Das verbriefte Nichts

Walle, walle manche Strecke, daß zum Zwecke Euro fließe und mit reichem vollem Schwalle in die Kasse sich ergieße.“ So dachten Politiker im Bund wie in den Ländern. Sie mutierten ohne Auftrag und Fachkenntnisse zu Zauberlehrlingen des Bankgeschäfts, wurden „Spielbanker“: „Und mit Geistesstärke tu ich Wunder auch.“

Als Herren von ihnen abhängiger Banken (KfW, IKB, Landesbanken) betrieben sie ein „Kreditersatzgeschäft“ und stiegen in den US-Verbriefungsmarkt ein. Aber die für Hunderte Milliarden Euro gekauften „Wertpapiere“ verbrieften keine realen Werte, sondern das Nichts: Hypotheken auf wertlose Immobilien. Jetzt rufen die gleichen Politiker um Hilfe: „Herr, die Not ist groß, die Geister, die ich rief, die werd ich jetzt nicht los.“

Ein erbärmliches Schauspiel von Leuten, die nun auch noch zur Beseitigung der von ihnen selbst angerichteten Schäden in die Steuerkasse greifen. Gleichzeitig verschulden sie den Staat in unvorstellbaren Größenordnungen: Die Verbriefung des Nichts wird durch eine neue Verbriefung gleicher Art „bekämpft“. Auch hier ist keine Deckung da, die Hoffnung auf Zahlungsbereitschaft einer jungen Generation Illusion.

Dabei hatte ihnen Johann Wolfgang von Goethe schon längst den Spiegel vorgehalten. Sie begriffen aber nichts, sondern folgten Mephisto, dem Teufel: Das Land ist pleite. Faust und Mephisto erscheinen als „Finanzberater“ und raten dem Kanzler zum Druck von Papiergeld. „Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt: Der Zettel hier ist 1.000 Kronen wert. Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, Unzahl vergrabenen Guts im Kaiserland. Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz, sogleich gehoben diene zum Ersatz.“

Wie sich die Bilder gleichen: „Verbriefung“ heißt auch hier die Parole. Die im Boden des Reiches vergrabenen Schätze sind genausowenig zu bewerten wie amerikanische Subprime-Hypotheken, beide sind Nichts. Das gleiche gilt auch für die Milliarden Dollar oder Euro, welche die Staaten jetzt durch Gelddruck oder Neuverschuldung generieren.

Der Kaiser erfährt davon und hat Bedenken: „Ich ahne Frevel ungeheuren Trug! Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?“

Daraufhin der Finanzminister: „Erinnre dich! Hast selbst es unterschrieben; der Kanzler sprach mit uns zu dir heran: Gewähre dir das hohe Festvergnügen, des Volkes Heil, mit wenig Federzügen. Du zogst sie rein, dann ward’s in dieser Nacht durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht. Damit die Wohltat allen gleich gedeihe, so stempelten wir gleich die ganze Reihe: Zehn, Dreißig, Fünfzig, Hundert sind parat. Ihr denkt euch nicht, wie wohl’s dem Volke tat.“

Der Kaiser ist mißtrauisch: „Und meinen Leuten gilt’s für gutes Gold? Dem Heer, dem Hofe gnügt’s zu vollem Sold? So sehr mich’s wundert, muß ich’s gelten lassen“.

Der Marschalk beruhigt ihn: „Bei ‘Hoch dem Kaiser!’ sprudelt’s in den Kellern. Dort kocht’s und brät’s und klappert mit den Tellern.“

Faust legt nach: „Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt, in deinen Landen tief im Boden harrt, liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke; doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen, zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.“

Auch diesmal war es so: Banken und Politiker stellten das Denken ein und faßten „zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen“. Mephisto drängt: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt, ist so bequem, man weiß doch, was man hat.“

Der Kaiser ist beruhigt und belohnt die Berater: „Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich; wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich. Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden.“ Sie erhalten einflußreiche Stellen, der Finanzminister stimmt zu: „Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen, ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.“ Einen solchen braucht auch Peer Steinbrück.

Beförderung für „Berater“ gibt es auch heute. Finanzminister Steinbrück hat seinen Ministerialdirektor Jörg Asmussen, der die Verbriefungspolitik der Bundesregierung bei der IKB durchgesetzt und das Unternehmen mit ruiniert hat, zum Staatssekretär befördert.

Nur der Narr ist skeptisch: „Die Zauberblätter! Ich versteh’s nicht recht.“ Der Kaiser empfiehlt ihm aber, die Blätter anzunehmen. Da ist der Narr begeistert, will sich Acker, Haus und Vieh kaufen, „heut abend wieg ich mich im Grundbesitz!“

Das letzte Wort aber hat Mephisto, der Teufel, der alles eingefädelt hat: „Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz?“

Das alles nachzulesen bei Faust II, erster Akt „Lustgarten“. Goethe, der selbst Minister war, kannte das, was er hier beschrieb. Ähnliche Vorgänge hatte es während der Französischen Revolution gegeben, als sogenannte „Assignaten“ gedruckt wurden und ein Chaos hervorriefen.

Mußten die Täter von heute nicht wissen, daß Geld als Wertmesser realer Waren und Dienstleistungen nicht selbst „Ware“ sein kann? Daß es – gleich, ob aus der Notenpresse oder aus Kreditschöpfung stammend – eine solide Deckung braucht? Daß man den Kapitalmarkt nicht mit Geldmarktmitteln vergrößern kann, daß die kapitalistische Wirtschaft wie ein Fußballspiel feste Regeln braucht, daß Bankbilanzen stimmen müssen?

Auch hierauf gibt der den Leichtsinn, die Gier und die Dummheit der Menschen ausnutzende Mephisto die Antwort: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte!“

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