Märtyrer der Wahrheit

Marienbad ist ein bis in die heutige Zeit für sein heilsames Wasser berühmter Kurort im westlichen Böhmen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts zog es nicht nur den Geldadel dorthin, sondern auch zahlreiche Intellektuelle wie beispielsweise Goethe und später Richard Wagner. Als Folge des Ersten Weltkriegs gehörte Marienbad seit 1918 zur neugegründeten Tschechoslowakei. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, erlebte Marienbad einen Ansturm von deutschen Intellektuellen, denen wegen ihrer politischen Einstellung oder ihrer jüdischen Herkunft nachgestellt wurde. Unter ihnen befand sich der bekannte Philosoph, Kulturkritiker und politische Publizist Theodor Lessing, der seine Heimatstadt Hannover Anfang März 1933 verlassen hatte, weil er „in den letzten Wochen beständig Anpöbeleien und Bedrohung ausgesetzt“ war (unter anderem ein zweimaliges Jaucheattentat auf seine Wohnung). Seine Lehrbefugnis an der TH Hannover und sein Forschungsauftrag wurden ihm entzogen. Doch damit war der Fall nicht erledigt. Da Interesse bestand, Lessing zu verhaften, weil er sich in Deutschland „für den Inhalt seiner Schriften verantworten“ sollte, wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, dessen Höhe 80.000 Reichsmark betragen haben soll – was für die Bedeutung Lessings sprechen würde. Wenn auch nicht klar ist, wer für die Auslobung verantwortlich war oder ob es sich überhaupt nur um ein Gerücht handelte, das von der Sensationspresse aufgegriffen wurde, tat die Summe doch ihre Wirkung. Theodor Lessing wurde am 30. August 1933 gegen 21.30 Uhr in seinem Arbeitszimmer von zwei Pistolenkugeln getroffen. An den Verwundungen starb er wenige Stunden später. Als Täter wurden sudetendeutsche Nationalsozialisten ermittelt, die sich nach Deutschland abgesetzt hatten (und von denen einer bis zu seinem Tod 1978 unbehelligt in der DDR lebte). Seither gilt Theodor Lessing als erstes prominentes NS-Opfer im Ausland und hat dadurch eine postume Sakralisierung erfahren. Darauf beschränkt sich zumindest die heutige Wahrnehmung, was seiner Person nicht gerecht wird, die wie kaum eine zweite zeit seines Lebens im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik stand. Sein tragisches Schicksal darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Lessing eine zerrissene Persönlichkeit war. Unmittelbar nach seinem Tod war die Einschätzung der Person Lessings weitaus differenzierter. So gab es Stimmen auf seiten der Linken, die in ihm nicht lediglich das Opfer sahen. Der nach London emigrierte Kurt Hiller bemerkte, „daß dieser Professor und Literat die Kugel gießen half, die ihn niederstreckte“. Thomas Mann schrieb 1934: „In der Hauptsache aber war er einer Gesinnung mit seinen Mördern.“ Beide spielen damit auf Lessings pessimistisches Menschenbild, seine Geringschätzung der Vernunft und der Fortschrittsidee an, die sich in seinen bekanntesten Büchern „Europa und Asien. Untergang der Erde am Geist“ (1918, 1930) und „Die verfluchte Kultur“ (1921) finden. Die Gleichsetzung ist in dieser Schlichtheit nicht stichhaltig, hat aber einen wahren Kern. Die genannten Schriften sind eine einzige Anklage gegen den „judäo-christlichen Mythos“, der die Erde zu einer menschlichen Persönlichkeit gemacht und das „alldurchflutete Lebensgefühl“ auf die „Fortschrittsbahn planetarischer Menschheit“ verengt habe. Träger dieser Vernutzung der Erde ist der „europäisch-amerikanische Mordmensch“ aus dem „kaukasischen Raubaffengeschlecht“. Der Mensch ist wie bei Nietzsche oder Spengler ein Raubtier, und Lessing war mit seiner Geist- und Vernunftkritik ein Gegenaufklärer. Der große Unterschied zu seinen Mördern liegt in den Konsequenzen, die er daraus zog. Im Gegensatz zu seiner philosophischen Haltung war seine praktische Tätigkeit der Emanzipation und Aufklärung gewidmet. Er war Lehrer an Reformschulen, gründete die Volkshochschule in Hannover, engagierte sich für die Frauenbewegung und gründete einen Anti-Lärm-Verein. Bei seiner unermüdlichen publizistischen Tätigkeit ließ Lessing jedoch des öfteren unmenschliche Töne verlauten, was seinen Ruf nachhaltig ruinierte. Eine gewisse Oberflächlichkeit wirkte dabei in Verbindung mit der Verkündigung absoluter Werturteile über Personen und Werke verheerend. Das einschneidendste Erlebnis in dieser Richtung war sicher sein Streit mit Thomas Mann im Jahr 1910. Lessing hatte eine Besprechung eines Buches des Literaturkritikers Samuel Lublinski veröffentlicht (ohne es gelesen zu haben), die weniger eine Rezension als eine üble Verhöhnung Lublinskis