Pankraz, Max Liebermann und die Wulstfabriken

Am laufenden Band platzen neuerdings Blasen, die Immobilienblase, die Zertifikatenblase, die Kreditkartenblase, die Kreditblase allgemein. Gespannt warten alle Marktbeobachter darauf, daß endlich auch die „Blase aller Blasen“ (Jonathan Ford), nämlich die Kunstmarktblase, mit einem lauten Knall explodiert. Schon jetzt gehen die bei Auktionen erzielten Erträge dramatisch zurück. Das Mitleid mit den Opfern, ob Käufer oder Verkäufer, hält sich allerorten in engen Grenzen. Schadenfreude überwiegt. „Wer so hemmungslos mit Kunst spekuliert“, so die allgemeine Meinung, „der verdient schon längst einen kräftigen Nasenstüber“.

Gegenstand der Superspekulation waren beinahe ausschließlich Hervorbringungen der neueren und allerneuesten Kunst. Während die Preise für alte Meister laut Statistik zwischen 2006 und 2007 lediglich um 1,7 Prozent anstiegen, verbuchten Werke von Gerhard Richter, Jeff Koons oder Neo Rauch Zugewinne von durchschnittlich hundert Prozent. Phantastische Summen wurden genannt und wohl auch umgesetzt, zweistellige Millionenbeträge für ein einziges Bild, Milliarden für die Branche insgesamt.

Beste Kunden waren nur zum kleinen Teil ausgewiesene Kunstfreunde und Liebhaber, im Vordergrund standen eher dubiose Gestalten, mit Bonitäten aufgespeckte Großmanager, Hedgefond-Heuschrecken oder russische Oligarchen, die mit den Kunstwerken ihren neu erworbenen Reichtum prunkhaft ausstellen wollten. Soziales Prestige rangierte eindeutig vor simpler Spekulationsabsicht. Es ging in erster Linie darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß man sich einen Koons oder Richter lässig leisten konnte und es also „geschafft“ hatte.

Die Kunstwerke als solche, ihre inhaltliche oder formale Qualität, spielten keine Rolle. Einzig der Name des Künstlers interessierte, welcher durch irgendwelche Bewegungen des Zeitgeistes, durch modische Launen und geschicktes Marketing, durch Werbetricks und intensives mediales Hörensagen nach oben gekommen war. Es war wie auf dem großen Finanzmarkt: Reale Sachen verwandelten sich in Zertifikate, vulgo: in bloße Wörter, Erzählungen, Versprechungen.

Einzig und allein diese Chimären wurden in Geld umgesetzt, und je mehr sich die Summen akkumulierten, um so höher stieg der „Wert“ der Erzählungen und Versprechungen. Geld und mediales Geschwätz schaukelten sich gegenseitig hoch und erreichten am Ende ein wahrhaft irres Niveau. Insofern kann man in Hinblick auf den Kunstmarkt wirklich von der „Blase aller Blasen“ sprechen. Einem Minimum an Sachwert steht ein Maximum an Geld und Geschwätz gegenüber. Wenn die Blase schließlich platzt, bleibt nichts übrig.

Zyniker sagen nun, so sei es doch schon immer mit der bildenden Kunst gewesen: Mindestens neunundneunzig Prozent ihres Wertes hätten von Anfang an aus bloßen Verabredungen reicher Oberschichten bestanden, einerlei ob es sich um einen Parthenontempel, eine Skulptur von Michelangelo oder ein Gemälde von Rembrandt handelte. Das in die Werke investierte Können der Künstler spielte allenfalls eine Nebenrolle, bewirkte einen Anfangseffekt, der die Dinge ins Rollen brachte. Alles Spätere aber, speziell der steigende Ansehens- und Geldwert, war das Resultat von medialem Geschwätz und finanzieller Investition.

Pankraz, in Bilderfragen überzeugter Realist, wendet dagegen ein: Auch die bildende Kunst, jede bildende Kunst, hat vor ihrem Tauschwert einen Gebrauchswert. Sie liefert ja Bilder, Bilder von Menschen, Landschaften, Göttern. Wenn sie statt dessen nur noch Phrasen und in Geld ausdrückbaren Tauschwert „abbildet“, begeht sie Verrat an sich selbst. Dieser Verrat hat tatsächlich stattgefunden, und er ist neuen Datums, eine der Ursünden der sogenannten Moderne, die damit das Bilden durch bloßes Vorspiegeln, das Können durch bloßes Wollen ersetzt hat.

Max Liebermann, obwohl dem Experiment und dem freien Spiel mit Formen und Farben durchaus zugetan, hat gesagt: „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen. Käme sie vom bloßen Wollen, dann hieße sie nicht Kunst, sondern Wulst.“ Die künstlerische Moderne, nicht nur die allermodernste, sondern auch schon die klassische seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, hat sich immer mehr von der Kunst zum Wulst entwickelt. Erst durch diesen Sündenfall ist sie — mag sein ahnungslos — zum Objekt für pures Geschwätz und hemmungslose Finanzspekulation geworden.

Wenn jetzt die Blase platzt und die Lieblingslieferanten der Auktionshäuser nicht nur — wie die alten Meister — anderthalb, sondern hundert Prozent ihres Vorjahreswertes verlieren, so ist die Katastrophe, verglichen mit der in der Banken- und Börsenbranche, dennoch ziemlich gering. Großproduzenten wie Damian Hirst werden einige ihrer Arbeiter entlassen, vielleicht sogar ihre Fabrik vollständig schließen müssen. Die großen Auktionshäuser werden kleinere Umsätze und kleinere Gewinne haben. So etwas läßt sich verkraften.

Andererseits wird es auch manchen positiven Effekt geben. Gewisse Heuschrecken und Oligarchen, die ihre Villen und Jachten voller Stolz mit allerneuesten, soeben noch sündhaft teuren, inzwischen aber faktisch wertlosen Wulstobjekten vollgestellt haben, werden in diesen Tagen ziemlich perplex aus der Wäsche schauen. Ihre Partygäste werden heimlich grinsen und sich über den blamierten Parvenü lustig machen. Sich das vorzustellen, ist hochkomisch und bereitet dem Kunstfreund echtes Vergnügen. Molière würde daraus eine Komödie machen.

Auf der Produzentenseite sieht die Sache vielleicht weniger lustig aus. Eventuell stehen Realverluste an Einkommen und Ruhm ins Haus. Immerhin, wahre Könner können sich in Zeiten der Krise relativ schmerzlos und glaubhaft von bloßen Wulstfabrikanten abheben, können leichter gediegene Abnehmer finden. Es stimmt natürlich: Kunst geht (auch) nach Brot. Sie muß aber nicht nach Spekulation gehen.

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