Pankraz, Joseph Schumpeter und die Zerstörung

Viel Unfug ist in der letzten Zeit mit dem Wort von der „schöpferischen Zerstörung“ angerichtet worden. Kommentatoren, die angesichts der Verheerungen, die die Finanzkrise angerichtet hat, Trost spenden wollten, erinnerten sich an dieses von Joseph Schumpeter geprägte Wort und versuchten, die  Vorkommnisse mit seiner Hilfe in ein rosiges Licht zu tauchen. Der Schuß ging aber gewissermaßen nach hinten los. Nicht die aktuellen Zerstörungen wurden gerechtfertigt, sondern der Begriff des Schöpferischen wurde blamiert.

Der Kapitalismus, so die vermeintlichen Trostspender, sei nun mal Zerstörung, damit müsse man sich abfinden. Doch dürfe man darauf hoffen, daß aus den Trümmern bald neue Wirtschaftsformen entstünden, die moderner und einträglicher seien als die zerstörten, gemäß dem schönen Vers: „Und neues Leben wächst aus den Ruinen“. Man müsse also nur ein bißchen Geduld haben. Schon US-Präsident Hoover habe ja in den Krisenjahren des vorigen Jahrhunderts immer wieder gepredigt: „Prosperity is just around the corner“ („Der Aufschwung ist gleich um die Ecke“).

Die Opfer der Finanzkrise empfinden derlei Sprüche als reinen Zynismus. Sie wehren sich gegen das eigene Zerstörtwerden im Namen von irgendwelchen künftigen Aufschwüngen. „Wenn so die schöpferische Kraft des Kapitalismus aussieht“, sagen sie, „wenn zunächst einmal alles kaputt geschlagen werden muß, bevor es wieder besser wird, dann weg mit einem solchen Kapitalismus und weg mit einer solchen Schöpferkraft! Wir sind doch nicht blöd.“

Bevor Pankraz etwas zur Sache sagt, möchte er zunächst einmal eine kleine Ehrenrettung für Joseph Schumpeter (1883—1950) versuchen. Dieser aus dem mährischen Triesch stammende österreichische Nationalökonom und Finanzpolitiker war nämlich weit davon entfernt, schöpferische Zerstörung als ein erfreuliches oder auch nur überwiegend wohltätiges Moment in den modernen Volkswirtschaften zu beschreiben. Er sah sie vielmehr als eine latente Gefahr für blühende Wirtschaften an und empfahl ihre Einhegung und Minimierung.

Im Staatsdienst, zunächst für die alte Donaumonarchie, nach 1918 für den neuen Staat Deutsch-Österreich, dessen erster Finanzminister er wurde, hatte Schumpeter einschlägige Erfahrungen sammeln können. Nach seinem Ausscheiden 1920 wurde er Privatbankier, führte sein Unternehmen, die Wiener Biedermann-Bank, während der großen Inflation (wohl unverschuldet) in die Pleite, wurde später glanzvoller und vielseitiger Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn und wechselte 1932 nach Harvard. Dort blieb er jedoch weitgehend isoliert und angefeindet. Man unterstellte seinen Lehren gar „Antisemitismus“.

Sein großes Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ von 1942 ist von Skepsis und Pessimismus durchweht. Schumpeter hält den Kapitalismus im Vergleich zum Sozialismus nicht für überlebensfähig, aber nicht etwa, weil dieser die bessere Wirtschaftsform sei (Schumpeter verachtete das Treiben der Bolschewiken in Rußland), sondern weil der Kapitalismus — in Verbindung mit Freiheit und Demokratie — ständig über die eigenen Stränge schlage, durch blind entfesseltes Profitstreben die schönsten Innovationen in Instrumente der puren Zerstörung verwandle und diese schließlich gegen sich selbst richte.

Es geht Schumpeter also um das rechte Maß zwischen Innovation und ökonomischem Selbsterhaltungstrieb. Er möchte den Kapitalismus ausdrücklich nicht „fesseln“, sondern „disziplinieren“. Fast könnte man versucht sein, bei ihm in die Lehre zu gehen, von ihm Ratschläge zur Behebung der aktuellen Krise entgegenzunehmen. Leider wird man solche Ratschläge nicht finden. Die Phrase von der „schöpferischen Zerstörung“ liegt wie ein schwerer Riegel vor diesem Werk. Mit ihr hat sich Schumpeter wahrlich keinen Gefallen getan.

Zerstörung und Schöpfertum schließen sich gegenseitig aus. Das Wort „zerstören“ ist nach keiner Richtung hin positiv kompatibel. Seine verbalen Entsprechungen lauten vernichten, ruinieren, verwüsten, demolieren, pulverisieren, auslöschen, austilgen, zum Verschwinden bringen. Es setzt totale Feindschaften und einen völlig kaltblütigen Vernichtungswillen voraus. Es ist das Höllenwort schlechthin.

Schöpfertum hingegen ist das Himmelswort schlechthin. Der Schöpfer vernichtet nichts, er erschafft, wo vorher nichts war, deshalb spricht man ja auch, die Weltschöpfung Gottes betreffend, von der creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts. Schöpferische Menschen zerstören nichts, sondern sie bauen auf dem auf, was da ist, entwickeln es weiter, formen es um. Nur so entsteht Neues und Besseres, und dieses ist nie völlig neu, nie definitiv besser, es ist „nur“ eine weitere Variation des aus dem Nichts Erschaffenen, des Ewigen, immer Dagewesenen.

Dergleichen gilt selbstverständlich auch für Wirtschaft und Finanzwesen, und zwar nicht nur für deren Produkte und Instrumente, sondern auch und mehr noch für das Verhältnis der Produzenten und Kreditgeber untereinander und zu ihren Konkurrenten und Kunden. Auch diese Verhältnisse müssen, wenn sie schöpferisch sein wollen, unter dem Gesichtspunkt bedachtsamer Weiterentwicklung und echten Respekts vor der Würde des anderen gestaltet werden. Bloßer „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt) führt in den Abgrund, ins Nichts. Das ist die große Lehre dieser Tage und Wochen.

„Letztlich zählen in der Nationalökonomie die realen Leistungen, nicht das, was man an Geld einnimmt. Wer das Gegenteil behauptet, lügt.“ Das konstatierte anno 1885 Schumpeters großer Landsmann und Lehrer Eugen Böhm-Bawerk, jener berühmte Wiener Finanztheoretiker, der sich seinerzeit bei den Marxisten so unbeliebt gemacht hat. Seine Feststellung läßt sich nicht schöpferisch zerstören, höchstens unschöpferisch ignorieren. Wer das tut, zerstört am Ende nur sich selbst (nachdem er erst einmal viele seiner Kunden zerstört hat).

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