Filme für den Deutschunterricht

Volker Schlöndorff, der am 31. März siebzig Jahre alt wird, ist nach wie vor einer der international am besten bekannten und am meisten respektierten deutschen Filmregisseure. Unvergessen ist sein Welterfolg „Die Blechtrommel“, der Deutschland einen seiner wenigen Auslands-Oscars bescherte und zum wohl meistgesehenen Exportartikel des „Neuen Deutschen Films“ wurde. Er ist außerdem der letzte der semi-kanonischen „Viererbande“ der 1970er Jahre, zu der noch Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog gezählt werden, der noch kontinuierlich in seinem Heimatland arbeitet, was ihn inzwischen fast zu einer Art Stifterfigur des deutschen Kinos gemacht hat.

Davon abgesehen ist Schlöndorffs Rang in der Filmgeschichte weiterhin umstritten. Nach der Premiere des Kompilationsfilms „Deutschland 09“, der als politisch-gesellschaftskritisches Ereignis angekündigt wurde, schrieb Claudius Seidl in der FAZ ironisch, er müsse sich nun „entschuldigen“ bei den „Autoren des sogenannten jungen deutschen Films, über deren gesellschaftskritische und politisch ambitionierte Werke wir Kinofans der nächsten Generation soviel Böses gedacht, gesprochen und geschrieben haben, weil halt die guten Absichten dem genauen Blick so deutlich den Weg versperrten“. Eine „Entschuldigung“, die einen Seitenhieb vorbereitete: „Aber wenn das, was man, nur zum Beispiel, in Hans Weingartners Kopf vermuten muß, politisches und historisches Bewußtsein ist, dann ist Volker Schlöndorff ein Klassiker, der Filmkunst und der Theorie.“

In der Tat ist das Wiedersehen mit so manchem berühmten Film Schlöndorffs heute eine peinliche Erfahrung. Da wäre zum Beispiel „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, den er 1975 zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Margarethe von Trotta nach einer Vorlage von Heinrich Böll inszenierte. Wenn es je einen betondummen politischen Film im deutschen Kino gegeben hat, dann diesen. Bölls pamphletartige Erzählung mit dem vollmundigen Untertitel „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ war die Rache des Autors für eine Kampagne der Springer-Presse, die ihm übelnahm, daß er in einem Spiegel-Artikel „freies Geleit“ für Ulrike Meinhof forderte.

Ein ähnlich weiches Herz für den Kopfschußhumanismus der RAF hatte auch der SPD-Parteigenosse Schlöndorff, der sich in einem Rechtshilfefonds für die Verteidigung politischer Gefangener engagierte. „Katharina Blum“ führte in plakativer Schwarzweiß-Manier eine hübsche, sensible, junge Frau (Angela Winkler) als Opferlämmchen vor, das sich spontan einem attraktiven Traummann von Terroristen (Jürgen Prochnow) hingegeben hatte  und deshalb von allerlei finster-derben Polizisten und Presse-Parasiten gequält und verleumdet wird, bis sie in ihrer Verzweiflung selbst zur Waffe greift.

Eine derart durchkonstruierte Geschichte, die die Polizeigewalt unter Ausblendung des Terrors der Terroristen „anprangert“, beweist natürlich rein gar nichts. 25 Jahre später schloß Schlöndorff nahtlos an diesen Geist an, als er in „Die Stille nach dem Schuß“ (2000) die Linksterroristen als sensible, hübsche, junge Leute mit übermütiger Robin-Hood-Attitüde zeichnete, die es doch bloß nur gut gemeint hatten.

Böll und Schlöndorff, das war in gewisser Hinsicht eine Wahlverwandtschaft, und es ist wohl kein Zufall, daß der Regisseur anschließend den zweiten linksliberalen Säulenheiligen des damaligen bundesdeutschen Literaturbetriebs, Günter Grass, verfilmte. Nach dem Erfolg der „Blechtrommel“ hatte Schlöndorff endgültig den Ruf eines Spezialisten für „Literaturverfilmungen“ weg.

