Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Von der Biologie überfordert

Schon Monate vor dem Kinostart durfte sich dieser Film mit zahlreichen Lorbeerkränzchen schmücken; nun kommen laufend weitere hinzu. Auf dem Internationalen Oldenburger Filmfest hat er zuletzt die Hauptpreise in allen drei Kategorien kassiert. Obwohl „Das Fremde in mir“ mit passablen Darstellern und einer guten Filmidee (deren Umsetzung allein vielen Kritikerinnen vermutlich ein Lob wert ist) aufwartet, ist das verwunderlich. Bereits der Titel, bei aller Suggestivkraft, die er entfaltet, ist ja falsch. „Das Fremde in mir“ wäre ein passender Titel für den — zu Recht vielfach ausgezeichneten — rumänischen Film „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage“ (2007) gewesen. Jener beklemmende Film hatte, in aller Stille, das Grauen einer Abtreibung fühlbar gemacht. Der hier zu besprechende Film gehört ebenfalls ins Genre „Frauenschicksale“. Diese Mutterschaft aber ist eine gewollte, ja geplante. Es gibt zu keiner Sekunde ein „Fremdes in mir“; fremd wird es erst nachgeburtlich. Regisseurin Emily Atef, in Deutschland geborene, in Los Angeles aufgewachsene Tochter eines Iraners und einer Französin, hat recherchiert, daß rund 15 Prozent aller Mütter unter einer postpartalen Depression leiden. Diese geht über das verbreitete Stimmungstief hinaus, das als „Baby-Blues“ bekannt ist. Die von der schweren Form betroffenen Frauen leiden unter Panik- und Angstzuständen, unter Gefühlen des Versagens und können unter Umständen keine Bindung zu ihrem Kind entwickeln. Dies alles trifft auf die Mittdreißigerin Rebecca (Susanne Wolff) zu. Wie ihr Mann Julian (Johann von Bülow) hat sie den Sohn heiß ersehnt. Doch nach der Geburt ist es ihr fremd, dieses glitschige, schreiende Wesen. Sie mag es nicht trösten, stumpft immer mehr ab, entwickelt neben Suizidgedanken auch Todeswünsche gegen das Neugeborene. Julian ist ratlos und kümmert sich nach Rebeccas baldigem Zusammenbruch, der sie endlich in psychologisch kompetente Hände führt, mit Liebe und großem Zeitaufwand um den Sohn. Rebecca hingegen überfordert das Muttersein. Sie will das Kind nicht sehen, erst nach Wochen mal von ferne, später wird sie ihm unter Aufsicht wieder zugeführt. Sie lernt, das Kind zu halten. Erst wie ein Stück Holz, dann wie einen zerbrechlichen Gegenstand, schließlich wie ein Menschenkind — in Zukunft vielleicht als ihr eigenes. Solche mütterlichen Behinderungen sind nicht normal, gleichwohl haben sie seit je ihren Platz in der Bandbreite säugetierischen Verhaltens. Zu den hormonellen Entgleisungen — das unterscheidet den Menschen vom Tier — können Konflikte in bezug auf sogenanntes Rollenverhalten, auf Karriereplanungen und Lebensperspektiven hinzutreten. In gewisser Weise ist das auch bei unserem Filmpärchen der Fall; zusätzlich reagiert Julians Familie zunehmend abweisend gegenüber der kranken Mutter. Ja, das ist ein weites Feld und ein ergiebiges Thema. Im Film ist dies alles hölzern, schematisch und schlimmstenfalls peinlich umgesetzt. Warum reden die eigentlich nie wirklich miteinander, fragt man sich. Dabei sollen Julian und Rebecca doch das aufgeklärt-moderne Pärchen der Gegenwart darstellen. „Unrealistisch, findest du wirklich?“ fragt die Mitzuschauerin, die im übrigen ebenfalls unberührt bleibt: „Die Paare, die ich kenne, sind eigentlich nicht anders.“ Was den Film nicht besser macht.

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