Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein deutscher Dissident in San Casciano

Ein paar Branchen trotzen der sogenannten „Finanzkrise“. Unbedingt dazu zählt die „Firma Carl Schmitt“. Neuerdings steht dort die Edition von Briefwechseln in schönstem Flore. Allerjüngstes Erzeugnis ist die von Günter Maschke und Erik Lehnert herausgegebene und sorgfältig kommentierte Korrespondenz zwischen dem alten Mann im sauerländischen San Casciano und Hans-Dietrich Sander, einem „deutschen Dissidenten“ aus der „Flakhelfer-Generation“, der unverwundbar wie Jung-Siegfried aller „Umerziehung“ widerstand (JF 25/08). Ihr Austausch beginnt 1967 und versickert kurz vor dem 90. Geburtstag Schmitts am 11. Juli 1978. Danach gibt es bis 1981 nur einige vergebliche Versuche Sanders, den Gesprächsfaden neu zu knüpfen.    

Die Edition bietet mit 346 Briefen eine der umfangreichsten Korrespondenzen, die aus der Schatzkammer des Düsseldorfer CS-Nachlasses bisher zutage gefördert worden ist. Sie ist zu lesen als ein zweistimmiger Kommentar zur auflösenden Verwandlung der Bonner Republik unter dem Druck des Zeitgeistes von 1968. Präsent werden so jene auch unter alltagsästhetischen Aspekten (Architektur, Gebrauchsdesign, Mode, Frisuren) ultrahäßlichen Jahre, in denen, wie Sander treffend bemerkt, die Notgemeinschaft der Nachkriegszeit endgültig zerbrach – und „als die Not aufhörte, löste sich auch die Gemeinschaft auf“. Da Sander, vielfach darin bestärkt durch Carl Schmitt, hierzu widerborstig Gegenpositionen bezieht, spiegeln die Briefe zwangsläufig auch die Geschichte einer bis zur „Erledigung“ reichenden Ausgrenzung wider.

Nach dem Tod seines Mentors Hans Zehrer, der aus Springers Welt eine „nationalgesinnte Tageszeitung“ machen wollte, erfaßt sie Sander aus zwei Richtungen. Zum einen verliert er als Publizist im Establishment peu à peu an Boden. 1968 „fliegt“ er wegen „rechter“ Auffassungen aus der Welt. Es folgt der Hinauswurf aus William S. Schlamms Zeitbühne. Um 1980 steht ihm kein Medium von nennenswerter Reichweite mehr offen. Andererseits mißlingt die Integration in die Infrastruktur der „Neuen Rechten“, die sich in den 1970er Jahren ohnehin nur noch im Randständigen gruppierte.

Trotzdem findet sich dort von Geschlossenheit, wie sie etwa der Alarmist Peter Glotz im gleichzeitigen publizistischen Auftreten eines Sander, Bernard Willms, Armin Mohler, Robert Hepp oder Günter Maschke retrospektiv zu erkennen glaubte, nicht die leiseste Spur, was schon an deren untereinander wenig kompatiblem Verhältnis zu CS abzulesen ist. Vielmehr gilt: jeder gegen jeden und Gott gegen alle. Die so gut überschaubare Rechte ist infiziert von dem in linken Sekten grassierenden „Spaltpilz“. Man hat zwar nur das in der Hand, was Sander Schmitt darüber berichtet und in aktualisierenden Anmerkungen ergänzt. Aber selbst seine extreme, sich nervige „Petzereien“ über Mohler & Co. nie versagende Verletzbarkeit eingeräumt, ist ihm auch im eigenen „Lager“ übel mitgespielt worden.

Persönliches und Ideologisches sind dabei kaum zu trennen. Auf Armin Mohler, Caspar von Schrenck-Notzing, Günter Rohrmoser oder Gerd-Klaus Kaltenbrunner fällt in diesem Kontext insoweit ein trübes Licht. Es öffnet sich der tiefe Graben zwischen den „angepaßten“, bürgerlich auskömmlich versorgten Rechten, die in jener „sozialliberalen“ Ära noch „Wende“-Hoffnungen in die CDU/CSU investierten, und dem radikaleren, also illusionsloseren, aber einsamen Sander, der, eben wirklich eine Kleist-Natur, kein Talent für „Taktik“ hat. Nach „Solidarität“ hält er zumeist vergeblich Ausschau. Überhaupt begegnen einem in diesen Episteln sehr viele Menschen mit sehr schlechten Manieren. Den Vogel schießt der im Spiegel gewöhnlich als „ölig“ verulkte zeitweilige bayerische Kultusminister Hans Maier ab, der in heimtückischer Weise einen Sanderschen Stipendienantrag zu torpedieren versuchte – als katholischer Christ wenig nächstenlieb, eine Existenzvernichtung billigend in Kauf nehmend.   

