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Sardellenpaste ohne Brot und Butter

Zur skandalisierten Burgunder-Szene, die Ernst Jünger unter dem Datum des 27. Mai 1944 festgehalten hat und in der er mit einem Glas Wein in der Hand während eines Bombenangriffs auf Paris darüber sinniert, wie „die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln (…) in gewaltiger Schönheit (liegt), gleich einem Blütenkelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird“, gibt es bei der Journalistin Margret Boveri eine Entsprechung, die sie am 4. März 1945 notiert hat: Als sie während eines Fliegeralarms in den Keller eilt, nimmt sie am Himmel die „sich vielfach überkreuzenden Scheinwerfer“ wahr, die „lauter leuchtende Rauten und Trapeze u. Vierecke vor dem Dunkel (zeichnen), mathematisch exakt, aber zugleich doch unregelmäßig“. Sie muß dabei an die Bilder Pablo Picassos denken — der politisch als Jüngers Gegenpol gilt. Reiner Zufall oder die Koinzidenz zweier eigenwilliger Geister? Margret Boveri hatte sich erstmals in den USA, wo sie 1940/41 als Auslandskorrespondentin für die Frankfurter Zeitung tätig und dann einige Monate als „feindliche Ausländerin“ interniert war, mit Ernst Jünger beschäftigt. Das Erscheinen ihrer „Amerikafibel“ nahm sie zum Anlaß, um einen direkten Kontakt anzubahnen. Für viele in Deutschland sei er der Geist, „an den sich die meisten Erwartungen und Hoffnungen knüpfen“, schrieb sie in ihrem ersten Brief am 19. Juli 1946. Man staunt, in was für einer unterwürfigen Haltung die intelligente, erfolgreiche und selbstbewußte Boveri sich Jünger näherte. Sie versuchte ihm mit der Annahme zu schmeicheln, „daß Sie von Ihren Lesern, wenn auch unsichtbar, umgeben sein müssen wie ein König von seinem Heere“. Sie betrachte sich selber „als ein Mitglied des Fußvolks in diesem ungezählten und unsichtbaren Heer“ und fügte hinzu: „Ich weiß auch nicht, ob wir es erwarten dürfen, daß Sie einmal direkte Losungen ausgeben — indirekt tun Sie es ja dauernd“ (20. Juni 1947). Doch Jünger wollte keine Parolen ausgeben. Natürlich erkannte er Boveris Qualitäten, die sie über andere weit hinaushoben. „Im allgemeinen ist der Journalist ja heute unfähig, vom Politischen zu abstrahieren, und kommt so notwendig zu sekundären Urteilen. Auch schwindet die Ritterlichkeit ja mehr und mehr, und immer unbegreiflicher wird es den Massen und ihren Sprachrohren, daß man jemand achten könnte, der auf der anderen Seite steht“ (2. November 1947). Es war ihm recht, daß eine Journalistin ihres Kalibers sich als Verehrerin zu erkennen gab und sich als Vermittlerin zur feindlich gestimmten Öffentlichkeit anbot. Was nicht problemlos war. So wurde ihr ein expliziter Bezug auf Jüngers Friedensschrift kommentarlos herausgekürzt. Im März 1950 kam es, vermittelt durch Jüngers Privatsekretär Armin Mohler, zu einem Besuch Boveris in Ravensburg, bei dem jedoch kein Funken übersprang. Sie konstatierte bei Jünger „eine konzentrierte Schärfe“, aber auch „das Fehlen irgendeiner Substanz, einer füllenden, ausgleichenden, so wie Salzheringe oder Sardellenpaste, man braucht viel Brot und Butter dazu, dann wird es ausgezeichnet, aber allein ist es nicht gut erträglich“. Ihre Beobachtungen hielt sie in einem Rundbrief fest, den sie an Bekannte verschickte, was zur Verstimmung bei den Jüngers führte. Es blieb die einzige Begegnung. Der Briefwechsel wurde bis 1973 fortgesetzt, wobei Boveri die weitaus aktivere Schreiberin war. Intensität gewann die Korrespondenz anläßlich ihres vierbändigen Werks „Der Verrat im XX. Jahrhundert“ am Ende der fünfziger Jahre. Jünger teilte ihre kritische Empathie für den deutschen Widerstand. Es gibt einige zeitlose Einsichten Boveris, zum Beispiel über die inneren Emigranten, die sich in Ab- und Ausschließungsmanövern erschöpften und versäumten, sich mit der Umwelt produktiv auseinanderzusetzen, so daß sie, sobald der Emigrationsgrund entfiel, den Anschluß verpaßten. Viele in Deutschland führten heute eine derartige „fiktive Existenz“ (12. Januar 1959). Selsamerweise nannte sie Caspar von Schrenck-Notzings Klassiker „Charakterwäsche“, in dem die Themen entfaltet werden, die sie selber in der „Amerikafibel“ angeschlagen hatte, „in der Intensität seines Ressentiments, bei einigen richtigen Erkenntnissen wirklich erschreckend“. Sah sie sich inzwischen selber in der Gefahr einer fiktiven Existenz? In dem Band sind auch die Rezensionen Boveris zu den Werken Jüngers abgedruckt, die vor allem im Merkur und der FAZ erschienen. Sie sind keineswegs unkritisch und belegen, daß sie in ihrer journalistischen Arbeit unbestechlich blieb. Die Briefe sind ausführlich und weitgehend fehlerfrei kommentiert. Die Einleitung des Berliner Literaturwissenschaftlers Roland Berbig ist informativ und in kultivierter Sprache verfaßt. Nur der kritisch gemeinte Vermerk, Boveri habe im Mai 1945 von der „Niederlage“ statt von „Befreiung“ gesprochen, ist ein überflüssiger Tribut an die in Deutschland grassierende Geschichtsdummheit. Roland Berbig, Tobias Bock und Walter Kühn (Hrsg.): Margret Boveri — Ernst Jünger: Briefwechsel aus den Jahren 1946 bis 1973. Landtverlag, Berlin 2008, gebunden, 334 Seiten, Abbildungen, 34,90 Euro Margret Boveri, Ernst Jünger, Alfred Baeumler: Briefwechsel aus der politischen Landschaft zwischen totalitärer Verführung und der deutschen Nachkriegszeit

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