerk zu entzünden. Motto: Spinnt dieser Krausser, wo lebt der eigentlich, wer bepöbelt / schlägt/ mordet hier eigentlich wen? Interessant, wie locker Reflexe sitzen können, wie und wann sie sich Bahn brechen!

Krausser und sein neues Buch sind hierzu allerdings der falsche Sparringpartner. Er ist beileibe ein Anti-Gutmensch. Sollten wir, das Wahlvolk der Berliner Republik, hochgerechnet auch nur annähernd so fertig und abgefuckt sein wie seine Protagonisten: Dann hülfe nur Mitleid.

 Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid. Dumont Buchverlag, Köln 2009, gebunden, 224 Seiten, 19,95 Euro

 Foto: Straßenstrich in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte

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