Im Dienste der Erinnerung

Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Konrad Lorenz zu Lebzeiten erfahren hat, ist es einigermaßen verwunderlich, daß sein 20. Todestag am 27. Februar nur wenig publizistischen Niederschlag gefunden hat. Lediglich diese Zeitung und die Sezession widmeten ihm einen größeren Raum, und in österreichischen Blättern versah man pflichtschuldig den Erinnerungsdienst an den Nobelpreisträger von 1973.

Vielleicht ist zu Lorenz aber auch alles gesagt. Ein Hinweis darauf ist die unveränderte Taschenbuchausgabe der Biographie, die erstmals 2003 zum 100. Geburtstag erschien. Gab es seitdem keine neuen Erkenntnisse zu Lorenz? Wenn man sich die wenige Literatur anschaut, die in den letzten Jahren erschienen ist, haben sich keine neuen Fakten ergeben. Und die wenigen Interpretationen tragen zum Verständnis von Lorenz nicht allzuviel bei. Es bleibt dabei, daß die Autoren mit der Biographie den Maßstab gesetzt haben, an den sich sobald keiner heranwagen wird. Sie haben die greifbaren Archive sowie Lorenz’ Briefe und Aufzeichnungen ausgewertet. Wenn es Lücken gibt, so lassen sich diese vielleicht schließen, wenn die Sperrfrist abgelaufen ist (so bei den Umständen der Nobelpreisverleihung).

Anderes wird sich wohl niemals aufklären, wie einige Details aus den vierziger Jahren. Die NS-Verstrickungen von Lorenz waren der Ausgangspunkt der Forschungen der beiden Autoren, was man dem Buch formal nicht anmerkt  – lediglich fünfzig Seiten sind dieser Phase gewidmet. Insofern stimmt die Gewichtung. Inhaltlich haben sich die Autoren von dieser Fixierung nicht ganz freimachen können, die Jahre zwischen 1938, als Lorenz der NSDAP beitrat, und 1944, als er in russische Gefangenschaft geriet, bilden für die Autoren den Schlüssel zu seinem Werk. Das hat seine Berechtigung, wenn man die Ausbildung von Lorenz’ theoretischer Position in diesen Jahren bedenkt.

Über die Forscherpersönlichkeit, die Werk und Leben umschließt und die Lorenz wie kaum ein zweiter verkörpert, lassen sich so kaum Einsichten gewinnen. Dennoch kann die aufmerksame Lektüre dieses Buches in mehrfacher Hinsicht lehrreich sein. Man lernt eine Ausnahmegestalt der Wissenschaft kennen, über der ein Leben lang ein guter Stern gestanden hat, und kann ein gelungenes Leben betrachten. Und die Erkenntnisse der von Lorenz begründeten vergleichenden Verhaltensforschung hinterlassen beim Leser hoffentlich eine skeptische Sicht auf den Menschen.

Klaus Taschwer, Benedikt Föger: Konrad Lorenz. Biographie. Dtv-Taschenbücher, München 2009, broschiert, 352 Seiten, Abbildungen, 12,90 Euro

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