Im Volk brodelt es

Wer bei der Comic-Lektüre noch nie geheult hat, sollte es mal mit „Sambre“ versuchen. Der hängt nicht nur Konkurrenten aus der eigenen Kunstrichtung problemlos ab, sondern auch Film-Melodramen wie „Gone with the Wind“ (Vom Winde verweht, 1939) oder „Titanic“ (1997).

Aber sollte man Comic-Alben überhaupt mit Filmen vergleichen? In diesem Falle schon. Schließlich setzt sein Zeichner und Autor Yslaire ein hohes Maß an „filmischen Mitteln“ ein: dramaturgische Nutzung der Perspektiven, Parallelmontage verschiedener Handlungsfäden, keine Verwendung von Zwischentexten – nur Dialoge in Sprechblasen kommen zum Einsatz. Dabei beweist Yslaire ein perfektes Gespür für Rhythmus und Aufbau von Spannungsbögen. Kurzum, mit der Wiederauflage der vier „Sambre“-Teile (1987–1997) als Sammelband liegt jene Comic-Version über die Pariser Kommune 1871 vor, die man eigentlich von Jacques Tardis „Le Cri du Peuple“ (Die Macht des Volkes, 2001) erhofft hatte. Der jedoch war als Romanadaption viel zu literarisch beladen, wirkte streckenweise wie eine unbeholfene Buchillustration, fand keine eigenständige Comic-Dramaturgie. Die wiederum gelang dem belgischen Zeichner Yslaire vorbildlich.

Bernard Sambre, Sohn eines wahnsinnigen Rassentheoretikers, wohnt nach dessen Tod mit seiner Mutter und Schwester in einem französischen Landhaus. Das verschollene Werk des Vaters, „Der Krieg der Augen“, spukt in den Köpfen der Hinterbliebenen – vor allem seine Warnung vor Menschen mit roten Augen. Bald darauf trifft der junge Bernard auf die Wilddiebin Julie, die ist Tochter einer Prostituierten und hat – feuerrote Augen. Bei einer Liebesnacht in der Friedhofsgruft entdeckt Julie auf Bernards Hand, daß seine Lebenslinie länger ist als die ihrige. Kurzentschlossen greift sie zum Messer und „entfernt“ einen Teil: Jetzt ist beider Lebenserwartung gleich kurz. Nach dieser Erfahrung von Tod und Eros kann der junge Sambre das düstere Landleben kaum mehr ertragen. Als Julie unter Mordverdacht gerät und nach Paris flüchtet, folgt er ihr. Dort führt das Schicksal ihn in den Salon und ins Bett von Olympia del Castel-Balac, dem altgewordenen Model für Eugene Delacroix Freiheitsallegorie. Nur wenige Straßen entfernt versteckt sich Julie bei einem Maler, der sie als „Neue Freiheit“ malt. Denn im Volk brodelt es. Die ersten Menschen gehen auf die Barrikaden. Mehr sei nicht verraten – nur daß die Schicksallinien von Bernard und Julie enger miteinander verwoben sind, als beide ahnen konnten.

Dieser Comic-Klassiker steht dem Erfolgsroman „Les Mystères de Paris“ (Die Geheimnisse von Paris, 1843) von Eugène Sue in nichts nach. Yslaires Paris ist eine finstere Welt, die ohne knallige Farben auskommt. Seine Bilder werden von einzelnen Farbtönen dominiert, Sepia, Dunkelblau, Schwarz.

Solche Melodramen zwingen zur Erkenntnis, daß der Wert des Lebens darin liegt, ein „Schicksal“ zu haben: so wie Tristan und Isolde, wie Hero und Leander oder – wie Bernard und Julie. Denn alle Nebenfiguren, der Polizeipräfekt, Bernards Schwester, der Vikar – all die Schicksalslosen, wer möchte mit ihnen tauschen?

Aber die Neuauflage von „Sambre“ begeistert nicht nur wegen seiner Qualität als tiefgreifendes Melodram. Gerade jetzt, wo die Finanzkrise sich ein wenig erholt, irrationale Wachstumsphantasien wieder aufblühen und Kürzungen im Sozialbereich erneut diskussionsfähig werden, kann ein wenig Revolutionsstimmung nicht schaden: durch Erinnerung an Zeiten, wo man sich nicht alles gefallen ließ.

Yslaire Balac: Sambre – Der Krieg der Augen. Verlag Carlsen-Comic, Hamburg 2009, gebunden, 224 Seiten, 39,90 Euro

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