war („Auf ein paar ganz kurzen fahrigen Beinchen ein fettiges Synagöglein“) und vor antisemitischen Klischees nur so strotzte. Nun war Lessing selber Jude und wollte diesen Aufsatz als Satire verstanden wissen. Thomas Mann, der sich Lublinski verpflichtet fühlte, konterte und charakterisierte Lessing als „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse“, die sich durchs Leben ducke. Diese Auseinandersetzung paßte sich gut in Lessings bisheriges Leben ein, das von Zurücksetzungen, die er nicht nur als Jude erfahren hatte, bestimmt war. Die Jugend von Theodor Lessing, der am 8. Februar 1872 in Hannover geboren wurde, war durch drei Dinge geprägt: den Haß auf den Vater, Probleme in der Schule und die Freundschaft mit Ludwig Klages. Über all das hat er ausführlich in seinen posthum erschienenen Lebenserinnerungen „Einmal und nie wieder“ (1935) berichtet. Was davon stimmt, läßt sich insbesondere im Bezug auf Klages schwer sagen. Lessing studierte erst Medizin, dann Philosophie, in der er promoviert wurde. Aus seinem schweren Lebensweg leitete er die Devise „Wissen aus Leid“ ab, seine Antrittsvorlesung als Privatdozent 1908 behandelte die „Philosophie der Not“. Also machte Lessing aus dieser Not eine Tugend und sah sich selbst als Märtyrer der Wahrheit. 1925, beim aufsehenerregenden Haarmann-Prozeß, verscherzte er sich in Hannover alle Sympathien, weil er darauf beharrte, daß „alle“ Menschen Schuld am Mörder Haarmann seien. Als Hindenburg sich im gleichen Jahr zur Reichspräsidentenwahl stellte, veröffentlichte Lessing im linksliberalen Prager Tageblatt, seinem Stammblatt dieser Jahre, eine Charakterstudie, die Hindenburg als schlichtes Gemüt behandelte und in die bekannten Sätze mündete, leider zeige die Geschichte, daß „hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht“. Was heute eher prophetisch klingt, wurde damals insbesondere von der nationalen Studentenschaft als Provokation begriffen, als Angriff auf den Weltkriegshelden Hindenburg. Die Proteste nahmen unvorstellbare Ausmaße an: Nicht nur daß die Vorlesungen Lessings gestört und verhindert wurden, die ganze Studentenschaft Hannovers verließ demonstrativ die Stadt Richtung Braunschweig. Max Scheler stellte angesichts dieses Skandals fest, daß „Lessings geheimer Wille nach Martyrium geradezu schreit“. Aber Lessing war eindeutig im Recht, seine Meinung durfte er frei äußern. Die studentischen Rädelsführer wurden gemaßregelt. Am Ende hatte die Rechte einen neuen Lieblingsfeind, und Lessing mußte sich dazu überreden lassen, statt des Lehrauftrags einen Forschungsauftrag wahrzunehmen, um den Studenten keinen Anlaß zum Protest mehr zu geben. Lessing nutzte die Zeit, um seine Hauptwerke „Europa und Asien“ und „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919, 1927) in ihre endgültige Form zu bringen, aber auch um ein Lebensthema zum Abschluß zu bringen: die Auseinandersetzung mit dem „jüdischen Selbsthaß“ (1930). Lessing hatte sich 1893 evangelisch taufen lassen, um sieben Jahre später wieder in die Jüdische Gemeinde zurückzukehren. Die Suche nach seinem jüdischen Selbstverständnis, das ihm das Elternhaus nicht bieten konnte, führte ihn bis nach Galizien, wo es ihm schwerfiel, zwischen den Ostjuden und sich selbst irgendeine Verwandtschaft zu erkennen. Eine Studie aus dem Jahr 1910 (2007 unter dem Titel „Intellekt und Selbsthaß“ erschienen) zeigt Lessing bereits als schärfsten Kritiker seiner selbst. Sein Verhältnis zum Judentum war eine Haßliebe, die extreme Formen annehmen konnte. Wenn es darum ging, Juden zu kritisieren, schreckte er vor den hämischsten Klischees nicht zurück. Er nahm für sich in Anspruch, diese Kritik üben zu dürfen, weil sein Urteil aus Liebe herrühre und letztlich nichts anderes sei als „Gericht über sich selbst“. Ist nun der „jüdische Selbsthaß“ auch der Schlüssel zu Lessings Denken und Handeln? Sein Werk und Andenken droht heute, nach langem Vergessen, wieder denen anheimzufallen, die zur Differenzierung unfähig sind. Hagiographie und selektive Auswahl der Werke sind der Standard. Über Theodor Lessing wissen wir noch viel zu wenig, um uns ein abschließendes Urteil über ihn zu erlauben. Fest steht jedoch, daß sich bestimmte seiner Gedanken als gültig erwiesen haben, über Zeit und Ort hinaus. Wenn Lessing die Juden durch ihr Gefühl des Schuldigseins charakterisiert und Israel als den „Sündenbock der Geschichte“ bezeichnet, fällt auf, daß nur das Subjekt ausgetauscht wurde. Foto: Theodor Lessing: Die Rechte hatte einen neuen Lieblingsfeind

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