Sein vielbeachteter Erstling „Der junge Törleß“ (1965) beruhte auf einem Roman von Robert Musil, später folgten Verfilmungen von Kleist („Michael Kohlhaas“, 1968), Marguerite Yourcenar („Der Fangschuß“, 1976), Nicholas Born („Die Fälschung“, 1981), Proust („Eine Liebe von Swann“, 1983), Margaret Atwood („Die Geschichte der Dienerin“, 1990) oder Max Frisch („Homo Faber“, 1991). Schlöndorff, der Anfang der sechziger Jahre sein Handwerk in Frankreich bei Louis Malle und Jean-Pierre Melville gelernt hatte, kehrte in seine Heimat mit dem Vorsatz zurück, „Filme zu drehen, weil es dort keine gibt“.

Seit seinem Debüt galt er, Jahre vor dem Auftreten von Fassbinder und Konsorten, als das hoffnungsvollste Talent des „jungen deutschen Films“, wie er damals genannt wurde. Sein heute nur noch selten gezeigtes Frühwerk, darunter „Mord und Totschlag“ (1967) mit Rolling-Stones-Muse Anita Pallenberg und Musik von Brian Jones, brachte ihm zum Teil den Ruf eines „deutschen Chabrol“ ein. In Erinnerung geblieben ist jedoch vor allem der Schlöndorff, der sich in „Katharina Blum“ herauskristallisierte.

Seine Filme, oft ebenso politisch korrekt wie betulich, passen gleichermaßen in den Deutschunterricht an Gymnasien, an denen sie gerne gezeigt werden, wie in den Bildungskanon von Sozialdemokraten, die sich Aquarelle von Günter Grass an die Wand hängen. Das Genre der „Literaturverfilmung“ wird von den Kritikern gerne gescholten, und das mit Recht. Neben der unvermeidlichen Debatte darüber, ob das Buch „besser“ sei als der Film (oder umgekehrt), steht der Filmautor stets vor dem Problem, die Worte in Bilder, Szenen und Gesten zu übersetzen. Meister wie François Truffaut, Luis Buñuel oder Andrzej Wajda haben literarische Vorlagen in ureigene, genuin filmische Stoffe anverwandelt. Schlöndorff hatte nie ein wirkliches eigenes Thema, nie einen unverwechselbaren Stil, der über das Akademische hinausgeht, und so sind viele seiner Adaptionen in die Falle des Illustrativen getappt. Sein größter Erfolg, „Die Blechtrommel“, fast schon mirakulös ermöglicht durch den Glücksfall der Existenz David Bennents, ist keine Ausnahme. Das technisch perfekte „Arrangement“ der Inszenierung schiebe sich in den Vordergrund, befand Klaus Eder 1980: „Nahezu verdrängt wird dabei die Frage, was eigentlich Schlöndorff an dem Roman von Günter Grass gereizt haben mag (…) Wo liegt da eine Gegenwärtigkeit der literarischen Vorlage, wenn sie denn eine hat?“

Entkleidet der kunstvollen sprachlichen Stilisierung des Romans, gerät die „Blechtrommel“ in Schlöndorffs Fassung zur ziellosen Revue von ekelerregenden, drastischen, sexuell expliziten und grell karikierten Szenen, die an keiner Stelle über sich selbst hinausweisen. Der Geschmack des Posenhaften, Behaupteten, Eitlen haftet fast allen von Schlöndorffs Filmen an.

Überdeutlich wird das anhand der faux naivité etwa von „Der Unhold“ (1996) und „Strajk – Die Heldin von Danzig“ (2007), während der intellektuelle und grüblerische Zug des Autors zuweilen eine Zähflüssigkeit der Inszenierung bewirkt, die wohl nur noch von seiner ehemaligen Gefährtin Margarethe von Trotta übertroffen wird. Und eben das ist alles andere als „cinéma“. Die Fackel, die ihn einst selbst entzündet hatte, konnte Schlöndorff nicht weiterreichen: Im Gegensatz zu dem Rest der Viererbande, Fassbinder, Wenders und Herzog, haben seine Arbeiten wohl niemals einen jungen Cinephilen inspiriert, selbst Filme zu machen.

Immerhin leidet Schlöndorff nicht an Selbstüberschätzung: „Ich halte mich selbst nach wie vor nicht für einen der Großen“, bekannte er in einem Interview mit dem ZDF-Magazin „Aspekte“: „Die Kritik natürlich auch nicht. Das schließt nicht aus, daß ich ein paar schöne Filme gemacht habe.“  

Fotos: Volker Schlöndorff bei Dreharbeiten zum Film „Strajk – Die Heldin von Danzig“: Stifterfigur, Schlöndorff-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975): Ausstrahlung in der ARD am 1. April um 0.35 Uhr

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