Um Leben und Tod

Bildgewaltige Naturdokumentationen laufen derzeit ganz gut im Kino. Letztjährig erwiesen sich „Die Reise der Pinguine“ und „Unsere Erde“ als Kassenschlager gerade für ein Familienpublikum. Unter dem Motto „Rettet unseren wunderschönen Planeten“ firmiert auch die BBC-Produktion „Wächter der Wüste“. Sinngemäß: Wo nun Wüste ist, war früher ein Meer. Und wehe, wenn wir nicht aufpassen — dann wächst die Wüste. Ein wenig schizophren ist dieser pädagogische Aufhänger deshalb, weil uns Regisseur James Honeyborne gerade nicht die Tristesse des Ödlands vorführt, sondern bezaubernde Bilder liefert. Über sieben Monate hat die Filmmannschaft das Leben einer Erdmännchensippe in der Kalahari-Wüste mit der Kamera eingefangen. Weil Landschafts- und Tieraufnahmen allein, wie beeindruckend sie auch seien, jedoch kein großes Publikum hinter dem Ofen hervorlocken, wurde das ganze zu einer Abenteuergeschichte zusammengeschnitten und mit einem albernen Erdmännchen-O-Ton unterlegt. Für die deutsche Fassung hat das Rufus Beck übernommen. Erwachsene Zuschauer mögen das als störend und peinlich empfinden. Da sich der tierische Kommentar aber relativ dezent zurückhält, fällt er nicht übermäßig ins Gewicht. Erzählt wird die Kinder- und Jugendzeit des possierlichen Erdmännchenjungen Kolo, der als waghalsigster seines Wurfs die Umgebung jenseits seines Höhlenbaus erkundet. Da die Eltern aufgrund der sich anbahnenden Dürrezeit weit weg „auf Arbeit“, also bei der Nahrungssuche sind, muß der ältere Bruder unseren Kolo in den nötigen Überlebenstechniken unterweisen. Heißt: Wie verspeist man einen Skorpion, ohne daß man ihm selbst zum Opfer fällt? Wer ist überhaupt Feind, wer Freund? Wie entgeht man den gefährlichsten Räubern, dem Afrikanischen Kampfadler und der Kap-Kobra? Wie tief kann ein Löwe eigentlich graben? Es ist also keine klassische Tierdoku, die dem Zuschauer präsentiert wird, sondern ein nachträglich inszenierter, natürlich harmloser Action-Streifen mit einem tierischen Helden. Zwei Vorschulkinder haben den Saal nach der ersten Viertelstunde weinend verlassen. Klar: Hier geht’s um Leben und Tod. Die eigenen Kinder fanden den Film schön aufregend und hatten nur zwei kleinere Probleme: „Mama, ob so Erdmännchen wirklich dauernd ‘oh, cool!’ denken? Und warum eigentlich ‘Wächter der Wüste’?“ Gute Fragen zu einem alles in allem erträglichen Film.

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