Nur Ratten noch

Nach dem SS-Schocker „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) durften Freund und Feind auf „Die Box“ gespannt sein. Schließlich war sie als Fortsetzung jenes „autobiographischen Schreibens“ angekündigt. Was für düstere Geheimnisse der Vergangenheit würde Günter Grass diesmal preisgeben? Welche schwarzen Schichten das Zwiebelhäuten noch freilegen? Antwort: Gar keine. Als habe der Autor diesmal sagen wollen: Schaut mal, so unpolitisch, harmlos und oberflächlich kann ich sein. Schade, denn das zentrale Motiv des Romans — ein Fotoapparat, der Vergangenes, Zukünftiges und verborgene Wünsche ablichtet — war für einen tabulosen Seelenstrip wie geschaffen. In der Rahmenhandlung trommelt ein alter Vater — das literarische Selbstporträt des Autors — seine acht Kinder zusammen und läßt sie über Vergangenes plaudern. Natürlich geht es dabei höchst chaotisch zu. Man assoziiert von einem Schauplatz zum nächsten, Zeitsprünge inklusive. Niemand mag warten, bis Bruder oder Schwester ausgequatscht haben. Man unterbricht sich gegenseitig, produziert einen Schnatterchor der Erinnerung. Schnittstelle dieser Gedächtnisfetzen bildet das Knipsmariechen, eine alte Fotografin mit Atelier am Kurfürstendamm. Die hat übrigens wirklich gelebt, hieß Maria Rama (1911—1997). Allerdings hat Grass ihr ein Requisit aus der Märchenkiste in die Hand gedrückt: einen Fotoapparat, der — durch die Schrecken des Krieges irre geworden — nicht nur bloße Realität abbildet. Statt dessen zeigt er Vergangenheit, Zukunft und (verborgene) Wünsche der abgelichteten Personen. Mit dieser analytischen Wunderwaffe hätten die „Dunkelkammergeschichten“ — so der Untertitel des Romans — eine schonungslosen Reise in eigene Abgründe bieten können. Statt dessen muß die traumatisierte Kamera Banalitäten ans Tageslicht bringen. Oder schlimmer, Grass macht die alltäglichen Vorkommnisse zu Trivialitäten, weil er auf Ausmalung und Vertiefung verzichtet, alles nur am Rande streift, den Lebensfluß lustig plätschern läßt. Kein Bild wird durch diese Sprache lebendig, keine Reflexion setzt sich in Gang. Alles, seine Beziehungen zu Frauen, die Harmoniesucht, seine Schreibprobleme, die Weigerung, den eigenen Mutterkomplex therapieren zu lassen — ein gigantischer Rohstoff, in ein paar lässigen Zeilchen verfeuert. Thematisiert Grass sein politisches Engagement für die SPD, reicht es nur für einen öden Wortwitz: Hat eins der Kinder den Wahlkampf des Vaters doch tatsächlich als „Walkampf“ mißverstanden. Und sich den Vater als Käpt’n Ahab vorgestellt, der gegen Moby Dick kämpfte. Grass neben Ahab. Wenn das kein Vergleich ist! An anderer Stelle versucht sich der Autor als Bild-Paparazzi in der eigenen Familie. Wenn Knipsmarie seine Töchter fotografiert, sind die auf den Abzügen als nackte Passantinnen auf dem Kurfürstendamm zu sehen. Wessen Wünsche haben sich da ins Bild gesetzt? Der Exhibitionismus der Töchter oder die Lüsternheit des alten Vaters? Kein Kommentar. Immerhin, seine treuen Leser läßt Grass wissen, daß Maries — imaginäre — Fotos ihn zu zahlreichen Romanmotiven anregten. So war ein Teil seines Hauses nach dem Krieg reichlich demoliert. Auf Maries Bildern hingegen wirkte er aufgeräumt und bewohnt. Diese Fotos, verrät Grass, dienten als Inspiration für „Katz und Maus“ (1961). Auch „Die Rättin“ (1986) hätte es ohne Maries apokalyptische Fotoserien nicht gegeben. Darauf fanden sich „Rattenwanderungen, Rattenprozessionen“ und „ne total gruselige Rattenkreuzigung. Jedenfalls keine Menschen mehr, ‘nur Ratten noch’, wie Marie sagte“. Natürlich sind diese Zauberfotos nicht mehr erhalten. Wir müssen uns statt dessen, wie in vorherigen Werken, mit den Illustrationen des Autors begnügen. Dabei hätte der Plot nicht zwangsläufig im Banalitätenterror enden müssen. Der Autor hätte nur sein Vorbild Alfred Döblin um Rat und Hilfe befragen sollen. Der hatte nämlich in seinem letzten Roman „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) einen 500seitigen Familiendisput geschildert, ohne auch nur eine Sekunde zu langweilen. Aber, in Döblins Gesprächen wird nach Verborgenem gesucht — und nicht nur ziellos querbeet assoziiert. Fazit: „Die Box“ ist empfehlenswert für alle Fans der leichten Unterhaltung — aber auch nur für die. Günter Grass: Die Box. Steidl-Verlag, Göttingen 2008, gebunden, 215 Seiten, 18 Euro

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