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Dialektisch spekuliert

Metaphysik und Ökonomie liegen bei dem französischen Romancier und Essayisten Léon Bloy (1846–1917) eng beieinander. Man muß nur ganz flüchtig die Titel seiner Bücher überfliegen, um das sofort zu sehen: Da geht es um das „Blut der Armen“, den „Undankbaren Bettler“, die „Armut und die Gier“, den „Unverkäuflichen“. Geld ist in allen diesen Titeln enthalten, allerdings glänzt es durch seine Abwesenheit.

Es handelt sich hier um eine Finanzspekulation am alleruntersten Ende der Vermögensskala. Der Mittellose, der Paria, der Bettler – Bloys Helden haben keine millionenschweren Abfindungen erhalten, ja sie haben nicht einmal Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn. Sie sind obskure Randexistenzen im Dunkeln, die auf das Letzte und Wesentliche zurückgeworfen wurden. Diese Zurückgeworfenheit macht sie aber auch frei, sie erst macht unabhängig, wahrhaft unverkäuflich. Was aber unverkäuflich ist, setzt die Mechanik der Wirtschaft außer Kraft.

Bloy spekuliert dialektisch. „Spekulation“ leitet sich bekanntlich vom lateinischen Deponens speculari: spähen, umherspähen ab. Wer spekulativ wirtschaftet, der späht aus nach kurzfristig zu realisierenden Gewinnen. Wer spekulativ denkt, der späht über das Sichtbare und Erfahrbare hinaus, der durchdringt mit seinem spekulativen Blick die Schichten der Materie, die Scheinwelt des Geldes und des Goldes. Und genau dies tut Léon Bloy.

Bloys Philosophie des Geldes ist eine Metaphysik der Armut. Und die bietet sich aus gegebenem Anlaß als treuer Begleiter durch die Zeit der Wirtschaftskrise an. Trost und Hoffnung darf man sich allerdings nicht erwarten von Bloys „Auslegung der Gemeinplätze“, die nun in erweiterter Neuauflage im Wiener Karolinger Verlag vorliegt. Die „Exégèse des lieux communs“ erschien erstmals 1902 und hat bereits mehrere Rezeptionsschleifen im deutschen Sprachraum gedreht.

Daß das Buch gerade jetzt wieder in die Regale der Buchhandlungen kommt, hat seinen Grund. Denn Bloy bohrt mit unnachgiebiger Härte die Worthülsen auf, mit denen sich Jedermann – und nicht nur der Bürger – über das Schrumpfen der einst prall gefüllten Bankdepots hinwegtröstet. Die Exegese Numero 108  („Ein bißchen was auf die hohe Kante legen“) ist wohl aus diesem Grund schon Walter Benjamin aufgefallen, der vier Auslegungen bereits 1932 in Rowohlts Literarischer Welt übersetzte und veröffentlichte (diese Texte sind im Anhang der neuen Karolinger-Ausgabe enthalten). „Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren“, sagt man. Und Bloy analysiert: „So kann es dem Eigentümer gehen, der Auslagen gehabt hat und nun nichts findet, was er beschlagnahmen kann.“ Höhere Gerechtigkeit, kann man da nur sagen.

Bloy, so stellen wir fest, hat immer in Zeiten der Krise Hochkonjunktur. Dort, wo die scheinbaren Sicherheiten der materiellen und der bürgerlichen Welt erodieren, deren sprachliche Maske jene Gemeinplätze sind, die Bloy so trefflich zersägt, zerstückelt und zermalmt, greift man gerne zu stärkerem Tobak. Sicherheit findet man bei einem Autor wie Bloy zwar auch nicht, immerhin aber die Gewißheit, daß es jenseits der Komfortzone überhaupt noch weitergeht, daß das Gelände des Menschseins sich auch jenseits der Bezifferung und Bilanzierung erstreckt, daß dort draußen noch jemand denkt und dichtet.

Die Wellen dieser Bloy-Rezeption, die die Wellen der Konjunktur sind, hat Caroline Mary in ihrer Dissertation untersucht, die nun als handwerklich sehr schön gemachtes Buch im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen ist. Caroline Mary ist mit großer Sorgfalt den Spuren der Bloy-Rezeption in Deutschland nachgegangen. Daß Heinrich Böll, Ernst Jünger und Gertrud Fussenegger immer wieder auf Bloy zurückkamen, ist zur Genüge bekannt. Der zaghafte „Renouveau Catholique“ im Deutschland der Nachkriegszeit lenkte den Blick zurück auf Bloy. Mary bietet hier tatsächlich viel neues Quellenmaterial, mit dem sie zeigen kann, wie tief die Wurzeln Bloy’schen Denkens in das Werk dieser Autoren hinabreichen.

Daneben analysiert Mary aber auch den Casus des Hugo Ball, der zwischen dadaistischem Blödsinn, Bakunin’scher Anarchie und christlicher Mystik Bloy für sich entdeckte und dabei dem Phänomen des Sprengsatzes „Bloy“ womöglich gerechter werden konnte als die existentialistische Motivation der Autoren der 1950er Jahre. Jede Krise produziert eben ihren Léon Bloy. Dies nimmt man aus der Lektüre dieses Buches mit, dessen Lesbarkeit, das sei am Rande angemerkt, zwei Dinge gutgetan hätten: eine deutsche Übersetzung der langen französischen Originalzitate und eine Verkürzung des Fußnotenapparats.

Léon Bloy: Auslegung der Gemeinplätze. Herausgegeben, übersetzt und annotiert von Hans-Horst Henschen, Karolinger Verlag, Wien/Leipzig 2009, gebunden, 411 Seiten, 26 Euro

Caroline Mary: Zwillingskristall aus Diamant und Kot. Léon Bloy in Deutschland. Matthes & Seitz, Berlin 2009, gebunden, 430 Seiten, 39,90 Euro

Foto: Francisco de Goya y Lucientes, Armut (Pinsel in Sepialavis, entstanden 1812–1823 als Teil des Sepia-Albums): Leon Bloys Helden sind obskure Randexistenzen, die auf das Letzte und Wesentliche zurückgeworfen wurden. Bloys Leben war größtenteils ebenfalls von materiellen Nöten, Armut und Hunger geprägt. Er verdingte sich mehr schlecht als recht als Büroangestellter, Sekretär von Barbey d‘Aurevilly, technischer Zeichner, Buchhalter, Journalist und Autor. Im Alter von 71 Jahren starb Bloy am 3. November 1917 in äußerstem Elend.

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