Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Wanderschaft von Heimweh zu Heimweh

Die Heimkehr meiner Landschaft ins Deutsche Reich krönte mir Kampf und Sehnsucht überreich. Ich bin ein glücklicher Mensch.“ Als der aus dem alten böhmischen Marktflecken Unterhaid (heute: Dolni Dvořiste) stammende Schriftsteller Hans Watzlik diese Sätze 1941 anläßlich der Verleihung des Adalbert-Stifter-Preises schrieb, ahnte er wohl kaum, daß sein Glück nur fünf Jahre später vollständig vernichtet sein würde und er wegen „antitschechischer Hetze“ im Gefängnis sitzen sollte. Zermürbt an Leib und Seele, überlebte er die Haft nur um zwei Jahre. Heute ist er fast vergessen. In Antiquariaten finden sich nur wenige seiner Werke, er gilt manchem Buchhändler als zweitklassiger Heimatdichter, als „angebräunt“, als einer, der uns heute nichts mehr zu sagen hat. Der allerdings zu Lebzeiten als „bedeutendster Dichter des Böhmerwalds nach Adalbert Stifter“ bejubelte Autor hinterließ ein umfangreiches, 70 Bände umfassendes Werk, das zu gut drei Vierteln Romane und Erzählungen beinhaltet und von einigen wenigen Lyrikbänden ergänzt wird. Zusammen mit Peter Rosegger war er das Zugpferd des Leipziger Staackmann-Verlags. Der Brockhaus von 1974 charakterisiert Watzliks Kunst: „Seine ernsten und humorvollen Romane, Sagen, Märchen und Erzählungen voll grotesk-hintergründiger Phantasie und barocker Sprachkraft schöpfen vor allem aus Volkstum, Landschaft und Geschichte des Böhmerwaldes.“ In der Tat werden Mythen und Kultur des Böhmerwalds bei keinem anderen Dichter so lebendig wie bei ihm. Watzliks Dichtung läßt sich einfach auf den Nenner des Mythos vom böhmischen Urwald in barocker Gestalt bringen. „Alles wirkt wie urzeitliches Geschehnis, sagenhaft, fremd und großartig. Traum und Wirklichkeit klingen zusammen. Der Dichter schaut ins Unwirkliche, horcht ins Lautlose. Seine Gestalten sind Dämmervolk, Zwielichtwesen auf ewiger Wanderschaft von Heimweh zu Heimweh“, wie Watzlik der Wiener Germanist Adalbert Schmidt 1938 attestierte. So sind in Watzliks Schaffen 700 Jahre Geschichte, Brauchtum und Menschtum des Böhmerwaldes wie in einem Brennpunkt komprimiert. Der apollinische Stifter und der dionysische Watzlik Watzlik erlangte seine große Fähigkeit der Figurengestaltung seines Werks aus seiner ausgiebigen Beschäftigung mit der Volkskunde Deutsch-Böhmens. Zutiefst seiner Heimat verbunden, aus einem alten Bauerngeschlecht kommend, vermochte er die böhmische Landschaft in seinen Werken zur Hauptperson zu machen, ähnlich wie in Webers Freischütz der „deutsche Wald die Hauptperson“ ist, wie Hans Pfitzner 1914 feststellte. Kein Wunder, daß Watzlik sich Weber als Verwandtem im Geiste hingezogen fühlte und ihm 1932 in der „Romantischen Reise des Herrn Carl Maria von Weber“ eine Huldigung hoher poetischer Schönheit zukommen ließ. Dieses Werk ist mit seinem köstlichen Humor auch heute noch dazu angetan, Watzlik neue Freunde zu gewinnen. Für Adalbert Stifter, zweifellos der bedeutendste unter den aus dem Böhmerwald kommenden Dichtern, ist die böhmische Landschaft dagegen eine Kulisse, vor der Überzeitliches, Allgemeingültiges in antik-biblischer Größe gestaltet ist — wobei bei näherem Hinsehen nur wenige der Stifterschen Erzählhandlungen tatsächlich im Böhmerwald angesiedelt sind. Einem apollinischen Stifter tritt so der dionysische Watzlik gegenüber, der besonders, auch hierin Stifters Antipode, dem Dämonischen und der Geisterwelt seiner Waldheimat ausreichend Platz einräumt. Bereits das Erstlingswerk „Im Ring des Osers“ (1913), eine dichterisch überhöhte Sammlung von Sagen aus dem Ossergebiet, begeisterte die Kritik. „O Böhmen“ (1917) ist die erste literarische Auseinandersetzung zwischen Tschechen- und Deutschtum in einer mittelalterlichen Szenerie. Das Buch enthält eine erschütternde Vision der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen. „Die Abenteuer des Florian Regenbogner“ liest sich wie ein in den Böhmerwald versetzter Eichendorffscher „Taugenichts“. Die Sammlung von Spuknovellen „Dämmervolk“ (1928) ist vielleicht die großartigste Verkörperung deutscher Phantastik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Zu Watzliks erfolgreichsten Romanen zählt „Die Leturnerhütte“ von 1933, wo es um die Herstellung einer geheimnisvollen Glassorte geht, zu der man Menschenblut benötigt. Im „Pfarrer von Dornloh“ gelingt Watzlik ein mitreißendes Zeitbild eines Bauerndorfes während des Dreißigjährigen Krieges. Gerade dieses Werk kann auch heute durch seinen unverblümten Naturalismus und seine mitreißende Handlung Leser begeistern. 