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Aus antifaschistischer Perspektive

Europäischer Bürgerkrieg“ oder „Weltbürgerkrieg“ sind Begriffe, die einen paradoxen Sachverhalt kennzeichnen: Im 20. Jahrhundert konnten die Vielheit Europa und die Vielheit Welt als – potentielle – Einheiten aufgefaßt werden, so daß die Konflikte zwischen den Staaten Europas oder den Staaten der Welt gleichzeitig als interne Konflikte, also Bürgerkriege erschienen. Selbstverständlich ist dieser Gedanke nicht konsequent durchzuhalten, aber er gewinnt doch an Plausibilität, wenn man sich vor Augen hält, wie groß die Angst vor wirklichen oder vermeintlichen „Fünften Kolonnen“ war, welche Loyalitätskonflikte der Widerspruch zwischen Nationalität und politischer Orientierung an einer dem eigenen Vaterland feindlichen Macht – kommunistischer, kapitalistischer, faschistischer Provenienz – mit sich brachte. Das Buch des italienischen Historikers Enzo Traverso will in dieser unübersichtlichen Lage Orientierung bieten und den Europäischen Bürgerkrieg als Epochenphänomen behandeln, das die Jahrzehnte zwischen dem Beginn des Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs prägte. In seiner Einleitung beschwört Traverso die dunklen „Ikonen der Vergangenheit“, mit denen dieses Zeitalter bis heute verknüpft wird: „Man sieht endlose Schützengräben, die Rampe vor dem Lager von Auschwitz-Birkenau im Schnee des polnischen Winters oder den Atompilz von Hiroshima.“ Daß in dieser Bilderreihe keine Zeichnung eines Gulag-Häftlings und kein Foto des Holodomor in der Ukraine, keine Aufnahme von den Opfern des roten Terrors in Spanien und keine von den Leichen auftaucht, die man in Katyn gefunden hat, könnte Zufall sein – aber tatsächlich muß man hinter dieser Auslassung Absicht vermuten. Denn der Verfasser will die Geschichte des „Zeitalters der Extreme“ aus „antifaschistischer“ Perspektive schreiben, das heißt aus Sicht derjenigen, die den Kampf gegen Hitler und seine Verbündeten als moralisch unbedingt geboten und die Koalition mit dem Kommunismus als akzeptabel betrachteten, da es gegen die „Feinde der Aufklärung“ ging. Durch diese Festlegung gerät die Argumentation Traversos von vornherein in eine Schieflage, und man kann nie erkennen, ob Verzeichnungen („In Deutschland entledigten sich zwischen 1930 und 1933 die Eliten ihrer liberalistischen Fassade, zerschlugen die Weimarer Demokratie und bahnten Hitler den Weg“) und Lücken (was die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs angeht) eher auf Ahnungslosigkeit oder auf eine auch sonst deutlich spürbare Manipulationsabsicht zurückgehen. Manche Einschätzung zeugt von einer Geisteshaltung, die man nur als philo- oder kryptokommunistisch bezeichnen kann. So wird die Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes ignoriert oder über den „Selbstverteidigungskrieg“ der UdSSR schwadroniert. An anderer Stelle ist davon die Rede, daß es „unstatthaft“ sei, „eine Gleichgewichtigkeit zwischen der Gewalt des nationalsozialistischen Angriffskriegs und der des sowjetischen Befreiungskampfes herzustellen“. Es soll dem Buch von Traverso nicht bestritten werden, daß es an der einen oder anderen Stelle erhellend wirkt, etwa wenn der Autor die „posttotalitäre Empfindsamkeit“ geißelt, die die Bedeutung der Gewalt in der Geschichte nicht mehr wahrhaben will und glaubt, die Demokratie beruhe auf absoluten Normen, die niemand in Frage stellen könne. Aber die Generaltendenz macht die Darstellung Traversos unbrauchbar. Das hat zuletzt auch damit zu tun, daß seine Argumentation sich immer – ausgesprochen oder unausgesprochen – gegen diejenigen richtet, die über den Europäischen Bürgerkrieg nicht aus „antifaschistischer“ Perspektive geschrieben haben. Genannt werden ausdrücklich François Furet und Ernst Nolte. Nolte wird sogar mit der absurden Anklage überzogen, durch seine dezidiert antikommunistische Position faktisch der Rehabilitierung des Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus Vorschub zu leisten. Diese Behauptung kam zwar im Rahmen des „Historikerstreits“ vor, kann aber heute von niemandem mehr ernsthaft vertreten werden, der Noltes Interpretation genauer zur Kenntnis nimmt. Deren Vorzug liegt nicht nur in einer klaren Sicht auf beide Totalitarismen, sondern auch darin, den Europäischen Bürgerkrieg als ein Geschehen zu betrachten, das man nicht isolieren darf, sondern als Teil einer Weltbürgerkriegssituation betrachten muß, die sich seit der Französischen Revolution anbahnte und 1917 in eine Situation führte, die erst 1989 mit dem Kollaps der Sowjet-union ihr Ende fand. Der „Faschismus“ erscheint dann als eher regionale Größe, der „Antifaschismus“ als Phantom, und der entscheidende Kampf fand nicht zwischen „Aufklärung“ und „Gegenaufklärung“ statt, sondern zwischen zwei verfeindeten Richtungen der Aufklärung: der liberalen und der totalitären Demokratie. Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945. Siedler Verlag, München 2008, gebunden, 4?? Seiten, Abbildungen, 24,95 Euro Propagandaplakat von Viktor Deni, 1930er-Jahre: „Der proletarische Gegenangriff wird das faschistische Untier besiegen“

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