Joachim Kuhs

 

Kristalline Geschliffenheit

Was verbindet einen Arzt der vorchristlichen Antike mit einem römischen Kaiser des 2. Jahrhunderts n. Ch. mit einem französischen Essayisten des 16. Jahrhunderts mit einem spanischen Jesuiten des 17. Jahrhunderts mit einem deutschen Physiker des 18. Jahrhunderts mit einem irischen Dandy des 19. Jahrhunderts mit einem kolumbianischen Philosophen des 20. Jahrhunderts mit einem zeitgenössischen deutschen Schriftsteller wie Botho Strauß? Nun, sie alle — Hippokrates, Marc Aurel, Michel de Montaigne, Baltasar Gracián, Georg Christoph Lichtenberg, Oscar Wilde, Nicólas Gómez Dávila und eben Botho Strauß — sind, neben ihren sonstigen Begabungen, herausragende Aphoristiker. Künftig wird man dazu auch einen Mann zählen dürfen, der bislang vor allem als Journalist und Romanschriftsteller („Das Land der Wunder“, JF 52/05-1/06) auf sich aufmerksam gemacht hat. Michael Klonovsky, im Hauptberuf derzeit als Textchef beim Münchner Nachrichtenmagazin Focus beschäftigt, hat einen Band mit Aphorismen vorgelegt. „Jede Seite ist die falsche“ lautet der programmatische Titel dieses zwar schmalen, aber gehaltvollen Büchleins. „Unverzeihlich bleibt allein die Denunziation“ Aphorismen: Oft belächelt und nicht ernst genommen, sind sie die wohl am meisten unterschätzte literarische Gattung und künstlerische Ausdrucksform. In Umkehrung eines gemeinhin, wenn auch verfälscht dem begnadeten österreichischen Sprach- und Kulturkritiker Karl Kraus (1874—1936) zugeschriebenen Bonmots muß ein guter Aphoristiker nicht nur einen Gedanken haben, er muß auch fähig sein, ihn auszudrücken. Und zwar kurz, knapp, bündig, präzise. Mit Esprit, Eleganz und kristalliner Geschliffenheit. Bei dem Sprachvirtuosen Klonovsky, der keine Scheu vor „Reizworten und Alarmbegriffen“ hat (Carlos A. Gebauer im Vorwort), liest sich dann so: „Ist das Kampfgetümmel der Diskurse beendet, bleiben auf dem Schlachtfeld die Mundtoten zurück.“ — „Man sieht auch am demokratischen Verhalten, wer zum Nazi getaugt hätte.“ — „Gesinnungen sind biographisch bedingt und fast immer tolerierbar. Unverzeihlich bleibt allein die Denunziation.“ Das sitzt perfekt. Gern hat Klonovsky auch den Großmufti der Kritischen Theorie: „Das Werk des Jürgen Habermas, liest man, sei in alle großen Sprachen der Welt übersetzt worden. Außer ins Deutsche.“ Treffer? Versenkt! Thorsten Thaler Michael Klonovsky: Jede Seite ist die falsche. Aphorismen und Ähnliches. Lichtschlag Buchverlag, Grevenbroich 2008, gebunden, 112 Seiten, 19,90 Euro

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