Historischer Weltanschauungskrieg

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA), das im vergangenem Jahr sein 50jähriges Bestehen feiern durfte, hat sich nahezu von Anfang an als Aufgabe gestellt, die deutsche Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu erarbeiten und es damit seiner Vorgängerinstitution, dem Reichsarchiv, gleichzutun, das zwischen 1923 und 1944 bzw. 1956 eine insgesamt 17bändige Geschichte des Ersten Weltkriegs herausgegeben hatte. Allerdings gab es von vornherein einen entscheidenden Unterschied: Die schriftlichen Überlieferungen der Wehrmacht befanden sich, sofern sie überhaupt erhalten geblieben waren, nach der Kapitulation 1945 zunächst für viele Jahre fast vollständig in der Hand der Siegermächte. Als diese dann etwa ab Beginn der sechziger Jahre nach und nach zurückflossen, erstellte man verschiedene Konzeptionen, wie man am besten hinsichtlich der neuen Weltkriegsgeschichte ans Werk gehen sollte. Dabei setzte sich schließlich die Idee durch, zunächst einmal eine größere Zahl von Monographien zu erstellen. Dadurch sollte einerseits der anfänglich noch sehr unterschiedlichen Quellenlage Rechnung getragen und andererseits eine breite gleichartige Grundlage geschaffen werden, auf der dann in einem zweiten Takt eine von einheitlichen Voraussetzungen ausgehende, gestraffte Geamtgeschichte des Zweiten Weltkriegs entstehen konnte. Dieser Plan wurde zunächst in die Tat umgesetzt, indem einzelne Personen oder Gruppierungen im Forschungsamt bestimmte Themen in Angriff nahmen und zum Teil auch abzuschließen vermochten. Mitten in diese Phase hinein fiel dann allerdings der Beginn der sozial-liberalen Bundesregierung, die – von dem ihr eigenen Geschichtsverständnis ausgehend – baldmöglichst ein „offizielles“ Werk der Bundesrepublik Deutschland über den Zweiten Weltkrieg zu sehen wünschte, um vor allem der Sowjetunion und der DDR, die seinerzeit mit entsprechenden Veröffentlichungen von sich reden machten, nicht alleine das Feld zu überlassen. So wurden dann überstürzt zwei Gruppen zusammengestellt, die dafür zu sorgen hatten, daß bis zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsbeginns die ersten beiden Bände erscheinen konnten. Trotz des dadurch heraufbeschworenen Zeitdrucks und daraus resultierender Probleme im Hinblick auch auf die Gesamtkonzeption wurden damals Maßnahmen getroffen, um die vielbändige Ausgabe auf den „richtigen“ Weg bringen zu können. Hierzu gehörte vor allem die Wahl des Titels für das Gesamtwerk, der bewußt als programmatische Vorgabe zu verstehen war und in der Folge auch im wesentlichen nie außer acht gelassen worden ist. Dies bedeutete beispielsweise, daß das Weltkriegswerk des MGFA – so widersinnig es klingen mag – möglichst wenig „Kriegsgeschichte“ bieten sollte. Die entsprechend unterschiedliche Behandlung der beiden ersten Bände trug dieser Prämisse denn auch gleich voll und ganz Rechnung. Sie setzten damit zugleich deutliche Markierungen für alle folgenden Teile des Gesamtwerkes. Dies gilt insbesondere auch für die von Anfang an praktizierte Sicht auf die Rolle der Wehrmacht in den Jahren 1939 bis 1945: Diese fällt überwiegend negativ aus und erinnert in ihrer Einseitigkeit und Undifferenziertheit stark an die entsprechenden Vorgehensweisen einer sattsam berüchtigten Ausstellung. Nur wenige Beiträge, die sparsam genug auf die verschiedenen Bände verteilt wurden, stellen Konzessionen dar, die sich entweder – aus welchen Gründen auch immer – nicht umgehen ließen oder deren Autoren stark genug waren, um gegen den Strom zu schwimmen. Betrachtet man nunmehr den Band 8 des Gesamtwerkes, so scheint er auf den ersten Blick der Tendenz der bisher erschienenen zehn Teile des Weltkriegswerkes (dessen Bände 5 und 9 bestehen aus jeweils zwei Hälften) erheblich zuwiderzulaufen. Er ist mit seinem Gesamtumfang von 1.320 Seiten nicht nur quantitativ gesehen der „Spitzenreiter“ aller bisher erschienenen Bände, sondern auch inhaltlich das Beste, was unter den gegebenen Umständen überhaupt erreichbar gewesen sein dürfte. Dies ist offensichtlich vor allem das Verdienst von Karl-Heinz Frieser, der in gewohnt gekonnter Art, unterstützt durch erstklassiges Kartenmaterial, kenntnisreich und souverän die großen Schlachten der Nach-Stalingrad-Ära im Osten bis fast zum Ende des Jahres 