Zum Weinen schön

Der tatarische Prinz ist gewarnt: „Hier wird man dich schlagen (…) Grün und blau! (…) Dich martern! (…) Dich foltern! (…) Hier geht es dir an den Kragen! … Doch bist du lebensmüde (…)So gehe in dein Heimatland und hänge dich dort auf! (…) Hier ist auf allen Friedhöfen kaum ein Platz mehr! (…) Hier braucht’s keine fremden Narren mehr! (…) An den eigenen haben wir genug!“ singen drei bunt maskierte Minister aus China. Doch von soviel Galgenhumor bekam das Würzburger Premierenpublikum nichts mit, weil es mit der Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche nicht klappte. Genauer gesagt: Es klappte mit den Übertiteln nicht. Zuerst wurden viel zu wenige Sätze an die Oberkante der Theaterbühne geworfen — und plötzlich beschleunigte der deutsche Operntext pfeilschnell zum nächsten Akt. Dafür war das Bühnenbild um so verständlicher: aufgespießte Männerköpfe vor einem romantisch-rötlich leuchtenden Mond; wild mit Messern fuchtelnde Männer im blauen Mao-Arbeitsanzügen, die die Hinrichtung eines persischen Prinzen fordern; deckenhohe Säulen im chinesischen Stil rechts und links der Bühne; später ein Kaiserthron, der in klassischer Statur alles überblickt. Große Oper in einem kleinen Theater — mit über hundert Sängern eine logistische Glanzleistung. Zurück zu unserem tatarischen Prinzen, der die blutrünstige und bildungsversessene chinesische Prinzessin Turandot begehrt. Nur wenn er drei Rätsel löst, darf er sie heiraten, ansonsten rollt der Kopf. Zum Wunder aller weiß er die Antworten. Doch die Prinzessin will nichts mehr von ihrem Versprechen wissen. „Keiner je wird mein Gemahl“, singt sie in höchsten Tönen, kalt und fast zu monoton (Anja Eichhorn). Aus Liebe stellt der Prinz (Richard Brunner) ebenfalls ein Rätsel: Sollte die Prinzessin seinen Namen herausfinden, wird er sich selbst umbringen. Jetzt heißt es: „Diese Nacht wird niemand schlafen in Peking“, um den Namen des unbekannten Prinzen zu finden. Freilich, der Vergleich mit Pavarotti ist gemein, der mit der Arie „Nessun dorma! Nessun dorma!“ (Keiner schlafe!) brillierte. Trotzdem: Die wenigsten Sänger beeindrucken sowohl in deutschen und wie auch in italienischen Opern. Wer wie Richard Brunner als Wag­nersänger überzeugt, ist nicht automatisch ein Meister im italienischen Fach. Stimmbänder springen nicht beliebig von einer Gesangstechnik zur anderen. Warum hat sich Pavarotti wohl ein Leben lang auf italienische Opern konzentriert? Auch die Liebe des Prinzen zur eisigen Prinzessin ist wenig überzeugend. Da springt kein Funke über, da fehlt die Leidenschaft, da fehlen die Anzeichen der Geisteskrankheit „Verliebtsein“, obwohl der Prinz für so eine Frau sein Leben opfern wollte. Es hätte ein Nachspiel zu den Salzburger Festspielen sein können, die unter dem Motto „Denn stark wie die Liebe ist der Tod, unerbittlich wie das Totenreich das Begehren“ ähnliche Wahnzustände zelebrierten. Gleichwohl ist zu vermelden: Salzburger Höhen erklimmt Esther Kretzinger in der Rolle der Sklavin, die den Namen des Prinzen verschweigt, obwohl man sie foltert. Kretzingers lyrischer Sopran wäre zum Weinen schön, wenn die Geschichte nicht so traurig enden würde. Ihr dramatisches Talent und ihre warme Stimme rühren zu Tränen. Beachtlich ist auch die Regie von Kurt Josef Schildknecht. Er überzeugt mit einem werknahen Kontrastprogramm zu Katharina Wagner, der neuen Herrin auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Vor Jahren wütete sie mit einem vulgären und grobschlächtigen „Fliegenden Holländer“ auf die Würzburger Bühne. Erfolgreicher ist dagegen die Wühlarbeit von Intendant Hermann Schneider. Er spürte Opernraritäten auf und brachte sie in der letzten Zeit auf die Bühne: Richard Wagners „Die Feen“, Hans Pfitzners „Das Herz“ und Hans Marschners „Der Vampir“. Die Provinzstadt Würzburg braucht den Vergleich mit selbsternannten Metropolregionen wie Nürnberg also nicht zu scheuen. Zurück zur Oper „Turandot“. Zum Schluß kniet der Kaiser vor der toten Sklavin, weil sie die Zukunft Chinas gerettet hat. Es ist endlich vorbei mit der Männermorderei. Und die drei Minister Ping, Pong und Pang müssen nicht mehr singen: „Wir sind weiter nichts als echte, etwas bess’re Henkersknechte! Minister des Henkers! (…) Im Jahr der Maus war’n es sechs! Im Jahr des Hundes waren’s acht! In diesem Jahr, dem grausigen Jahre des Tigers, sind es schon ihrer dreizehn (…) Ein Rekordjahr! Pfui Ekel.“ Die nächste Aufführungen im Mainfranken-Theater Würzburg, Theaterstr. 21, finden statt am 19., 25., 29. Oktober sowie am 9., 22. und 25. November 2008, wochentags jeweils um 19.30 Uhr. Kartentelefon: 09 31 / 39 08-124, Internet: www.theaterwuerzburg.de/ Fotos: Turandot: Wild mit Messern fuchtelnde Maoisten fordern die Hinrichtung eines persischen Prinzen, Prinzessin Turandot, chinesischer Kaiser

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