Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Szenenwechsel

Anonyma — Eine Frau aus Berlin“ von Max Färberbock ist wie alle anderen Filme der vergangenen Jahre, die das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg thematisierten, zum inhaltlichen Zwitter geraten, zur Kompromißbildung zwischen der dokumentierten Wirklichkeit und den Wahrnehmungsschablonen der „bewältigenden“ Geschichtsschreibung. In der Tat kann der aufmerksame Beobachter die hinzugefügten Momente mühelos identifizieren, ohne das Buch (Eichborn 2003) gelesen zu haben. Die Generalklausel kommt gleich zu Beginn: „Wenn der Russe nur im geringsten das mit uns macht, was wir mit denen gemacht haben“, will eine Frau von einem deutschen Offizier gehört haben, „lebt in Bälde kein Deutscher mehr.“ Dieser Satz, den man im Buch vergeblich suchen wird, bläst einerseits die „deutsche Schuld“ gegenüber der russischen ins Unendliche auf und unterstellt andererseits den Eingekesselten von 1945 ein Schuldbewußtsein, das in dieser Form wohl kaum vorhanden war. Es sind jedoch nicht nur plumpe Hinzufügungen, die das Bild verfälschen, sondern auch zahllose Umdeutungen und Unterschlagungen. Kleine Verschiebungen genügen, um die Szenen des Buches neu zu akzentuieren. Ein lapidarer Absatz, in dem ein junger Rotarmist der Russisch sprechenden Anonyma schildert, wie deutsche Militärs in seinem Heimatdorf Kinder umgebracht hätten, wird im Film zu einer ausgedehnten Anklage ausgeweitet. Anonyma äußert Zweifel. „‘Gehört? Oder selbst mit angesehen?’ Er, streng, vor sich hin: ‘Zweimal selber gesehen‘.“ Den bald die Runde machenden Satz „Unsere haben’s wohl drüben nicht anders gemacht“ bezeichnet Anonyma als „Gerede“. Während das Buch ihre weiteren Gefühle verschweigt, deutet der Film diese Stelle zu einem entscheidenden Knackpunkt um. Geschockt beobachtet Anonyma nun mit anderen, mitleidloseren Augen, wie eine weitere Frau verschleppt wird. Eine weitere signifikante Verschiebung erfolgt weg vom Leid der deutschen Frauen hin zu den Gefühlen und der „Menschlichkeit“ der Russen. Tatsächlich protokolliert die originale Anonyma die Vergewaltigungen recht lakonisch: Der Schrecken und die Scham sind oft nur zwischen den Zeilen angedeutet. Auch in ihrem Bericht treten die Russen aus der Flut der anonymen Eroberer mit Namen, Gesichtern und Biographien hervor. Der Film betreibt einen enormen Aufwand, sich auf dieses Moment zu konzentrieren und die positiveren Figuren unter den Russen hervorzuheben. Am skrupellosesten waren die Autoren bei der Ausschmückung des Verhältnisses Anonymas zu dem Offizier Andrej, dem kultivierten „Leitwolf“, dem sie sich taktisch hingibt, um nicht mehr zur Beute des Rudels zu werden. Während der Tagebuchbericht das Aufkommen eines gewissen Gefühls zwischen Andrej und Anonyma, das freilich auch Züge von Hysterie und „Stockholm-Syndrom“ trägt, nur andeutet,  stilisiert der Film die Beziehung zu einer absurden Liebesschnulze, die in eine Abschiedsszene à la „Casablanca“ ausklingt. Auch hier genügt ein kleiner Wechsel in der Beleuchtung, um die Szenerie zu ändern. „Überdies hat der Major Tokaier mitgebracht, fünfbuttig, wir trinken, mir ist katzenwohl“, schreibt Anonyma. Färberbock schneidet den Satz „Mir ist katzenwohl“ zu einer Einstellung, in der die beiden nach einem vollzogenen Liebesakt entspannt im Bett liegen. Im Presseheft spricht der Regisseur gar von „einer kurzen sexuellen Erfüllung“ Anonymas. Als Intellektuelle erfährt Anonyma sogar eine unerwartete Aufwertung: Der Russe schätze im Gegensatz zu dem Deutschen gebildete Frauen, so der Off-Kommentar. Im Originaltext hört sich das so an: „Der deutsche Mann möchte stets der Klügere sein und sein kleines  Frauchen belehren … Bildung steht (für die Sowjetmänner) so hoch im Kurs, ist ein so rares, so gesuchtes, dringend benötigtes Gut, daß man sie von Staats wegen mit strahlendem Nimbus umgibt.“ Den Galgenhumor der Berliner Frauen, die sich mit zusammengebissenen Zähnen über das Trauma hinwegsetzen, inszeniert Färberböck zum heiteren Vergewaltigungsgetratsche: „Wie oft?“ — „Viermal!“ Am Ende, so letztlich die Botschaft des Films, war alles nicht so schlimm. Den klitternden Hinzufügungen indessen lassen sich Auslassungen wie diese gegenüberstellen: Anonyma schildert das Schicksal eines von den Nationalsozialisten geächteten Anwalts mit einer jüdischen Frau — „seit Monaten hatte sich das Ehepaar auf die Befreiung Berlins gefreut“—, der nicht minder Opfer der Invasoren wird. „Seine Frau warf sich den Russen entgegen, flehte auf deutsch um Hilfe. Worauf man sie auf den Gang schleppte, drei Kerle über ihr, während sie immerfort heulte und schrie: ‘Ich bin Jüdin, ich bin doch Jüdin.’ Inzwischen verblutete der Mann.“ Färberbocks „Anonyma“ hat bei aller Beteuerung, ein „Tabu“ aufzudecken, nur die Spitze des Eisbergs gezeigt, um sie anschließend wieder hinter Nebelwänden verschwinden zu lassen.

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