Mit Zorn und Eifer

Seinem ursprünglichen Sinn nach bezeichnet das Wort „Renegat“ einen Abtrünnigen, einen, der sich von der Sache abwendet, der er bis dahin angehörte. Der Begriff hängt mit der Glaubensgeschichte des Christentums zusammen, mit den großen Auseinandersetzungen um Rechtgläubigkeit und Ketzerei.

Die Sache selbst ist sicher älter, so alt wie die großen Weltanschauungssysteme, so alt auch wie die Umkehr der Gesinnung – die Konversion – und der Entschluß, mit letzter Kraft zu bekämpfen, was man eben selbst noch vertrat. Man spricht von „Konvertiteneifer“ und meint das pejorativ, selbst dann, wenn man die Konversion begrüßt; ähnliches gilt für die Worte „Konvertit“ oder „Renegat“, die immer einen Beigeschmack behalten.

Das hat mit jedermanns Vorbehalt gegenüber dem Verrat zu tun, jener Treulosigkeit, von der sich eine Gemeinschaft im Innersten bedroht fühlen muß, weil die Gefahr ihrem Charakter nach unerkannt bleibt, bis es zu spät ist – „Verraten wird man nur von den Seinen“, heißt es im Französischen. Keine Vorkehrung dagegen wirkt sicher.

Zahllose Akte des Verrats

Die Geschichte kennt zahllose Akte des Verrats, einzelne und Gruppen haben Loyalitäten gekündigt, als Agenten gearbeitet oder im Kampf die Fahne verlassen, die Sitte der Vorfahren und heilige Eide gebrochen, ganze Nationen sind zur Kollaboration mit dem Landesfeind übergegangen oder gaben ihre alten Götter auf, um neue anzubeten. Das geschah im allgemeinen, um am Leben zu bleiben oder eine Gelegenheit zu nutzen, seltener – und ethisch schwerer beurteilbar – ist immer Renegatentum oder Konversion im eigentlichen Sinn, weil sie mit Überzeugungswechsel zu tun hat.

Deshalb wird mancher Konvertit als Heiliger verehrt (wie der Apostel Paulus, der als Christenverfolger begann) oder als moralisches Vorbild angesehen (wie der „alte Kämpfer“ der NSDAP Fritz-Dietlof von der Schulenburg, der dann zu den Männern des 20. Juli gehörte). Aber beider positive Beurteilung ist eine Folge der Stärke ihrer zuletzt siegreichen Parteien.

John Harrington antwortete auf die Frage, warum man so selten über erfolgreichen Verrat spreche, mit dem Hinweis, daß erfolgreicher Verrat eben nicht als Verrat bezeichnet werde.

Überzeugungswechsel als Massenphänomen

Eine solche Umwertung setzt Stabilität voraus, die man in Zeiten des großen Umbruchs nicht erwarten darf. Im zwanzigsten, dem Jahrhundert des „Weltbürgerkriegs“, war Überzeugungswechsel ein Massenphänomen: Genannt seien nur die Sozialisten Mussolini, Déat und Mosley oder der Kommunist Doriot, die zu Faschisten wurden, die Nationalrevolutionäre Joseph „Beppo“ Römer, Bodo Uhse oder Richard Scheringer, die ins kommunistische Lager gingen, Tausende Kuomintang-Offiziere, die in die Armee Maos eintraten, und die ehemaligen Sowjetsoldaten, die in den Reihen der Wlassow-Armee kämpften, alle jene Untertanen der alten Monarchien, die über Nacht zu Republikanern wurden, und alle jene „Parteigenossen“, die sich nach 1945 und nach 1989 in gute Demokraten verwandelten.

Margret Boveri hat unter solchen Eindrücken Verrat einen „Alltagsbegriff“ genannt: „Der Inhalt des Verrats wechselt, indem sich das Rad der Geschichte dreht. Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden, und umgekehrt.

Aber der Verrat bleibt bei uns, als sei er der dauernd sich wandelnde Schatten, der den stärker und schwächer werdenden, höher und tiefer steigenden Lichtern unserer Epoche zu gehört.“ Letzte Klimax dieser Epoche war die Revolution, die sich zwischen 1944 und 1947 vollzog; ihre Auswirkungen waren folgenreicher als die der Kriegsjahre, auch weil in der Folge neue Loyalitätsforderungen erhoben und mit besonderem Nachdruck durchgesetzt wurden.

Rasch ändernde Frontverläufe

Was es danach an Verrat gab, mehr oder weniger spektakuläre Spionagefälle, Unterwanderung, Dissidenz, erscheint nur als ein Abklatsch. Das gilt auch für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der sechziger und siebziger Jahre. Die Frontverläufe änderten sich rasch. Die „Neue Linke“ mochte zwar Aufbauhilfe aus dem Ostblock annehmen und sich proletarisch drapieren, aber die Revolution, die sie anstrebte, war keine der Arbeiterklasse, sondern eine Kulturrevolution.

Es gelang ihr niemals, eine funktionstüchtige Partei zu bilden, aber in der gegebenen Lage wirkte noch organisatorische Schwäche vorteilhaft, weil es darum ging, in einer modernen Konsumgesellschaft Einfluß auf Lebensgestaltung und Meinungsbildung zu gewinnen. Den Zusammenhalt der „Achtundsechziger“ garantierte etwas anderes als Mitgliedsbücher und Kadergehorsam, wichtiger war die Fähigkeit zur Feindbestimmung und eine feine, fast überfeine Witterung für ideologische Abweichler.

Gemeint sind damit nicht die, die beim „langen Marsch durch die Institutionen“ das süße Leben entdeckt hatten, zu Philistern wurden oder zu Zynikern wie alle Umstürzler der Vergangenheit, gemeint ist die kleine Zahl derjenigen, die sich bewußt und demonstrativ abwandten, die sich nicht damit beruhigen wollten, daß im roten Mai eine an sich begrüßenswerte Entwicklung aus dem Ruder lief, der Terrorismus ein Phänomen war, das mit der Gewaltpropaganda der Frühzeit gar nichts zu tun hatte, und der Angriff auf den Staat zu einer „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas) führte, die man letztlich nur begrüßen könne. Gemeint sind die wenigen, die erkannten, daß das Ganze ganz verkehrt war, und es für notwendig hielten, daraus Konsequenzen zu ziehen – Renegaten in dem oben bezeichneten Sinn.

Keine breite Absetzbewegung

Bemerkenswerterweise gab es in Deutschland keine breiten Absetzbewegungen, vergleichbar den „Neuen Philosophen“ in Frankreich oder den „Neokonservativen“ in den USA. Renegaten blieben Einzelne. Was Gerd Koenen und Jörg Friedrich, Herbert Ammon und Günter Maschke, Bernd Rabehl und Klaus Rainer Röhl bei aller Verschiedenheit eint, ist eine geschärfte Wahrnehmung, die aus der Innenansicht folgt. Sie haben sich im vollen Bewußtsein der Macht, nicht zuletzt der kulturellen Macht, ihres alten Lagers für den Ausstieg entschieden.

Das bedeutete mehr als den Bruch mit einem gewohnten Milieu, Wegfall der bis dahin selbstverständlichen Unterstützung, das war oft nur um den Preis der Isolation zu haben und wiegt im Einzelfall schwerer als frühere Irrtümer. Wenig ist so nützlich für den Kampf gegen die „Ideen von ’68“ wie der klarsichtige Haß der Renegaten.

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