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Von Geheimnis keine Spur

Was verursacht die beinahe unfaßbare Anziehungskraft des Dalai Lama auf Tibeter und Nicht-Tibeter in der ganzen Welt? Was macht diesen inzwischen 72jährigen bei Umfragen zu einem der „sympathischsten Menschen der Welt“? Was ist sein Geheimnis? 21 Mal haben wir uns seit 1982 getroffen. Nie habe ich einen offeneren, freundlicheren, dabei so neugierig kindlich gebliebenen Gesprächspartner kennengelernt wie „Seine Heiligkeit“. Bei aller Freundlichkeit schreckt der Dalai Lama vor radikalen Thesen nicht zurück. „Ohne Menschen ginge es der Erde besser“, sagte er in meiner letzten Fernsehsendung und fügte lächelnd – er lächelt fast immer – hinzu: „Aber ich bin Optimist. Wir Menschen können uns ändern.“ Hans Küngs These: „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ erweitert er: „Kein Weltfrieden ohne Frieden mit der Natur. Wir führen heute einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur.“ „Mitgefühl mit allen Lebewesen“, sagt der Dalai Lama, sei der Kern des Buddhismus. Er ist wohl deshalb auch im Westen so populär, weil er seit seiner Flucht aus Tibet (1959) konsequent Gewaltlosigkeit lehrt und lebt. Seit Jahrzehnten wird sein Volk von Chinas Besatzungsmacht unterdrückt – aber der gute Mensch aus Lhasa bleibt konsequent bei seinem buddhistischen Pazifismus. Tibet ist das religiöseste Volk der Welt. Aber kein zweites Volk leidet so sehr unter Gewalt – seit bald sechs Jahrzehnten. Doch trotz aller Anspannung hat er auch in diesen Tagen der Eskalation der Gewalt sein Lachen nicht verloren. Darüber staunen und lachen auch chinesische Journalisten auf seinen Pressekonferenzen. Was macht den Reiz des Buddhismus im Westen aus? Warum ist der Dalai Lama weltweit ein Superstar? „Wissenschaft ist wichtig – aber Weisheit ist wichtiger“, sagte er einmal vor zweitausend Studenten in Tübingen, die ihm zujubelten. Ethische Reife, geistige Ruhe, intuitives Wissen – diese buddhistischen Werte sind heute im westlichen Rationalismus weitgehend verschüttet. „Aber Mitgefühl und Ethik sind für die Menschenwerdung unverzichtbar. Nur durch Mitgefühl können wir uns vom Leiden befreien“, sagt der oberste Buddhist. Der Dalai Lama ist der toleranteste aller heute lebenden Religionsführer. In der Schweiz, wo viele tibetische Flüchtlinge leben, fragte ich ihn, ob es ihn störe, daß einige junge Tibeter zum christlichen Glauben übergetreten sind. Seine Antwort ist typisch für seine Toleranz: „Warum soll mich das stören? Wichtig ist doch nicht, welcher Religion ein Mensch angehört. Wichtig ist, daß er glücklich ist. Wenn junge Tibeter in der christlichen Schweiz zum Christentum übertreten und glücklich dabei sind, dann freue ich mich mit ihnen.“ Würde ein römischer Papst je so antworten? Der XIV. Dalai Lama lacht schon wieder. So ist er: spitzbübisch weise, bäuerlich erdverbunden, ansteckend glücklich. Von Geheimnis keine Spur. Er blieb der Bauernjunge aus der osttibetischen Provinz Amdo, wo er mit zwei Jahren als Wiedergeburt des XIII. Dalai Lama entdeckt wurde. Kritiker sagen, er sei naiv. Und was sagt er seinen Kritikern? „Die haben recht.“ Was aber sagt er über seine chinesischen Feinde? „Feinde soll man lieben, wie es Jesus in der Bergpredigt vorgeschlagen hat. Das ist ein kluger Vorschlag. Denn von seinen Feinden kann man am meisten lernen. Ich will auch den Chinesen helfen, eine harmonische Gesellschaft im Sinne von Konfuzius aufzubauen.“ Auf meine Frage, was ihn trotz aller Leiden seines Volkes optimistisch stimme, sagt der lebensfrohe Asket: „Eines Tages wird Tibet frei sein. Wir wollen der ganzen Welt einen neuen, friedlichen Weg zur Freiheit zeigen.“ Er hofft auf Veränderungen in Chinas junger Generation. „Der Schlüssel zur Lösung der Tibet-Frage liegt bei Chinas Jugend.“ Auch in Hamburg betonte er im Juli vorigen Jahres immer wieder, daß westliche Christen im christlichen Abendland verwurzelt seien und es auch bleiben sollten. Der Mann will niemanden bekehren. Er will aber anregen, über mehr Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit nachzudenken: „Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Gewalt. Es liegt doch an uns allen, aus dem 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens und der Gerechtigkeit zu machen.“ Der Weg dahin scheint gar nicht so schwer aus buddhistischer Sicht. Der Dalai Lama skizziert ihn so: „Erst wenn wir Frieden in uns haben, können wir einen Beitrag zum Weltfrieden leisten. Das kann jede und jeder.“ Was aber, wenn in Zukunft die Jugend Tibets ihre Heimat mit Gewalt befreien will, weil nach ihrer Ansicht sechzig Jahre Gewaltfreiheit nichts außer Leid und Unterdrückung gebracht haben? „Dann“, sagt der Dalai Lama mit großer Bestimmtheit, „dann werde ich von allen meinen politischen Ämtern zurücktreten. Dann lebe ich wieder als einfacher buddhistischer Mönch, was ich ja eh schon immer tue. Aber ich werde mich dann aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Ich verstehe die ungeduldige junge Generation. Aber als Mönch bin ich davon überzeugt, daß Gewalt niemals zu wirklichen Lösungen führt. Der Irak beweist es doch jeden Tag. Vorbildlich für eine erfolgreiche gewaltfreie Politik war die friedliche Revolution in Europa 1989. Warum soll in China nicht auch möglich sein, was in Deutschland 1989 so erfolgreich funktionierte?“ Dr. Franz Alt , Jahrgang 1938, ist seit vielen Jahren mit dem Dalai Lama befreundet. Von 1972 bis 1992 war Franz Alt Leiter und Moderator des politischen Fernsehmagazins „Report“, von 1997 bis 2003 präsentierte er das 3sat-Magazin „Grenzenlos“. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter zusammen mit dem Fotografen Helfried Weyer den Band „Tibet – Weites Land zwischen Himmel und Erde“ (Koehlers Verlagsges.). Infos: www.sonnenseite.com Foto: Olympia-Maskottchen Yingying (Yingsel), eine tibetische Antilope, auf der Flucht: „Ich habe mich aus dem olympischen Team abgesetzt, weil ich es nicht mehr ertragen kann, als Marionette mißbraucht zu werden, um Chinas Zerstörung meiner Heimat zu vertuschen. Wir stehen vor der Ausrottung. Bevor die Chinesen nach Tibet kamen, gab es dort eine Million Antilopen, jetzt sind es noch knapp 75.000. Wilderer töten uns unserer weichen Wolle zuliebe, aus der Tücher gemacht werden. Wir sind eine gefährdete Art – trotzdem unternimmt Peking nicht genug zu unserem Schutz“ (Übersetzung von der Internetseite www.yingsel2008.com der Organisation „Studenten für ein freies Tibet“)

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