1931 wurde Watzlik, tschechoslowakischer Staatsangehöriger mit deutscher Nationalität, für dieses Buch mit dem tschechoslowakischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Zu Watzliks schönsten Gaben rechnet man den Mozart-Roman „Die Krönungsoper“ (1935), der dessen Reise nach Prag zur Aufführung der Festoper „Titus“ anläßlich der Krönung Leopolds II. zum böhmischen König zum Thema hat. Watzlik, der im Grunde seines Wesens unpolitisch war, nur um das besondere Nebeneinander von Deutschen und Tschechen im Sudetenland wußte, wirkte bis weit in die dreißiger Jahre eher ausgleichend als „antitschechisch“ und erhielt nicht von ungefähr 1931 den Tschechoslowakischen Staatspreis für deutsche Literatur. Einige von Watzliks Büchern wurden sogar ins Tschechische übersetzt. Doch ließ ihn sein „Deutschtum im besten Sinne“ schon vor 1938 aktiv am sudetendeutschen Volkskampf teilhaben, was ihm dann letztlich zum Verhängnis werden sollte. Ein Essay mündet in eine Hymne auf Hitler Für einen Bildband „Grüner deutscher Böhmerwald“, der 1940 erschien und zu den meistverkauften Büchern dieses Jahres zählte, verfaßte er einen langen einleitenden Essay über Landschaft und Menschen, der unmotiviert leider in eine Hymne auf Hitler mündet: „daß das Gebirge unter der drückenden und lärmenden Herrschaft der Tschechen gestanden (hat), und man sich gescheut hat, es zu betreten. Dies aber ist jetzt vorüber. Unsere Landschaft ruht jetzt gesichert im wehrhaften Frieden des Großdeutschen Reiches. Die Staatsweisheit und die gläubige Kraft unseres Führers hat hier im wahrsten Sinne des Wortes die Berge verrückt. Ein Alp ist von der Brust des Waldvolkes gestoßen worden und es atmet frei und glücklich.“ Eine weitere Ode auf Hitler enthält Watzliks bedeutendster Gedichtband „.. ackert tiefer ins umstrittene Land“ von 1939 (Neuauflage 1944), dazu das durchaus zwiespältige Gedicht „Sprachgrenze“, alles ebenfalls nicht unbedingt dazu angetan, tschechischen Beifall zu finden. Und das Kinderbuch „Roswitha oder Die Flucht aus Böhmen“ (heute eine große Seltenheit im Antiquariatsbuchhandel) aus demselben Jahr, stilistisch durch seine eindeutig propagandistische Tendenz aus dem Gesamtschaffen herausfallend, erzählt von einem Mädchen, das in den Jahren vor 1938 aufgrund der Unterdrückung durch die Tschechen seine Heimat verläßt: „Schwermutvolles Lied der Tschechenmägde/ wandelt herbstlich über Rain und Strauch,/ mahnt an Weiten östlich öder Steppe,/ zieht wie Ackerfeuers träger Rauch. Aber vogelfrisch, bergwiesennieder,/ waldverhallend, läutet ein Juchhei,/ hebt sich wie mit freierem Gefieder/ trotzigherb der deutsche Hirtenschrei. Fremd begegnen hier sich die Gesänge./ Volk von Volk steht finster abgewandt,/ fühlt in seinem Fleisch des andern Fänge,/ fühlt ergrimmt der Erde bittre Enge,/ ackert tiefer ins umstrittene Land.“ Aus dem Sudetenland verbannt, starb er heimatlos Am 6. Juni 1945 wurde Watzlik in seinem Neuerner Haus verhaftet. Zur Beweisführung im Prozeß gegen ihn wurde insbesondere der Essay aus dem „Grünen Böhmerwald“ herangezogen. Das Verfahren zog sich hin, der nunmehr 66jährige blieb über ein Jahr in Untersuchungshaft, und erst am 14. Juni 1946 erfolgte ein Urteilsspruch. Ihm wurde zusätzlich Landesverrat vorgeworfen, da er ja als Lehrer bis 1938 seine Pensionsbezüge von der CSR erhielt. Zusätzliche Hausdurchsuchungen sollten weiteres belastendes Material liefern, doch ohne Erfolg. Immerhin traten verschiedene tschechische Bürger aus Neuern und Umgebung für ihn ein und bezeugten unter anderem, daß er sich als „ein gefühlsamer Mensch verhielt und die Gewalt der perversen Nationalsozialisten und Narren verurteilte“. Sein Übersetzer aus den dreißiger Jahren attestierte dem Dichter, in den unruhigen Tagen des September 1938 als allgemein „angesehene sudetendeutsche Autorität“ mäßigend auf Deutsche und Tschechen eingewirkt zu haben. Letztendlich kam es zu keinem weiteren Gefängnisaufenthalt, und im Juli 1946 wurden Watzlik und seine Frau Lina mit je 30 Kilo Gepäck aus dem Sudetenland ausgewiesen. Im Regensburger Ortsteil Tremmelhausen fand der Verbannte Zuflucht. Dort starb er heimatlos am 24. November 1948, drei Tage später wurde er auf dem Oberen Katholischen Friedhof in Regensburg beigesetzt. Zwei Romane aus dem Nachlaß blieben unveröffentlicht. Bei den wenigen noch lebenden alten Deutsch-Böhmen genießt Watzlik große Verehrung. Überall in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald finden sich Watzlik-Straßen, Watzlik-Wanderwege und Watzlik-Warten. Seine Verfemung als „Nazi-Dichter“ beraubt uns jedoch eines wortmächtigen Sprachmagiers und hinreißenden Fabulierers des 20. Jahrhunderts. Foto: Hans Watzlik (1879—1948): „Deutschtum im besten Sinne“

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