1944 darstellt. Da Frieser zugleich auch als Herausgeber des gesamten 8. Bandes fungiert hat, tragen auch die übrigen operativen Teile, die nahezu den geschlossenen Kernbereich dieses Buches einnehmen, unverkennbar seine persönliche Handschrift. Dies gilt vor allem für die Beiträge von Klaus Schönherr und Kristián Ungváry, denen damit das Verdienst zukommt, ebenfalls eine – der Lage angepaßte – klare kriegsgeschichtliche Darstellung abgeliefert zu haben. Somit konnten sie wesentlich daran mitwirken, daß der vorletzte Beitrag zum MGFA Weltkriegswerk überwiegend positive Aspekte aufweist. Man kann allerdings auch nicht darüber hinwegsehen, daß es an diesem Buch einiges auszusetzen gibt: Die Ursachen dafür sind teilweise in der geschilderten Entwicklung des Weltkriegswerkes, aber auch in den Texten des Bandes 8 zu suchen. Dieser behandelt entgegen der Formulierung seines Haupttitels nicht nur „die Ostfront 1943/44“, sondern auch – wie es dann im Untertitel erweiternd heißt – den Krieg „an den Nebenfronten“. Nicht erwähnt wird dabei allerdings, daß die Kämpfe im Osten teilweise auch bis zum Kriegsende (so in Kurland) dargestellt werden. Und ob Ungarn, Skandinavien, Jugoslawien, Griechenland oder Italien zum damaligen Zeitpunkt wirklich „Nebenfronten“ waren, darf tunlichst angezweifelt werden, zumal auch die dortigen Ereignisse bis 1945, so wie sie im Buch wiedergegeben sind, eindeutig das Gegenteil belegen. Wirken schon diese und andere eher formale Mängel irritierend, so wird dieser Eindruck bei einem Blick auf die inhaltliche Gestaltung noch erheblich verstärkt: Dies gilt insbesondere für die Reihenfolge der einzelnen Kapitel, die zudem, wie schon erwähnt, in unterschiedlichen Zeitrahmen präsentiert werden. Dies ist übrigens ein weiteres „Erbe“ der bisher erschienenen Bände, die zumeist eine wenig glückliche Themeneinteilung bzw. -abgrenzung bereits vorweggenommen haben. Eine solche „Gemengelage“ erscheint im Band 8 besonders erwähnens- und bedauernswert, weil man sich einerseits endlich von der Abneigung gegen das operative Geschehen gelöst hat, diese Abkehr aber andererseits immer wieder rückgängig zu machen versucht. Besonders trifft das auf die mehrfachen Ausführungen von Bernd Wegner zu, die vor allem die wirklich komplette Darstellung Friesers „einrahmen“ beziehungsweise unterbrechen. Sie sind unnötig, weil sie nichts wesentlich Neues bringen und den Eindruck erwecken, als ob damit doch die geringe Wertigkeit der „Kriegsgeschichte“ unter Beweis gestellt werden könne. Somit bleiben zum Schluß doch einige Zweifel bestehen, ob man trotz der noch einmal zu betonenden hervorragenden operativen Darstellungen im Band 8 des MGFA-Werkes und einiger anderer, ähnlich gelagerter Beiträge in den weiteren bisher erschienenen Teilen im Endeffekt von einer wirklich fundierten, kompletten und damit gelungenen Geschichte des Zweiten Weltkrieges – und nicht einer des Dritten Reiches – aus deutscher Sicht wird sprechen können. Dies gilt erst recht, als auch in dem Band 8 erneut unglaublich einseitige, undifferenzierte und jeder wissenschaftlichen Verantwortung widersprechende Urteile hinsichtlich der Wehrmacht als dem Hauptträger der deutschen Kriegführung gefällt werden. Dies ist nicht nur bedauerlich im Hinblick auf die Verfasser von Beiträgen, deren ansonsten hervorragende Leistungen dadurch Einbußen erleiden, sondern auch für das MGFA und sein Renommee. Daß die Männer, die diese Dienststelle 1957 aus der Taufe gehoben haben, vom ersten Amtschef angefangen fast ausschließlich der angeblich so „verruchten“ Wehrmacht entstammten, ließe sich heute als Ironie der Geschichte werten. Dr. Horst Rohde , Oberstleutnant a.D., arbeitete als Militärhistoriker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MFGA) in Freiburg. Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr, Gerhard Schreiber, Krisztián Ungváry, Bernd Wegner: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 8. Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Deutsche Verlagsanstalt, München 2007, gebunden, 1.350 Seiten, 49,80 Euro Foto: Offiziere der Roten Armee inspizieren einen deutschen Beutepanzer (Panzerjäger Tiger „Elefant“) nach der Schlacht von Kursk, Sommer 1943: Möglichst wenig „Kriegsgeschichte“ bieten

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