Vom Volkskaiser zum Sündenbock

Anfang November 1918, als der Erste Weltkrieg für Deutschland verloren war und der Ruf nach der Abdankung Wilhelms II. immer lauter wurde, erwog dieser als Deutscher Kaiser, nicht aber als König von Preußen abzudanken. Später wurde diese Überlegung von seinen Gegnern als der Versuch gewertet, einen Teil der Macht zu retten. Doch dem war nicht so. Diese Episode ist vielmehr ein Schlüssel für das Verständnis der Person des Monarchen und seiner Vorstellung von einem „Volkskaiser“. Die Idee des „sozialen Volkskaisertums“ Wilhelms II., der auf die „plebiszitäre Akklamation“ durch das Volk setzte, ist ein interessanter Aspekt, auf den der Historiker und Publizist Eberhard Straub in seinem Buch „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit“ den Blick lenkt und in dem er mit zahlreichen Vorurteilen über den Monarchen aufräumt. Es wird deutlich, daß Wilhelm II. eine äußerst moderne Auffassung von seinem Kaiseramt hatte. Voraussetzung hierfür war der eher technische Charakter des 1871 erneuerten Kaisertums, dem trotz der versuchten Anknüpfung an das alte Reich der Glanz fehlte, was sich auch daran zeigt, daß die Kaiserkrone nie über einen Entwurf hinausgekommen ist. Der „Deutsche Kaiser“ war nicht mehr als der „gekrönte“ Präsident eines Fürstenbundes. Wilhelm II. berief sich daher zwar als König von Preußen, nicht aber als Kaiser auf das Gottesgnadentum, das seit alten Zeiten die Legitimitätsgrundlage der gekrönten Häupter ist. Die Überlegung, als Kaiser abzudanken, aber die Königskrone weiter zu tragen ist aus diesem Verständnis heraus nur folgerichtig. Ein Präsident kann zurücktreten, ein gesalbter König, der sich auf den Willen Gottes beruft, kann nur von diesem abberufen werden. Wie Straub deutlich macht, speiste sich die Idee des Volkskaisertums aus den Erfahrungen, die Wilhelm am Beginn seiner Regentschaft mit Bismarck gemacht hatte und die er im Ersten Weltkrieg mit Hindenburg erneut machen sollte. Beide, der Kanzler wie der Kriegsheld, hatten eigene machtpolitische Ambitionen, die sie ohne Rücksicht auf den Souverän verfolgten und die die Handlungsfähigkeit des Kaisers empfindlich störten und in Wilhelm die Angst vor einem auf die Volksmassen gestützten deutschen Napoleon nährten. Daher ist aus Sicht von Straub für das Ende der Monarchie weniger der „Volkskaiser“ verantwortlich, der sich beim Volk rückversichern wollte, als vielmehr die revolutionären „Volkstribune“ Bismarck und Hindenburg, die die Legitimität des Kaisertums ausgehöhlt haben. Dennoch war am Ende des Ersten Weltkrieges Wilhelm II. der meistgehaßte Mann in Europa. Vor allem in Großbritannien galt „the Kaiser“ als Wurzel allen Übels. „Ich bin dafür, den Kaiser zu hängen“, forderte daher etwa im November 1918 ein britischer Unterhaus-Abgeordneter. Doch auch bei seinen Untertanen war Wilhelm II. nicht mehr wohlgelitten. Vielen diente er als willkommener Sündenbock für Not und Elend und die Demütigungen, die das Volk in der Folge des verlorenen Krieges erleiden mußte. Maßgeblichen Anteil an diesem düsteren Bild Wilhelms hatte die alliierte Kriegspropaganda, die den Kaiser systematisch dämonisiert hatte. All dies bildet im wesentlichen die Grundlage für das Bild, das wir von Wilhelm II. haben. Irgendwie, so ahnen die heutigen Deutschen, war der Kaiser vordemokratisch und letztendlich ein Wegbereiter Hitlers, oder wie Straub schreibt: Wilhelm und seinen Zeitgenossen werde vorgeworfen, sie hätten nicht ungeduldig danach gestrebt, so schnell wie möglich in der Bundesrepublik anzukommen. Doch mehr und mehr gerät dieses Zerrbild ins Wanken und das vorliegende Werk, das rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Monarchen am 27. Januar 2009 erschienen ist, gibt ihm einen weiteren kräftigen Stoß. Straub beschreibt Wilhelm II. als modernes Individuum, das auf einzigartige Weise die Widersprüche der Epoche verkörperte. Er räumt mit Legenden und Fehldeutungen auf und ermöglicht den Blick auf einen Monarchen, dem vor dem Ersten Weltkrieg gerade in England, aber auch in Frankreich viel Bewunderung entgegenschlug. Er traf im Guten wie im Schlechten den Ton der Zeit, war in diesem Sinne modern und „Ausdruck der öffentlichen Seele, der kollektiven Kultur der Deutschen“. Mit spürbarer Sympathie zeichnet Straub das Bild eines vielfach interessierten Monarchen, der sich sowohl für Kunst und Kultur als auch für die Errungenschaften der modernen Technik begeistern konnte und der seinem Volk bei der Thronbesteigung versprochen hatte, den Frieden zu wahren und auch bestrebt war, sich daran zu halten. Auf tragische Weise scheitert Wilhelm mit diesem Ziel im Sommer 1914. Beim Ausbruch des Krieges und in seinem Verlauf zeigte sich, daß der Kaiser längst nicht mehr das Heft des Handelns in der Hand hielt. Dabei geht es Straub in seinem Buch nicht allein um die Person des Kaisers, den er nicht verklärt, sondern auch darum, die von ihm geprägte Zeit, die Straub „zu den großartigsten Epochen in der neueren deutschen Geschichte“ zählt, wieder in das allgemeine Bewußtsein zu rücken. Denn mit dem Kaiser ist auch die Zeit des Wilhelminismus in Deutschland erst in Verruf und dann in Vergessenheit geraten. Bei der anstehenden Neubewertung der Epoche ist das vorliegende Buch daher ein wichtiger Baustein. Ein sehr schön gearbeiteter zudem. Eberhard Straub: Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit, Landt-Verlag, Berlin 2008, gebunden, 378 Seiten, 34,90 Euro

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