Ein anderer Aspekt der Geschichte von Sanders „Zermahlung“, wie es Maschke im Vorwort drastisch formuliert, ist der Test auf das Ausmaß „geistiger Freiheit“ in der Bundesrepublik, zu der der Briefwechsel einlädt. Gewissermaßen die Konfrontation der Verfassung mit der sie blamierenden Verfassungswirklichkeit. Und zwar auf einem Feld, wo die eigentlichen Verschärfungen des Gesinnungsstrafrechts noch in weiter Ferne lagen. Gemeint ist natürlich, was Schmitt und Sander das „unerläßliche Judenthema“ nennen. Zum Zeitpunkt dieses „Gesprächs in der Sicherheit des Schweigens“ (Dirk van Laak) war von der Justiz zwar noch wenig zu befürchten, aber Sander mußte sich von einem der „unentwegten Bewältiger“ an den Hochschulen warnen lassen: Man habe sich „nach 1945 in allen Lagern geeinigt“, „sie“ – die Judenfrage  –  „sei nicht mehr zu erörtern“. Denn: „So etwas könnte nur zu neuem Antisemitismus führen.“ Sander reagiert darauf gelassen, froh „endlich einmal zu erfahren“, daß „die Tabuisierung der Judenfrage in der BRD tatsächlich von Anfang an ein Offizium gewesen ist“.

Ohne die Lektüre der zweiten Auflage von Sanders „Marxistische Theorie und allgemeine Kunsttheorie“ (1976) und seiner vielfach skandalisierten „Auflösung aller Dinge“ (1988) dürfte sich die zwischen beiden Briefpartnern häufig angestoßene, von Sander zunächst auf den „ortlosen Marxismus“ zentrierte Thematik dem Leser aber nicht erhellen. Sanders „Aufdeckung“ der „Entortung im Judentum“, explizit anschließend an Schmitts Sondierungen in „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes“ (1938), ist für seine Kritiker der Versuch, unsere moderne Existenz in der „entzauberten Welt“ (Max Weber) auf die Durchsetzung spezifisch jüdischer Ideale menschlichen Daseins zurückzuführen.

Hartmut Langes starker Einwand sollte daher nicht vergessen werden, demzufolge der Prozeß der Entortung nicht exklusiv „dem Judentum“ zuzuschreiben, sondern ein Produkt der Selbsterkenntnis des „aufgeklärten“ Menschen sei, der sein „Hineingehaltensein in das Nichts“ als „Geworfenheit“ (Martin Heidegger) erfährt, die keine staatlich, völkisch oder religiös vermittelte „Geborgenheit“ je wieder aufheben könnte. Daß dieses „heiße Eisen“ indes alle „geistige Freiheit“ bereits in der alten BRD sofort „verdampfte“, wird schon aus den Abseitsfallen deutlich, in die Sander läuft, bevor dann im vermeintlich „herrschaftsfreien Diskurs“ kein Platz mehr für ihn war.    

Den größeren Teil dieser Korrespondenz bestreitet Sander. Schmitts Briefe fallen seit Mitte der siebziger Jahre kürzer und kürzer aus. Unangenehm für den damals auf Beratung und Kritik drängenden, den „Alten“ oft auch bedrängenden Sander, wenn CS „mauert“, sich auf seine angeschlagene Gesundheit berufend, Ermüdbarkeit vorschützend, oft auch, wenn er ihm zu sehr auf die Pelle rückt, mit der Warnung vor seinem vermeintlich nahen eigenen Ende die Notbremse ziehend. Diese Abwimmelei mag bei einem Mann im neunten Lebensjahrzehnt allen Respekt verdienen, aber weder für den ursprünglichen Adressaten noch für den Leser, der jetzt Einblick erhält, ist dies die wahre Freude.

Erik Lehnert, Günter Maschke (Hrsg.): Carl Schmitt – Hans-Dietrich Sander. Werkstatt-Discorsi. Briefwechsel 1967–1981. Edition Antaios, Schnellroda 2008, gebunden, 510 Seiten, Abbildungen, 44 Euro

Foto: Carl Schmitt und Hans-Dietrich Sander: Eine bis zur Erledigung reichende Ausgrenzung aus dem vermeintlich herrschaftsfreien Diskurs

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